Welt der Wunder

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In Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, trafen bereits mehrere Bomben das Stadtzentrum.

Foto: Envato / Sandsun

Putins Rede zum Ukraine-Krieg: Faktencheck seiner Argumente

Die Ukraine konnte nur durch die Sowjetunion entstehen. Auch darüber sprach Wladimir Putin in seiner Rede am 21. Februar 2022. Aber Putins Rede enthielt geschichtliche Fehler. Welt der Wunder sprach mit der renommierten Osteuropahistorikerin PD Dr. Heidi Hein-Kircher und bietet den Faktencheck.

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In Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, trafen bereits mehrere Bomben das Stadtzentrum. Welt der Wunder berichtete aktuell darüber, was passieren könnte, wenn Putin im Krieg eine Atombombe einsetzten würde, über die Funktion der NATO im Konflikt und über die Auswirkungen eines Aus für russisches Öl und Gas.

Wie bewerten Sie Putins Aussage, dass die moderne Ukraine durch die bolschewistische Revolution erschaffen wurde?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Putin hat fortgeführt, was er im vergangenen Jahr schon mit einem längeren Aufsatz dargelegt hat. Er begründete die Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland mit dem 10. Jahrhundert. Also mit der Staatsgründung der Kiewer Rus, um eine lange Kontinuität zwischen damals und heute zu schaffen. Die gesamte ukrainische Staatsbildung hat er darauf reduziert, dass im Zuge der [bolschewistischen] Revolution und des darauffolgenden Bürgerkrieges die Ukraine durch die Bolschewiki geschaffen worden ist.

Was meint Putin, wenn er von der Kiewer Rus spricht?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Die Frage ist: Wie deute ich Geschichte? Die Geschichte der Kiewer Rus und deren Anfänge ist durch unterschiedliche Gruppen seit dem 19. Jahrhundert verschieden  interpretiert worden. Martin Schulze Wessel (Prof. Dr. Martin Schulze Wessel lehrt Geschichte Ost- und Südosteuropas an der LMU München, Anmerkung der Redaktion) hat das neulich ganz gut gefasst. Wir Deutschen würden auch nicht auf das Frankenreich zurückgreifen und damit Ansprüche erheben. Genauso muss man sich das dort vorstellen. Die Kiewer Rus wurde durch Erbteilungen aber auch durch den Einfall der Tataren geschwächt und dann zerstört. Im 13. Jahrhundert hat sich Moskau als neues Fürstentum entwickelt. Das ist eine Geschichte eines Zerfalls bei dem sich ein abgelegener Zweig der Dynastie in ein neues Großfürstentum [Moskau] entwickelt hat. Man muss aber aus heutiger Perspektive fragen, inwieweit eine solche Staatsgründung zur Legitimation der heutigen Staatlichkeit herangezogen werden kann. 

Das ist das Problem oder die Stärke von Geschichtspolitik. Geschichtspolitik fragt nicht, ob etwas hundertprozentig wahr ist. Geschichtspolitik versucht, eine Interpretation durchzuziehen, aufzubauen, zu festigen, um daraus eigene Ansprüche abzuleiten und diese zu legitimieren.

Was meinen Sie, wenn Sie von der Geschichtspolitik Putins sprechen?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Geschichtspolitik beschreibt die Versuche von politischen Akteuren, Geschichte nutzbar zu machen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Geschichtspolitik argumentiert zwar mit der Geschichte und ist rückwärtsgewandt, wirkt aber immer auch zukunftsweisend. Was für einen selbst wichtig ist wird als besonders wichtig und herausragend bewertet.

Wo sehen Sie die Geburtsstunde der modernen Ukraine?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Wir sprechen jetzt nicht vom Staat, sondern von der Nation. Bereits 1848-49 ist eine ruthenische Nationalbewegung deutlich geworden. Als Ruthenen bezeichnete man die ostslavisch sprechende Bevölkerung im Kronland Galizien (heute vom Westen der Ukraine bis zum Süden Polens), das zur Habsburgermonarchie gehörte. Der Begriff Ukraine kam erst später. Im habsburgischen Teil wurde dieser zunehmend von den Nationalisten verwendet. Letztlich hat sich der Begriff der Ukraine im Ersten Weltkrieg durchgesetzt. Doch es gab auch eine Spaltung der nationalen Bewegung. Manche waren auf die die österreichische Herrschaft hin orientiert, andere orientierten sich an dem russländischen Imperium.

Es gab auch in den nicht-habsburgischen Teilen der Ukraine eine entstehende Nationalbewegung. Diese Bewegung hat durch die Ereignisse im Ersten Weltkrieg noch mal einen Schwung erhalten. Diese Entwicklung ging bis ungefähr Mitte der 1930er Jahre. Oder besser gesagt bis zum Holodomor. Bis dahin hatte man tatsächlich versucht, die ukrainische Kultur und Sprache zu fördern. Durch den Holodomor wurde das Zunichte gemacht.

Wie trug der Holodomor zur Nationenbildung bei?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Der Holodomor ist für mich einer der wichtigsten Ansatzpunkte für eine moderne ukrainische Identität. Weil man damit eine Erzählung bilden kann, dass die Sowjetunion eine Katastrophe für die Ukraine war. Insofern ist der Holodomor im Geschichtsbewusstsein aktueller denn je. Auch in der gesamten Erinnerungskultur ist das ein wesentlicher Faktor. (Der Holodomor war eine menschengemachte Hungersnot in der Sowjetunion der 1930er Jahre, an der mehr als drei Millionen Ukrainer starben, Anmerkung der Redaktion)

Wird dieses historische Ereignis in Russland anders kommuniziert als in der Ukraine?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Ja und das ist wieder die Frage der Interpretation. Für die ukrainische Identität ist dieses bewusste verhungern lassen durch das Sowjetregime der Anknüpfungspunkt, um auch zu zeigen, wie schlecht die Sowjetunion zur Ukraine war. Geschichtsbewusstsein aktueller denn je. Auch in der gesamten Erinnerungskultur ist das ein wesentlicher Faktor.

Warum gibt es Gruppen, die sich nicht der Ukraine zugehörig fühlen und sich heutzutage „Novorossiya“ oder Neurussland nennen?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Ich würde erstmal mit Novorossiya beginnen. Das ist ein Begriff, der unter Katharina der Großen geprägt wurde, als im Zuge der des Russländischen Imperiums die Expansionspolitik das Schwarze Meer erreichte. Das eroberte Küstengebiet nördlich des Schwarzen Meeres wurde als Neurussland oder Novorossiya bezeichnet. Das ist wieder ein geschichtspolitischer Anknüpfungspunkt, um zu legitimieren, dass man dort Ansprüche hat.

Man muss auch deutlich sagen, dass das Social Engineering, also die Entwurzelung und ethnische Säuberungen, Deportationen Stalins, um ein neues sowjetisches Volk zu schaffen auch dazu geführt hat, dass sich in den Gebieten andere Sprachverhältnisse entwickelt haben. Das Ukrainische war immer schon eine Sprache, die weniger geschrieben wurde. Es entwickelte sich insbesondere seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Schriftsprache. Aber letztlich trägt das Argument nicht mehr. Besonders nicht nach den Ereignissen von 2014. Gerade dort fand eine Infragestellung des russländischen Narrativ statt. Vieles hat sich außerhalb der Separatistengebiete anders entwickelt als in der Rede Putins dargestellt.

Sehen Sie persönlich eine Legitimation für den Krieg?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Nein, es gibt einen historischen Rückgriff, aber das ist eine nationalistische Interpretation. Diese Art von Entwicklung ist bis zum aufkommenden Nationalismus gar nicht im Denken gewesen.

Was denken Sie über Putins Aussage zur spirituellen und kulturellen Gemeinsamkeit von Russland und der Ukraine?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Er hat Schriftsteller zitiert, die in beiden Sprachen geschrieben haben, was damals ganz üblich war. Denn das Ukrainische als Schriftsprache, als Hochsprache, hat sich ja auch erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gefestigt. Das Russische war auch die imperiale Sprache. Das darf man auch nicht vergessen. Wenn ich mich im imperialen Kontext befinde, nehme ich natürlich die Lingua franca.

Und was meint er mit dem gemeinsamen „spirituellen Raum“?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Das ist die Orthodoxie. Auch da hat er eine historische Brücke geschlagen. Doch es gab vor einigen Jahren einen Streit, in dem die geistige, spirituelle Dominanz des Patriarchats in Moskau angezweifelt wurde. Letztlich reklamierte die Ukraine für sich eine Eigenständigkeit. Denn zuvor versuchte die die russisch-orthodoxe die geistige Oberhoheit Einfluss auf die in der Ukraine lebenden orthodoxen Gläubigen zu nehmen.

Ist die Ukraine mit der Veränderung der Grenzen, Sprach- und Herrschaftsverhältnisse eine Besonderheit in Osteuropa?

PD Dr. Heidi Hein-Kircher: Man kann sich die Westverschiebung Polens anschauen. Trotzdem stellt keiner mehr die Grenzen heute infrage. Die Tschechoslowakei hat damals die Karpatenukraine verloren. Es sind in verschiedenen Ländern durch Kriege Territorien verloren gegangen und Grenzen haben sich verschoben. Trotzdem wird die staatliche Integrität hier nicht angezweifelt.

Zur Person: Heidi Hein-Kircher

PD Dr. Heidi Hein-Kircher ist Osteuropahistorikerin und stellvertretende Vorsitzende vom Verband der Osteuropahistorikerinnen und -historiker e.V. (VOH) sowie Ko-Sprecherin der Fachgruppe Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V. (DGO).

Portait Heidi Kircher
Foto: WiWoi CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
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