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Atomkrieg: Wie sich Nuklearwaffen in Deutschland auswirken würden

Atombomben in Deutschland: Was wäre, wenn?

Eine Luftaufnahme zeigt Agrarlandschaft, Dörfer und Hügel, die im Falle eines Atombombenangriffs auf Deutschland nicht mehr existieren würden.

Die Gefahr eines Nuklearkriegs stuften Forschende bereits vor Russlands Angriff auf die Ukraine als hoch ein. Eine Studie im Auftrag von Greenpeace zeigt, welche Folgen ein atomarer Angriff auf Deutschland hätte.

Eine Luftaufnahme zeigt Agrarlandschaft, Dörfer und Hügel, die im Falle eines Atombombenangriffs auf Deutschland nicht mehr existieren würden.
EdVal / Envato

Würde eine Atombombe über Deutschland abgeworfen, würden mehrere 100 Quadratkilometer innerhalb von Sekunden verdampfen.

Nach Angaben aus dem Jahr 2019 existieren auf der Welt etwa 13.850 Atomwaffen. Die meisten davon sind in Besitz der USA (Vereinigte Staaten von Amerika) und Russland. Jeweils etwa 6000 Waffen sollen die beiden Länder besitzen. China, Frankreich sowie Großbritannien als offizielle und Indien, Israel, Nordkorea sowie Pakistan als inoffizielle Atomwaffen-Staaten besitzen die übrigen.

Was eine Atombombe von anderen Waffen unterscheidet

Atombomben, auch Nuklear- oder Kernwaffen genannt, gelten derzeit als die stärkste Waffe, die jemals entwickelt wurde. Ihre zerstörerische Energie entsteht durch Kernspaltung und Kernverschmelzung von radioaktiven Materialien wie hochangereichertem Uran oder Plutonium. Eine Explosion setzt neben Druck und Hitze auch radioaktive Strahlung frei. Dadurch werden große Gebiete innerhalb von Sekunden zerstört und tausende Menschen getötet.

Die Kraft, die durch eine Detonation entsteht, wird in Kilotonnen (kt) und Megatonnen (mt) angegeben. Eine atomare Explosionsenergie von einer Kilotonne entspricht der Energiemenge, die bei der Explosion von 1000 Tonnen Trinitrotoluol (TNT) entsteht. Eine Megatonne entspricht der Kraft von 1.000.000 Tonnen TNT.

Die Atombombe „Little Boy“, die am 6. August 1945 über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen wurde, hatte unterschiedlichen Angaben zufolge eine Explosionskraft von 12 bis 18 Kilotonnen. Zur Atombombe „Fat Man“, die zwei Tage später über Nagasaki abgeworfen wurde, wird eine Explosionsenergie von 21 Kilotonnen angegeben.

Strategische und taktische Atomwaffen: Das sind die Unterschiede

Atomwaffen, die in einem Gefecht eingesetzt würden, sind im Verhältnis kleiner und haben eine entsprechend geringere Explosionskraft. Sie gelten als taktische Atomwaffen, auch nukleare Gefechtswaffe genannt. Ebenso wie taktische konventionelle Waffen, sollen gegnerische Truppen damit zurückgedrängt werden. Die Auswirkungen einer taktischen Kernwaffe ist dennoch verheerend. Zwar ist der Wirkradius im Vergleich zu strategischen Atomwaffen klein, die Zerstörungskraft jedoch sehr hoch.

Strategische Nuklear-Waffen haben eine weitaus höhere Sprengkraft. Sie zielen auf das Hinterland, um zu zerstören und damit den Feind zu schwächen.

Was bei einer Atomwaffen-Explosion passiert: Hitze, Druck, Fallout

Wird eine Nuklearwaffe gezündet, steigt die Temperatur des radioaktiven spaltbaren Materials. Das aktiviert eine Reihe physikalischer Prozesse, durch die wiederum eine große Menge Energie entsteht. Die Physikerin Oda Becker gibt in einer Untersuchung an, dass etwa 85 Prozent der Explosionsenergie als Druckwelle und Hitzestrahlung freigesetzt werden. Fünf Prozent werden innerhalb einer Minute als Sofortstrahlung abgegeben. Die Reststrahlung macht dann noch immer zehn Prozent aus.

In Folge einer Nuklearwaffen-Explosion entsteht ein radioaktiver Niederschlag, auch Fallout genannt. Radioaktive Partikel fallen während und nach der Detonation auf die Erde, lagern ein und verstrahlen das Umfeld. Schwerere Partikel in einer Größe von mehreren Millimetern fallen meist nahe der Explosion nieder. Kleinste Teilchen im Bereich von Mikrometern werden wie eine Wolke durch die Luft weitergetragen, bis sie niederschweben.

Atombomben in Deutschland: Szenarien wissenschaftlich berechnet

Die Physikerin Oda Becker hat 2020 im Auftrag von Greenpeace die Auswirkungen eines Atomangriffs auf Deutschland untersucht. In Anlehnung an eine Studie aus den USA berechnete sie Szenarien mit einer taktische 20 kt-Bombe sowie die Auswirkungen einer strategischen 550 kt-Bombe. Außerdem wurde die Detonation einer 170 kt-Atombombe in Büchel in Rheinland-Pfalz berechnet. Dort lagern amerikanische Nuklearwaffen dieses Kalibers in einem Fliegerhorst.

Wie genau sich Atombomben auf die Umgebung und die Bevölkerung auswirken, hängt von unzähligen Faktoren zu exakt diesem Zeitpunkt ab: Wetterlage und Uhrzeit beeinflussen beispielsweise die Anzahl der Menschen, die sich außerhalb von Gebäuden aufhalten. Die Erkenntnisse dieser Studie basieren teilweise auf Annahmen und Durchschnittswerten für die Metropolen Berlin und Frankfurt am Main.

Szenario mit einer taktischen 20 Kilotonnen-Kernwaffe

Explodiert eine 20 kt-Nuklearbombe, würde ein Feuerball im Umkreis von etwa 260 Metern alles verdampfen: Lebewesen, Bäume, Gebäude. In einem Radius von 590 Metern entstünden schwere Explosionsschäden. Der Überdruck kann Beton zerstören, nahezu 100 Prozent der Menschen in diesem Gebiet würden sterben. Im Bereich von etwa 1410 Metern wäre die Strahlendosis so hoch, dass sie für Lebewesen tödlich ist. Wenn nicht unmittelbar, so würde die Kombination aus Strahlung, Verbrennungen und Verletzungen durch die Druckwelle in wenigen Wochen Menschen in diesem Bereich töten.

Das Fallout-Gebiet, in dem sich eine Wolke aus verstrahlten Partikeln ausbreitet, erstreckt sich je nach Windrichtung und Windstärke in eine Entfernung von bis zu 102 Kilometern. In diesen Gegenden kann die Strahlenbelastung so hoch sein, dass schwere Langzeitfolgen wie Krebserkrankungen und Erbschäden möglich sind.

Szenario mit einer strategischen 550 Kilotonnen-Atomwaffe

Die Folgen einer explodierenden 550 kt-Kernwaffe würden sich bis zu einer Entfernung von 303 Kilometern ausbreiten. In einem Radius von 990 Metern würde ein Feuerball alles dem Erdboden gleich machen. Bauwerke aus Beton würden 1780 Meter um den Explosionsort zerstört oder stark beschädigt. In diesem Bereich muss man von einer 100-prozentigen Sterblichkeit ausgehen.

Im Radius von 3750 Metern zerstört die Explosion Gebäude und löst Brände aus. Brandverletzungen dritten Grades treten in einem Radius von 8240 Metern – einer Gesamtfläche von 44,2 Quadratkilometern – auf. Das Fallout-Gebiet erstreckt sich je nach Windstärke und Richtung auf einer Fläche von 2669 Quadratkilometern.

Was wäre, wenn die 170 Kilotonnen-Kernwaffe in Büchel explodiert?

Sollte in Büchel in Rheinland-Pfalz eine 170 kt-Atombombe explodieren, würde der Feuerball eine Fläche von 1,22 Quadratkilometern verdampfen. Das entspricht einem Radius von 620 Metern. In 1210 Metern Entfernung und auf einer Fläche von 4,57 Quadratkilometern gäbe es schwere Explosionsschäden. Im Umkreis von 1980 Metern wäre die Strahlendosis noch immer tödlich und in 2540 Metern Entfernung von der Explosion würden Gebäude zerstört. Im Radius von 4930 Metern sind im Ernstfall Brandverletzungen dritten Grades zu erwarten.

Am Beispiel des Ortes Büchel haben Berechnungen ergeben, dass davon auf einer Fläche von 76,4 Quadratkilometern etwa 15.700 Menschen betroffen wären. Das Fallout-Gebiet in diesem Szenario erstreckt sich je nach Wetter in Entfernungen von bis zu 216 Kilometern.

Wie groß das Risiko für Deutschland ist

Wenige Tage nach dem bewaffneten Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 stellte Russlands Präsident Wladimir Putin seine Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft. Das aus seiner Sicht „aggressive Verhalten“ der Nato und die Sanktionen westlicher Staaten würden ihn dazu veranlassen, hieß es in der Ansprache.

Laut deutscher Bundesregierung nimmt man die Äußerung sehr, sehr ernst. In der Pressekonferenz vom 28.2.2022 sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit weiter: „Gleichzeitig haben im Bedrohungsszenario auch Nuklearwaffen immer eine Rolle gespielt und ist insoweit andererseits auch die Abwehr von Nuklearwaffen immer mitgedacht.“ Es gäbe Abwehrmaßnahmen, die aus strategischen Gründen nicht erläutert werden, heißt es weiter.