Welt der Wunder

Nicht glauben, sondern wissen

Die Grünfin-Gründerinnen Karin Nemec (links) und Triin Hertmann.

Foto: Jake Farra

So lohnt sich nachhaltiges Investieren auch in der Krise

Seit dem Krieg in der Ukraine gleicht das Geschehen an den internationalen Börsen einer Berg- und Talfahrt. In solchen Krisenzeiten sollte unter keinen Umständen nachhaltig investiert werden. Oder doch?

Seit dem Krieg in der Ukraine gleicht das Geschehen an den internationalen Börsen einer Berg- und Talfahrt. In Krisenzeiten wie diesen sollte unter keinen Umständen investiert werden. Und schon gar nicht nachhaltig. Oder doch?

Klingt überraschend: Ein „grüner” Umgang mit den eigenen Finanzen kann mehr als zwanzigmal so viel bewirken wie andere Konsumentscheidungen, die der Erde zugute kommen – zum Beispiel der Verzicht auf Flugreisen oder Fleisch. Das belegen Studien aus Schweden und Großbritannien.

„Die eigenen Finanzen sind einer der mächtigsten Hebel, um die Welt zu beeinflussen.” Das behauptet Karin Nemec. Die Mutter von zwei Kindern ist Gründerin von Grünfin. Welt der Wunder hat mit der zertifizierten Expertin für nachhaltige Finanzen gesprochen.

Warum lohnt es sich, im Abschwung zu investieren?

Karin Nemec: Wenn der Aktienmarkt ins Wanken gerät, kann es verlockend sein, Aktien zu verkaufen, um das Risiko vom Tisch zu nehmen, oder ganz mit dem Investieren aufzuhören. Doch das ist ein Trugschluss. Im Grunde gibt es kaum einen besseren Zeitpunkt, um in den Aktienmarkt zu investieren, als wenn die Kurse fallen. In solchen Phasen sind die Aktien sozusagen im Angebot.

Trotzdem sollte niemand kopflos an die Sache herangehen. Wer ein paar Regeln beachtet, hat gute Chancen, erfolgreich an der Börse zu investieren. Auch wenn das Portfolio kurzfristig einen Rückschlag erleiden kann – so haben sich die Märkte insgesamt bisher immer von Abstürzen erholt. Der klassische Dow Jones Industrial Average Index ist ein gutes Beispiel dafür. Er reicht 125 Jahre zurück und hat eine jährliche Rendite von etwa 7,5 Prozent erzielt.

Daher ist es ratsam, den Sturm auszusitzen und auf eine Erholung des Marktes zu warten.

Gibt es einen perfekten Zeitpunkt für Investitionen?

Karin Nemec: Das Timing entscheidet über Erfolg und Misserfolg im Aktienhandel. Das hat sich über Jahrzehnte bewährt und wird auch in Zukunft so bleiben. Allerdings ist es nicht möglich, genau vorherzusagen, wann eine Aktie auf einem niedrigen Niveau den idealen Kaufzeitpunkt erreicht hat. Schließlich kann niemand sagen, ob sie noch weiter fallen oder bald wieder an Wert gewinnen wird. Dennoch ist es sinnvoll, Aktien bei fallenden Kursen zu kaufen und möglichst langfristig anzulegen.

Wie investiere ich richtig und was bedeutet das?

Karin Nemec: Das Wichtigste beim Investieren ist, nicht kopflos vorzugehen und sich vorher umfassend zu informieren. Unbewusst bestimmt oft die Angst vor Verlusten unsere Entscheidungen. Lange Zeit haben die Banken dieses Verhalten ausgenutzt und uns mit minimalen Zinsen auf Sparkonten abgespeist.

Zum Glück hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren eine Anlageform als zuverlässig, sicher und renditestark erwiesen: ETF-Sparpläne. Klingt umständlich, ist aber laut Stiftung Warentest die Wunderwaffe des Fondssparens. ETF-Sparpläne sind so erfolgreich, dass es mittlerweile ein breites Angebot gibt.

Was bewirken grüne Geldanlagen?

Unser Planet befindet sich im Wandel. Das ist nichts Neues. Für die Unternehmen stand in den vergangenen Jahrzehnten das Streben nach möglichst hohen Gewinnen im Vordergrund. Die Umwelt, die Mitarbeitenden und selbst die Interessen der Kundinnen und Kunden wurden auf die lange Bank geschoben.

Waldbrände, Überschwemmungen, Artensterben: Die Auswirkungen auf unseren Alltag sind weltweit unübersehbar geworden. Die Entscheidung, grün zu investieren, ist also nicht nur moralisch richtig. Sie kann auch die Chance bieten, Marktrenditen zu erzielen. So haben sich 400 der weltweit größten börsennotierten Unternehmen, die zusammen einen Umsatz von 14 Billionen Dollar erzielen, das Ziel gesetzt, Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Außerdem: Der Markt für nachhaltige Fonds hat sich in den vergangenen fünf Jahren verfünffacht.

Was ist mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen?

Händler versuchen derzeit vermehrt, Kryptowährungen zu verkaufen – vor allem online über die sozialen Medien.

Karin Nemec: Ebenso wie die potenziellen Renditen sind auch die Risiken von Investitionen in Kryptowährungen immens.

Was wir in den vergangenen Jahren gesehen haben und jetzt wieder sehen, ist eine sehr starke Volatilität. Das heißt: Die Preise schwanken vergleichsweise sehr stark. Diese Kursschwankungen sind für Privatanlegerinnen und Privatanleger besonders gefährlich, weil sie den Kurs nicht ständig kontrollieren können.

Die Euphorie am Markt ist irreführend, denn im Gegensatz zu Aktien oder Gold ist Krypto in der Regel nicht mit einem Wert unterlegt. Kryptowährungen generieren keinen Cashflow, keine Dividendenausschüttung. Sie sind und bleiben hochspekulativ.

Was verstehen Sie unter nachhaltigen Geldanlagen?

Karin Nemec: Der Unterschied zwischen traditionellen und nachhaltigen Anlagen besteht vor allem in einem Punkt: der Wirkung. Bei traditionellen Anlagen geht es um Risiko und Rendite, nicht um die Auswirkungen auf die Menschen und den Planeten. Nachhaltiges Investieren fügt eine dringend benötigte dritte Dimension hinzu – die Auswirkungen auf die Welt, den sogenannten Impact.

Die EU hat 2021 begonnen, nachhaltige Fonds in zwei Kategorien einzuteilen. Zum einen gibt es nach Artikel 9 der Sustainable Finance Disclosure Regulation, kurz SFDR, jene, die Nachhaltigkeit als Ziel definiert haben. Die anderen berücksichtigen Nachhaltigkeitsfaktoren laut Artikel 8 der SFDR, behandeln sie aber nicht als Ziel.

Was bedeutet wertbasiertes Investieren?

Karin Nemec: Unter wertbasiertem Investieren verstehen wir die Investition in Unternehmen, Organisationen und Fonds, die einen positiven Beitrag zum Wohlergehen des Planeten und der Gesellschaft leisten.

Wir bei Grünfin investieren nicht nur, sondern engagieren uns darüber hinaus, um die Nachhaltigkeitsagenda einiger der größten Unternehmen der Welt zu beeinflussen. So haben wir in der Jahreshauptversammlung der Deutschen Bank deren Pläne zur Finanzierung der weltweit größten beheizten Rohöl-Pipeline in Frage gestellt, die sich über 1.444 Kilometer in Afrika erstrecken soll. 

Außerdem haben wir Briefe an die Vorstandsvorsitzenden von Nestlé, Danone, Kellogg und Kraft Heinz unterzeichnet und sie aufgefordert, gesündere Lebensmittel anzubieten. Das Unternehmen Unilever hat sich jetzt verpflichtet, die Gesundheitswerte seiner Lebensmittel besser offenzulegen und sich Ziele dafür zu setzen, den Anteil seines Absatzes an gesunden Lebensmitteln zu erhöhen.

Wichtige Fakten aus dem Interview mit Karin Nemec

  • Es ist ratsam, den Sturm auszusitzen und auf eine Erholung des Marktes zu warten.
  • Das Timing entscheidet über Erfolg und Misserfolg im Aktienhandel.
  • Das Wichtigste beim Investieren ist, nicht kopflos vorzugehen und sich vorher umfassend zu informieren.
  • 400 der weltweit größten börsennotierten Unternehmen eint das Ziel, Netto-Null-Emissionen zu erreichen.
  • Kryptowährungen generieren keinen Cashflow, keine Dividendenausschüttung und bleiben hochspekulativ.
  • Bei traditionellen Anlagen geht es um Risiko und Rendite, nicht um Auswirkungen auf Menschen und die Erde.

Im Interview mit Welt der Wunder: Grünfin-Chefin Karin Nemec

Karin Nemec ist Mit-Gründerin von Grünfin
Foto: Jake Farra

Grünfin wurde 2020 in Estland von Triin Hertmann und Karin Nemec gegründet. Es ist eine Plattform für nachhaltige Geldanlage für Menschen, denen es wichtig ist, wie sich ihr Handeln auf die Erde auswirkt.

„Grünfin entstand, als wir feststellten, wie schwierig es ohne Expertenwissen im Bereich nachhaltiges Investieren war, ein nachhaltiges und wertbasiertes Anlageportfolio zu erstellen”, sagt Karin Nemec. Der Fokus lag und liegt auf Frauen, die unter anderem besonderen Wert auf nachhaltige und ethische Investments legen.

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