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Neue Lebensräume: Wie Menschen das Meer besiedeln könnten

Foto: Envato / Dmitry_Rukhlenko

Neue Lebensräume: Wie Menschen das Meer besiedeln könnten

Durch den Klimawandel steigt der Meeresspiegel unaufhaltsam. Viele Menschen könnten dann ihre Heimat verlieren. Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Architekten wie Vincent Callebaut entwickeln deshalb Pläne, das Wasser zu bevölkern.

Bereits 2013 veröffentlichte der Weltklimarat (ICPP) einen alarmierenden Bericht. Demnach könnte der Meeresspiegel bis 2100 – je nach Szenario – um 26 bis 82 Zentimeter steigen. Außerdem warnen die Wissenschaftler, dass sich bis zum Ende dieses Jahrhunderts die Atmosphäre im Vergleich zum Referenzzeitraum 1986 bis 2005 um 0,3 bis 4,8 Grad erhöhen wird. Das Ausmaß kann man sich vor Augen halten, wenn man bedenkt, dass bei einem Temperaturanstieg um nur einen Grad der Meeresspiegel um einen Meter ansteigt.

Davon wären nicht nur niedrig gelegene Länder betroffen, sondern Küstenstädte mit mehreren Millionen Einwohnern, etwa Bombay, New York oder Shanghai. In den Niederlanden könnten sechs Prozent des Landes im Wasser versinken. In Teilen Ozeaniens sind es sogar bis zu achtzig Prozent. In Bangladesch bedroht das Wasser Straßen und Dämme, bis zum Jahr 2050 über mehrere tausend Kilometer hinweg.

Schon heute steht das Land regelmäßig unter Wasser. Das salzige Meerwasser beschädigt die Ernten und in einigen Küstenregionen kann bereits kein Reis mehr angebaut werden. Weil das Salzwasser die Trinkwasserversorgung einschränkt, müssen in manchen Städten mehrere hundert Meter tiefe Brunnen gebohrt werden.

Millionen verlieren ihre Heimat

Das größte Problem aber werden die Millionen von Menschen sein, die durch den Meeresspiegelanstieg ihre unbewohnbar gewordene Heimat verlassen müssten. Wie wird ihr Leben aussehen, wenn die Prognosen der Wissenschaft Wirklichkeit werden?

Wo sollen sie leben, wenn große Teile des Festlandes vom Wasser überschwemmt werden? Ist es eine Lösung, das Wasser selbst zu bevölkern? Diese Fragen stellen sich nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch Architekten. Der Belgier Vincent Callebaut zum Beispiel hat das Wasser zum neuen Lebensraum auserkoren.

Ecopolis – Ein Seerosenblatt als letzter Zufluchtsort

„Lilypad“ – das ist das englische Wort für „Seerosenblatt“. Doch Vincent Callebauts Seerosenblätter findet man nicht etwa auf dem heimischen Gartenteich. Seine Lilypads sind Entwürfe von futuristischen, auf den Weltmeeren schwimmenden Städten. Jedes von ihnen könnte bis zu 50.000 Menschen beherbergen, die durch Klimakatastrophen heimatlos geworden sind.

In drei Hügeln des überdimensionalen Seerosenblattes findet sich all das, was Menschen für das tägliche Leben brauchen: Geschäfte, Arbeit und Unterhaltung. Schiffe können an einem der drei Häfen andocken. In einem See im Herzen der Insel wird Regenwasser gesammelt und zu Trinkwasser aufbereitet. Energie wird mit Hilfe von Gezeitenkraftwerken, Solar- oder Windenergie auf natürliche Weise gewonnen.

Durch ein perfektes Zusammenspiel zwischen Mensch, Natur und Technik werden Kohlenstoffdioxid und Abfälle genutzt, um Sauerstoff und Strom zu produzieren. Im Idealfall wird mehr Energie hergestellt als benötigt. Auf einem Lilypad wird es weder Straßen noch Autos geben. Callebaut nennt die sich selbst versorgenden Ökosysteme auch „Ecopolis“. Sie driftet ohne Antrieb mit den natürlichen Strömungen der Meere rund um den Globus.

Der Traum von der Besiedlung des Meeres

Die Idee von der Bevölkerung des Wassers ist nicht neu. So kommt es zum Beispiel in dem Hollywoodfilm „Waterworld“ aus dem Jahr 1995 zu einer Klimakatastrophe, die die Pole schmelzen lässt und die Menschen dazu zwingt, auf Schiffen und Atollen zu leben – ein Szenario, das erschreckende Ähnlichkeit mit den aktuellen Prognosen der Wissenschaft besitzt. Schon zu Beginn der sechziger Jahre bemühten sich Menschen, das Wasser als Lebensraum zu erschließen.

Parallel zur Entwicklung der Raumfahrt wurde auch die Idee der Unterwasserstadt populär. Bis in die achtziger Jahre hinein entstanden sogenannte Unterwasser-Habitate. Dort verbrachten Aquanauten bis zu zwei Monate, ohne ein einziges Mal auftauchen zu müssen. Die Forscher planten, den Meeresboden im großen Stil zu besiedeln.

Reliquien eines Traumes

Trotz großer Vorhaben wurden diese Visionen nie Wirklichkeit. Die Gründe für das Scheitern liegen auf der Hand: Die extremen Bedingungen auf und unter dem Wasser und die Tatsache, dass technisches und menschliches Versagen schnell zu gefährlichen Unfällen führen kann, hat die Euphorie für die Unterwasserhabitaten gebremst. Außerdem ist ihre Instandhaltung sehr aufwendig und teuer.

Heute ist nur noch ein einziges Habitat der Universität von North Carolina in Benutzung. Dort trainieren unter anderem NASA-Astronauten, um sich auf den Weltraum vorzubereiten. Die Betreibung von „Aquarius“ kostet die Universität täglich circa 10.000 Dollar. Ein ausgemustertes Habitat, „La Chapula“, wurde inzwischen zu einem Unterwasserhotel umfunktioniert, in dem man für einen Preis von 475 Dollar nächtigen kann.

Schutzwälle und Dämme – Venedig und die Niederlande handeln schon heute

Somit stellt sich die Frage, ob auch Callebauts Pläne überhaupt umsetzbar sind. Wie teuer zum Beispiel ein Lilypad sein soll, darüber hat sich der Belgier bisher nicht geäußert. Trotzdem besteht kein Zweifel, dass der Klimawandel und seine Folgen ein dringendes Handeln erfordern. In dem vom Wasser stark gefährdeten Venedig etwa soll noch in diesem Jahr der Schutzwall „Mose“ fertiggestellt werden.

Dieses Mammutprojekt hat bis zum Jahr 2014 bereits sechs Milliarden Euro verschlungen. Die Wälle befinden sich bei Normalstand des Wassers unterhalb der Meeresoberfläche. Droht eine Überschwemmung, richten sie sich auf und halten das Wasser von Venedig fern. Auch in den Niederlanden hat man einen jahrzehntelangen Kampf gegen das Wasser hinter sich. Mittlerweile gibt es dort ein komplexes Schleusensystem und ungefähr fünfzig Deichringe mit teilweise mehreren Verteidigungslinien.

Wird die Utopie Wirklichkeit?

Vincent Callebaut spricht sich offen gegen diese Art von Schutz aus. Dämme und Alarmsysteme sind für ihn nur kurzzeitige Lösungen. Vielmehr will er mit seinen Plänen eine langfristige Heimat für die Flüchtlinge der Klimakatastrophen garantieren.

Im Gegensatz zu bereits realisierten Maßnahmen liegen Callebauts Pläne aber eher im Bereich der Utopie. Trotzdem: Sein langfristiges Denken und die Idee, mit dem Wasser zu leben, statt gegen es zu kämpfen, sind heute schon zukunftsweisend.

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