Was steckt hinter dem Begriff „fleischfressendes Bakterium“?
Das Bakterium Vibrio vulnificus gehört zur Familie der Vibrionen. Es lebt in warmem, leicht salzigem Wasser. Das Bakterium setzt Enzyme frei, die Haut und Bindegewebe innerhalb weniger Stunden zerstören können.
Warum taucht das „fleischfressende Bakterium“ jetzt in den Schlagzeilen auf?
In den Medien wird auf einen kürzlich erfolgten Fund von Vibrio vulnificus vor der Küste Italiens hingewiesen. Allerdings konnte eine Studie der Universität Messina das Bakterium bereits 2005 im Wasser und im Plankton der Meerenge zwischen Sizilien und Kalabrien nachweisen. Neu ist jedoch die Häufigkeit der Fälle. So registrierte das Robert Koch-Institut bis zum 12. Juli 2026 bereits 14 in Deutschland erworbene Infektionen, deutlich mehr als in den Vorjahren.
2025 waren es zum selben Zeitraum vier Fälle, 2024 neun und 2023 lediglich ein Fall. Die Behörde führt den frühen Anstieg auf die frühe Erwärmung der Küstengewässer zurück.
Wie gefährlich ist eine Infektion?
Laut dem Infektiologen Matteo Bassetti vom Policlinico San Martino in Genua liegt die Sterblichkeit einer Vibrio-vulnificus-Infektion bei rund 20 Prozent. Diese Zahl bezieht sich allerdings auf schwere, invasive Verläufe. Die meisten Infektionen verlaufen deutlich milder.
Kann eine Infektion tödlich sein?
In seltenen Fällen kann sich aus einer Infektion mit Vibrionen eine schwere Wundinfektion oder eine nekrotisierende Fasziitis entwickeln. Dabei wird Gewebe rasant zerstört. Zudem können eine Wundinfektion oder eine Blutvergiftung (Sepsis) ausgelöst werden, die innerhalb kurzer Zeit einen lebensbedrohlichen septischen Schock verursachen können. Besonders bei gefährdeten Menschen kann die Infektion zu Organversagen und schließlich zum Tod führen.
Für wen besteht das größte Risiko?
Besonders gefährdet sind ältere Menschen sowie Personen mit Vorerkrankungen wie Diabetes, Leberleiden oder einem geschwächten Immunsystem. Das Robert Koch-Institut nennt für die bislang erfassten deutschen Fälle ein Durchschnittsalter von 70 Jahren. Beide bisherigen Todesfälle betrafen hochaltrige Menschen. Auch das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales meldete, dass alle 2026 in der Hauptstadt registrierten Betroffenen über 75 Jahre alt waren. Jüngere, gesunde Menschen erkranken deutlich seltener schwer.
Wie gelangt das Bakterium in den Körper?
Am häufigsten erfolgt die Ansteckung über offene Wunden, kleine Schürfwunden oder frische Operationsnarben, die beim Baden mit erregerhaltigem Wasser in Kontakt kommen. Dazu zählen auch Verletzungen, die unter Wasser entstehen, beispielsweise durch Muscheln oder Steine.
Eine weitere Ansteckungsmöglichkeit besteht über die Nahrung. Wer rohe oder nicht ausreichend erhitzte Meeresfrüchte isst, kann sich ebenfalls infizieren. Das Bakterium verändert dabei weder den Geschmack noch den Geruch der Speisen, sodass eine Kontrolle mit den Sinnen unmöglich ist.
Welche Gewässer sind besonders betroffen?
Vibrionen vermehren sich vor allem bei Wassertemperaturen ab etwa 18 bis 20 Grad und einem eher niedrigen Salzgehalt. Die Ostsee erfüllt mit durchschnittlich 0,8 Prozent Salzgehalt genau diese Bedingungen und gilt seit Jahren als Risikogebiet.
Die Europäische Behörde ECDC wies für die erste Augustwoche 2026 insgesamt 47 Gemeinden in zwölf Regionen von fünf Ländern mit günstigen Umweltbedingungen für Vibrionen aus, darunter drei Gemeinden im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Im Mittelmeer bremste der von Natur aus höhere Salzgehalt die Vermehrung bislang stärker, durch die Erwärmung nähern sich die Bedingungen aber an.
Ist die Situation in Italien wirklich so gefährlich?
Das italienische Gesundheitsinstitut ISS veröffentlichte am 10. August 2026 eine eigene Einschätzung, in der es das Infektionsrisiko in Italien als äußerst gering bewertete. Der Fund in der Meerenge von Messina bedeutet demnach nicht zwingend, dass Urlauber besonders gefährdet sind. Wie immer ist es empfehlenswert, sich mit reißerischen Überschriften in den Medien kritisch auseinanderzusetzen.
Wie erkennen Sie eine beginnende Infektion?
Ein wichtiges Warnsignal ist ein lokaler Schmerz, der deutlich stärker ausfällt, als es die sichtbare Wunde vermuten lässt. Auch Rötungen, Schwellungen oder eine sich schnell ausbreitende Hautverfärbung rund um eine Wunde sollten Sie ernst nehmen.
Tritt zusätzlich Fieber oder Schüttelfrost auf, sollten Sie zügig handeln. Je früher eine Behandlung mit Antibiotika beginnt, desto besser stehen die Heilungschancen. Treten die beschriebenen Symptome nach einem Bad im Meer oder in der Ostsee auf, sollten Sie einen Arzt aufsuchen.
Wie schützen Sie sich beim Baden?
Decken Sie offene Wunden, Schürfwunden oder frische Narben vor dem Baden mit einem wasserfesten Pflaster ab oder verzichten Sie in dieser Zeit auf den Gang ins Wasser. Reinigen Sie kleinere Verletzungen, die Sie sich im Wasser zuziehen, anschließend gründlich mit Süßwasser und Seife. Verzichten Sie zudem auf rohe oder halb gegarte Meeresfrüchte, besonders wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören.
Definitionen und Begriffserklärungen zum fleischfressenden Bakterium
Vibrio vulnificus
Ein Bakterium, das natürlicherweise in warmem, leicht salzigem Küstenwasser vorkommt. Es kann über Wunden oder rohe Meeresfrüchte in den Körper gelangen und dort Gewebe schädigen.
Nekrotisierende Fasziitis
Eine seltene, aber schwere Weichteilinfektion, bei der Bindegewebe und umliegendes Gewebe sehr schnell zerstört werden. Sie gilt als medizinischer Notfall.
ECDC
Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten. Es überwacht unter anderem, in welchen europäischen Küstenregionen die Umweltbedingungen für Vibrionen günstig sind.
Häufig gestellte Fragen zum fleischfressenden Bakterium
Wie gefährlich ist das Fleischfresser-Bakterium?
Eine Infektion mit Vibrio vulnificus ist selten, kann bei schweren Verläufen aber in rund 20 Prozent der Fälle tödlich enden. Betroffen sind vor allem ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen.
Wo kommt Vibrio vulnificus in Europa vor?
Das Bakterium wurde unter anderem im Mittelmeer vor Sizilien sowie in der Ostsee, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, nachgewiesen. Warmes, leicht salziges Wasser begünstigt sein Wachstum.
Wie kann man sich vor einer Infektion schützen?
Wenn Sie offene Wunden vor dem Baden abdecken, Verletzungen im Wasser anschließend mit Süßwasser reinigen und auf rohe Meeresfrüchte verzichten, senken Sie das Ansteckungsrisiko deutlich.
Ist Vibrio vulnificus dasselbe wie eine Cholera-Bakterie?
Vibrio vulnificus gehört zur selben Bakteriengattung wie der Cholera-Erreger, bildet aber nicht das Cholera-Toxin und verursacht eine andere Art von Erkrankung.
Kann man sich beim normalen Schwimmen anstecken?
Eine Ansteckung über unversehrte Haut gilt als sehr unwahrscheinlich. Das Hauptrisiko besteht bei offenen Wunden im Kontakt mit dem Wasser.
Wie viele Fälle gab es 2026 bisher in Deutschland?
Das Robert Koch-Institut registrierte bis Ende Juli 2026 insgesamt 17 in Deutschland erworbene Infektionen und zwei Todesfälle, beide bei hochaltrigen Personen.
Warum breitet sich das Bakterium gerade jetzt stärker aus?
Wärmere Küstengewässer durch den Klimawandel begünstigen das Wachstum von Vibrionen. Sowohl an der Ostsee als auch im Mittelmeer wurden dieses Jahr auffällig frühe und teils höhere Fallzahlen gemeldet.
Muss ich meinen Italien- oder Ostseeurlaub absagen?
In der Regel nicht. Das italienische Gesundheitsinstitut ISS stuft das Infektionsrisiko als sehr gering ein. Risikogruppen sollten dennoch besonders vorsichtig sein.