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Foto: dotshock/Envato

Vier-Tage-Woche: die Zukunft der Arbeitswelt?

Die Vier-Tage-Woche ist nicht die Lösung aller Probleme. Wer ohnehin in Arbeit ertrinkt, rutscht noch näher an den Burnout.

Seit über zehn Jahren berichtet die Presse regelmäßig über die Vier-Tage-Woche. Sie soll die Zukunft einläuten, wie wir arbeiten und leben. Getan hat sich jedoch noch wenig – vor allem in Deutschland. Woran liegt das? Und ist ein Werktag weniger wirklich noch die Zukunft der Work-Life-Balance?

  • 40 Wochenstunden auf vier Tage zu verteilen, ist in Deutschland nicht möglich. Schuld daran ist die starre Gesetzgebung im deutschen Arbeitsrecht.
  • Eine Vier-Tage-Woche darf in Deutschland maximal 32 Stunden haben.
  • Ob Firmen dennoch den vollen Lohn zahlen, ist ihnen selbst überlassen.
  • Einige befragte Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in den USA empfanden die Vier-Tage-Woche auch als belastend.
  • In Belgien dürfen Arbeitnehmer ab jetzt flexibel zwischen vier und fünf Tagen pro Woche wählen.

40 Wochenstunden auf 4-mal 10 Stunden verteilen? In Deutschland illegal

Das deutsche Arbeitsrecht ist bezüglich der Stundenzahl unflexibel. Als maximale Arbeitszeit sind acht Stunden verordnet. Nur in Ausnahmefällen sind bis zu zehn Stunden am Tag möglich. Zulässige Ausnahmefälle sind etwa, wenn vorübergehend besonders viel Arbeit anfällt.

Eine in Deutschland legale Vier-Tage-Woche bedeutet 20 Prozent weniger Arbeitszeit

Allerdings muss der Arbeitgeber weiterhin dafür sorgen, dass die durchschnittliche Arbeitszeit innerhalb von sechs Monaten bei acht Stunden liegt. Haben Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen an einem Tag mehr als acht Stunden absolviert, müssen sie an einem anderen Tag als Ausgleich weniger arbeiten.

40 Stunden auf 4 Tage zu verteilen, ist somit rechtswidrig. Die in Deutschland legale Lösung besteht aus 4 8-stündigen Arbeitstagen. Das bedeutet immerhin 20 Prozent weniger Arbeitszeit.

Deutsche Firmen müssten die Wochenstunden auf 32 reduzieren

Etliche Studien sprechen dafür, dass Produktivität und Wohlbefinden am Arbeitsplatz durch eine Reduzierung der Arbeitsstunden enorm steigen können. Wer weniger Arbeitsstunden zur Verfügung hat, muss diese effektiver gestalten. Das gibt Motivation, Zeitfresser zu identifizieren und zu eliminieren.

Mit moderner Technologie lassen sich zudem regelmäßig wiederkehrende Aufgaben automatisieren. Darüber hinaus hilft der zusätzliche freie Tag dabei, motiviert in die neue Woche zu starten.

Acht Wochenstunden weniger sind nicht für jeden

Allerdings kann die Vier-Tage-Woche ihre Vorteile hauptsächlich in Firmen mit gutem Zeitmanagement ausspielen. Mitarbeitern, die ohnehin am Limit arbeiten, ist durch den Wegfall von acht Arbeitsstunden nicht geholfen.

Wer plötzlich noch weniger Zeit hat, um zu viele Aufgaben zu erledigen, ist noch näher am Burnout. Zudem eignet sich die Vier-Tage-Woche laut Recherchen des Magazins Wired nicht für jede Persönlichkeit.

Das Online-Magazin interviewte 15 Mitarbeiter und Mitarbeiterin aus 6 US-amerikanischen Technologiefirmen. Auf einige wirkte der Druck, effizienter zu arbeiten, motivierend. Andere verzweifelten daran, weil sie die gewohnten Atempausen zwischen einzelnen Aufgaben vermissten. Sie machten weniger Pausen und knüpften weniger Kontakte mit ihren Kollegen. Das Resultat bei ihnen war ein steigender Stressfaktor.

Die Vier-Tage-Woche bestraft Mitarbeiter, die sich zu viel aufbürden

Wieder andere Arbeitnehmer mit besonders großem Pflichtbewusstsein – vor allem in Führungspositionen – empfanden die reduzierte Arbeitszeit als Kontrollverlust. Bislang waren sie es gewohnt, ihrem Team auch nach Feierabend für Rückfragen zur Verfügung zu stehen. Und in vielen Fällen auch, obwohl das Management es nicht unbedingt gern sah. Nun hatten sie mit einem weiteren Tag von oben verordneter Funkstille zu kämpfen.

Firmen müssen daher ihre Strukturen im Voraus für die Vier-Tage-Woche optimieren. Eine gewissenhafte Analyse, ob das Arbeitsaufkommen tatsächlich mit weniger Wochenstunden zu schaffen ist, tut not. Auch eine Übergangsphase, in der die Vollzeitstellen nach und nach an das neue Arbeitszeitmodell angepasst werden, kann sinnvoll sein. Andererseits blüht eine schwierige Startphase.

Hier wurde die Vier-Tage-Woche eingeführt – was war das Resultat?

1. Die japanische Niederlassung von Microsoft

Laut Medienberichten hat Microsoft in seinem japanischen Standort 2019 eine Vier-Tage-Woche getestet. Diese soll zu einem Produktivitätsanstieg um 40 Prozent geführt haben. Und das, obwohl extrem hohe Überstundenzahlen mit der japanischen Arbeitskultur untrennbar verbunden sind. Dennoch hat der US-amerikanische Softwareriese den neuen Kurs nicht beibehalten. Weshalb, ist nicht bekannt.

2. Silicon Valley als Vorreiter

In den USA haben vor allem Technologiefirmen aus Silicon Valley, Kalifornien, die Vier-Tage-Woche in ihre Firmenkultur aufgenommen. Und das mit laut Medienberichten durchwegs guten Ergebnissen. Zu den bekanntesten Firmen mit Vier-Tage-Woche gehören der Anbieter der Crowdfunding-Plattform Kickstarter und der Hersteller der Projektmanagement-App Basecamp. Auch Branchenprimus Google ist mit dabei.

Ein möglicher Grund für diesen Trend ist ein geplantes neues Gesetz in Kalifornien. Diese ermöglicht entweder eine Vier-Tage-Woche bei acht Stunden pro Tag ohne Lohneinbußen oder eine Vier-Tage-Woche bei mehr als acht Arbeitsstunden pro Tag.

3. Ein zurückrudernder Hoffnungsträger in den USA

Die US-amerikanische Weiterbildungs-Plattform Treehouse aus Portland, Oregon galt 2015 als Vorreiter der Vier-Tage-Woche. Gründer und CEO Ryan Carson beendete das Experiment jedoch bereits ein Jahr später. Die Vier-Tage-Woche habe die Arbeitsmoral sowie die Disziplin im Unternehmen negativ beeinflusst. Carson arbeitet nach eigenen Angaben 65 Stunden pro Woche.

4. Der Mittelstand und kleine Firmen in Deutschland

In Deutschland bieten hauptsächlich mittelständische oder kleine Firmen die Vier-Tage-Woche an. Dazu gehören Firmen wie die Onlinebank Comdirect aus Quickborn, die Ärzteplattform DocCheck aus Köln oder die Werbeagentur Frische Fische in Dresden.

Die meisten Unternehmen halten sich dabei jedoch Hintertüren offen: Mitarbeiter in den Bereichen Support und Vertrieb arbeiten oft weiterhin 40 Stunden, um die Kundschaft adäquat bedienen zu können. Häufig können Mitarbeiter zwischen einer Vier-Tage- und einer Fünf-Tage-Woche mit 32 Wochenstunden wählen. In einigen Firmen ist die Vier-Tage-Woche nur bei entsprechend angepasstem Lohn möglich.

Quasi-Vier-Tage-Woche in Island

Das Programm zur Arbeitszeitverkürzung in Island von 2015 bis 2019 löste weltweit großes Medienecho aus. Ein Prozent der Arbeitnehmer in verschiedenste Branchen arbeiteten auf staatliche Anordnung weniger – mit angeblich großem Erfolg. Allerdings ging es streng genommen um eine Reduzierung der Wochenstunden von 40 auf 35 oder 36 Stunden. Aufgrund der Popularität des Trend-Themas wurde jedoch in etlichen Medienberichten eine angebliche Vier-Stunden-Woche daraus.

Die neue flexible Arbeitswoche in Belgien

In Belgien wurde kürzlich ein vielversprechendes Modell eingeführt: Arbeitnehmer dürfen die in Belgien üblichen 38 Wochenstunden flexibel auf vier oder fünf Tage pro Woche aufteilen. Auch wenn damit ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand einhergehen dürfte, könnte ein solches Modell tatsächlich wegweisend sein.

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