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Viagra: Wie eine blaue Pille die Welt veränderte

Foto: Envato / UrosPoteko

Viagra: Wie eine blaue Pille die Welt veränderte

Viagra macht schlappe Männer im Bett wieder munter. Ursprünglich waren Forscher auf der Suche nach einem Mittel gegen Bluthochdruck - entdeckt haben sie die blaue Pille. Gut für die Potenz.

Die Geschichte der modernen Behandlung von Potenzproblemen begann Ende der 1990er Jahre, als Forscher von Pfizer bei der Erforschung eines Mittels gegen Bluthochdruck entdeckten, dass das neue Medikament Sildenafil eine unerwartete Nebenwirkung aufwies. Das danach entwickelte Medikament galt schnell als neue und hochwirksame Behandlung für eine Erkrankung, gegen die man vorher wenig ausrichten konnte. Seitdem hat die Wirksamkeit von Viagra unseren Umgang mit männlicher Impotenz revolutioniert

Die Zeit vor Viagra

Die Geschichte der Behandlungen der erektilen Dysfunktion reicht Jahrtausende zurück, wobei viele Methoden enorme körperliche und psychische Schäden verursachten, die schlimmer waren als die Erkrankung selbst. Selbst in den Jahrzehnten vor der Markteinführung von Viagra waren die gängigen Behandlungen mit einem vergleichsweise hohen Risiko von Nebenwirkungen verbunden, zum Beispiel mit einer Schädigung des Gewebes im Penis durch Injektionen. Einige Methoden, wie etwa Vakuumpumpen, waren relativ beliebt, konnten jedoch umständlich und unbequem sein.

Die Nebenwirkungen von Viagra sind normalerweise kaum spürbar und das Medikament ist einfach und diskret anzuwenden. Das hat neben der Wirksamkeit zu dem Erfolg und dem guten Ruf geführt, den die ikonische blaue Pille heute hat.

Wie Viagra entdeckt wurde

Um das Jahr 1989 arbeiteten zwei bei Pfizer angestellte britische Wissenschaftler an einem Medikament gegen Bluthochdruck und Angina pectoris, dessen Name UK-92480 lautete. Es wurde 1991 patentiert, als erste Versuche begannen.

Sildenafil sollte die Blutgefäße des Herzens erweitern, indem es ein bestimmtes Protein namens PDE-5 blockierte. In Tierversuchen schien es mäßig gut zu funktionieren: Die Forscher konnten Beweise dafür finden, dass Sildenafil PDE-5 behinderte, und die Tiere erlebten keine offensichtlichen negativen Nebenwirkungen. Daher wurde Sildenafil Anfang der 1990er Jahre in eine klinische Phase-1-Studie gebracht, um zu testen, ob auch Menschen diesen neuen Wirkstoff gut vertragen konnten.

Alles schien gut zu laufen, bis auf eine ungewöhnliche Sache: Die an der Studie teilnehmenden Männer verhielten sich seltsam, wenn das Krankenpflegepersonal nach ihnen sah. „Sie berichteten, dass viele der Männer auf dem Bauch lagen“, sagte John LaMattina, der während dieser Zeit Leiter der Abteilung für Forschung und Entwicklung bei Pfizer war. „Eine sehr aufmerksame Krankenschwester sagte uns, die Männer seien verlegen, weil sie Erektionen bekamen.“

Es schien also, dass sich die Blutgefäße nicht nur im Herzen erweiterten, sondern auch im Penis. Sildenafil wirkte also sehr gut, aber nicht auf das ursprünglich vorgesehene Körperteil.

Obwohl diese Ergebnisse unerwartet waren, veränderte die Art und Weise, wie das Medikament wirkt (indem es den Blutfluss durch die Arterien erhöht), das damalige Verständnis der Biochemie des Körpers in Bezug auf die erektile Dysfunktion.

Unerwartete Wirkungen in der Medizin

Solche unerwarteten Wirkungen sind nicht ungewöhnlich. Die Wissenschaft weiß zwar, wie einzelne Körperteile funktionieren, aber wie alle Körpersysteme zusammenarbeiten, ist oft noch ein Rätsel. Gelegentlich bedeutet das, dass Ärzte zwar wissen, dass ein Medikament wirkt, aber nicht genau verstehen, wie diese Wirkung zustande kommt. Deshalb werden immer wieder neue Verwendungsmöglichkeiten für alte Medikamente gefunden.

Im Fall von Viagra folgten sehr schnell Pilotstudien zur Anwendung bei Erektionsproblemen, und das Medikament wurde in den USA schon Ende März 1998 zur Verschreibung zugelassen. Ein halbes Jahr später erfolgte die Zulassung in der EU.

Der Name Viagra

Als die Marketingabteilung von Pfizer nach einem Namen für das neue Medikament suchte, war das Ziel, Vorstellungen von Männlichkeit, Vitalität und Kraft hervorzurufen. Vermutlich geht der Name auf vyaghra zurück, das Sanskrit-Wort für Tiger. Es ist auch möglich, dass Assoziationen mit weiteren englischen Wörtern entstehen sollten, die mit v beginnen: virility, vigor, vitality.

Schnelle Erfolge

Die Wirksamkeit von Viagra und das Fehlen anderer zuverlässiger Medikamente gegen erektile Dysfunktion führten dazu, dass das Medikament immer beliebter wurde. Wenige Jahre nach der Markteinführung war Viagra Teil der Alltagskultur und in den Jahren, die seither vergangen sind, hat Viagra vielen Millionen Männern in der ganzen Welt geholfen, ihre erektile Dysfunktion zu behandeln.

Noch heute wird Viagra oft gegen erektile Dysfunktion verschrieben, obwohl in den frühen 2000er Jahren Konkurrenten wie Cialis (mit dem Wirkstoff Tadalafil) und Levitra (mit dem Wirkstoff Vardenafil) auf den Markt kamen.

Schlaglichter der weiteren Geschichte

Geschicktes Marketing und eine Reihe von kulturellen Strömungen machten Viagra nach der Markteinführung vor allem in den USA zu einem popkulturellen Phänomen:

Im Mai 1998 zitierte die Titelgeschichte des TIME-Magazins „The Potency Pill“ den Penthouse-Herausgeber Bob Guccione mit den Worten, er glaube, Viagra werde „die amerikanische männliche Libido“ von den „entmannenden Machenschaften der Feministinnen“ befreien.

In der Larry King Live-Show von CNN gab der frühere Präsidentschaftskandidat Bob Dole zu, an experimentellen Studien für Viagra teilgenommen zu haben, und nannte es „ein großartiges Medikament“.

Im Juni 1998 nannte: Newsweek Viagra die „heißeste neue Droge der Geschichte fast überall auf der Welt“. Zu dieser Zeit war Viagra nur in den USA, Mexiko, Brasilien und Marokko erhältlich.

Im Dezember 1998 gab Pfizer bekannt, Bob Dole für eine Fernsehkampagne engagiert zu haben, die darauf abzielte, das Bewusstsein für männliche Impotenz zu schärfen.

Die Washington Post berichtete, dass die CIA Viagra benutzte, um Freunde in Afghanistan zu gewinnen.

Am 25. Juli 1999 wurde eine Folge der Serie „Sex and the City“ mit dem Titel „The Man, The Myth, The Viagra“ ausgestrahlt. Dabei traf Samantha einen wohlhabenden älteren Mann, der Viagra verwendete.

Dieser Hype endete spätestens einige Jahre später, als die FDA das Konkurrenzprodukt Cialis von Lilly zur Behandlung der erektilen Dysfunktion genehmigte.

Im Jahr 2011 gelang Pfizer zwar eine Verlängerung des US-Patents für Viagra um einige Jahre, jedoch war abzusehen, dass die Zeit des Quasi-Monopols bei der Behandlung der erektilen Dysfunktion vorbei war.

Das Ende des Patents für Viagra

Das Ende des Patentschutzes für Viagra kam auf den großen europäischen Märkten Deutschland, Frankreich und Großbritannien im Jahr 2014 und in den USA drei Jahre später.

Das Auslaufen des Patents für Viagra bedeutet, dass seither auch andere Unternehmen ihre eigenen Versionen des Medikaments mit dem Wirkstoff Sildenafilcitrat verkaufen dürfen. Die Firma Pfizer reagierte darauf, indem sie eine eigene generische Version der blauen Pille zu einem sehr viel günstigeren Preis herstellte. Im Jahr 2018 brachte Pfizer außerdem Viagra Connect auf den Markt. Dieses Medikament ist praktisch identisch mit Viagra, aber nur in einer Dosis von 50 mg erhältlich.

Viagra heute

Durch generische Medikamente mit dem Wirkstoff Sildenafil und starke Konkurrenten wie Cialis fielen die weltweiten Umsätze mit Viagra von etwa 1.500 Millionen Euro noch im Jahr 2016 auf etwa 480 Millionen Euro drei Jahre später. Inzwischen ist Viagra nur mehr eines von mehreren Medikamenten, die Männern mit Potenzproblemen wirksam helfen können.

Wegen der frühen Markteinführung, der blauen Farbe und der markanten Form der Pille ist Viagra aber auch heute noch das erste Produkt, das den meisten Männern einfällt, wenn sie an Potenzmittel denken.

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