Ernährung

Was Hunger mit meinem Gehirn macht

Was beeinflusst unser Essverhalten? Welt der Wunder über die geheimnisvollen Kräfte, die darüber entscheiden, was und wie viel wir essen.

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Es ist eine beeindruckende Zahl: Über 75 Prozent des ungesunden, übermäßigen Essens gehen auf das Konto unserer Gefühle. Das ist das Ergebnis einer Studie von Dr. Roger Gould von der University of California, durchgeführt mit 17.000 Teilnehmern. Die Tafel Schokolade, das große Stück Kuchen mit Sahne oder der zweite Teller Nudeln sind also nicht die Folge fehlender Disziplin, eines schwachen Willens oder von Bequemlichkeit?

Offenbar ist das alles altes Ernährungs-Denken: Unzählige weitere Studien haben die Ernährungsmedizin revolutioniert – und sie werfen alles über den Haufen, was wir bisher über Körpergewicht und Diäten zu wissen glaubten: Wir essen vor allem, um unsere schlechte Stimmung in den Griff zu bekommen – und uns für einen Moment gut und entspannt zu fühlen.

Warum wir uns selbst betrügen

Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen Emotionales Essen. Es ist die Nahrung, die wir zu uns nehmen, ohne ein echtes Hungergefühl zu verspüren. Es ist das, was wir naschen, obwohl wir uns gerade an einer üppigen Mahlzeit satt gegessen haben. Es ist das Essverhalten, das zur Gewichtszunahme führt und das wir trotz besseren Wissens an den Tag legen.

Denn die Grundregeln einer gesunden, ausgewogenen Ernährung kennen wir alle: viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Fleisch in Maßen, Süßigkeiten nur selten. Unsere stressigen Gefühle aber – und der Wunsch, sie ein wenig abzumildern – sind stark genug, um uns gegen dieses Wissen handeln zu lassen. Denn unsere Emotionen haben einen mächtigen Verbündeten, der sich gegen unseren Verstand durchzusetzen weiß: unser Gehirn.

Zwei Prozent des Körpers beherrschen alles

Auch wenn unser Gehirn nur zwei Prozent unseres Körpers ausmacht: Es benötigt für sein reibungsloses Funktionieren mehr als 50 Prozent des Glucosebedarfs des gesamten Körpers. Glucose, also Zucker, ist der Brennstoff, aus dem unsere Zellen Energie gewinnen. In belastenden Stresssituationen fordert das Gehirn sogar 90 Prozent des Zuckerbedarfs. Wird dieser Stress dann zum Dauerzustand, hat das direkte Folgen für unser Gewicht. Das Gehirn sichert sich seinen Bedarf in egoistischer Manier unter allen Umständen. Eigentlich kein Wunder – ist das Gehirn doch die Schaltzentrale, die alle Körpervorgänge unter ihrer Kontrolle hat.

Der renommierte Gehirnforscher, Internist und Diabetologe Prof. Dr. Achim Peters hat in jahrzehntelanger Forschungsarbeit die zugrundeliegenden Mechanismen des Gehirns erforscht und daraus die Selfish-Brain-Theorie erarbeitet. Stellt das Gehirn fest, dass ihm nur minimal Glucose fehlt, löst es einen Alarm aus, den sogenannten Brain-Pull. Dieser veranlasst, dass dem Gehirn umgehend Glucose zugeführt wird, unter allen Umständen und vor allen anderen Organen. Dabei bedient es sich unseres Stresssystems – des zwingendsten Alarmsystems unseres Körpers – und schüttet Adrenalin aus.

„Wir spüren die typischen Anzeichen wie Herzklopfen, Zittern, Schwitzen, kalte Hände, Aufregung“, sagt Prof. Achim Peters. Wir fühlen uns unwohl. Symptome, die allerdings sofort nachlassen, wenn das Energiedefizit wieder ausgeglichen wird. In diesem Moment fährt das Stresssystem runter – und wir gewinnen auch unsere emotionale Balance zurück. „In diesem Zustand spüren wir, wie sich unsere Spannung löst und sich ein wohliges Gefühl ausbreitet“, so Peters.

Wie aus permanentem Stress Dauer-Hunger wird

Ein wohliges Gefühl – genau das fehlt, wenn eine schlechte Stimmung von uns Besitz ergreift. Denn egal, ob Ärger, Angst oder Sorge, negative Emotionen aktivieren auch unser Stresssystem. Sie bedienen sich dabei derselben Botenstoffe wie der Essanreiz. Allerdings mit einer anderen Botschaft: „Emotionen wollen uns auf etwas hinweisen – auf ein Problem, einen Konflikt, den es zu lösen gilt“, so Prof. Achim Peters. Gleichzeitig bereiten sie uns auf eine Handlung vor. Gerade bei negativen Gefühlen wollen wir, dass sich an der Situation etwas ändert; wir wollen uns wieder besser fühlen, um keinen Schaden zu nehmen – und das Stresssystem setzt die notwendigen Kräfte frei, um das zu erreichen.

Ärgern wir uns z. B. über etwas, lässt das Gefühl unseren Adrenalinspiegel nach oben schießen. Das Hormon beschleunigt unseren Herzschlag, die Muskeln spannen sich an, die Fäuste ballen sich. Wir sind bereit, dem Ärgernis entgegenzutreten und es mit aller zur Verfügung stehenden Kraft aus dem Weg zu räumen. Lust auf Essen verspüren wir in diesem Augenblick nicht. Denn gleichzeitig hat unser Körper eine große Menge Cortisol ausgeschüttet: Dieses Hormon ist dafür zuständig, alle Körperfunktionen nach der Anstrengung herunter zu regeln – das Stresssystem also wieder zu beruhigen. Nur: Was passiert, wenn wir das Ärgernis nicht aus dem Weg räumen können; wenn der Ärger über Monate anhält oder auf ein Ärgernis sofort das nächste folgt? Dann bleibt unser Stresssystem in Alarmbereitschaft. Wir fühlen uns permanent angespannt, unwohl, zermürbt. Oder aber: Wir essen!

Die gefährlichen Folgen des Comfort-Eating

Fakt ist: Sobald das Gehirn einen schnellen Glucoseschub erhält, stellt es all seine Bemühungen um Energie für den Moment ein – und versetzt unser Stresssystem kurzfristig in absolute Ruhe. „Comfort-Eating ist nicht die optimale Lösung, aber die naheliegende: Man fühlt sich dadurch fast augenblicklich besser – ja sogar getröstet“, erklärt Prof. Achim Peters. Das Problem an der Sache: Comfort-Eating oder auch sogenannte Fress-Flashs, bei denen man innerhalb weniger Minuten Hunderte Gramm Süßigkeiten oder salzige Speisen zu sich nimmt, lassen zwar alle Systeme herunterfahren, doch die echte, entscheidende Ursache für unsere aufbrausenden Emotionen wird nicht beseitigt. So spendet Trostessen zwar schnelle Erleichterung, verschleiert aber auf Dauer das eigentliche Problem – welches uns weiter quält. Und wir greifen jedes Mal aufs Neue zum Schokoriegel oder zur Tüte Chips, wenn die negativen Gefühle wieder an die Oberfläche drängen.

Für unser Gehirn bedeutet das Folgendes: Die ungelösten, schwelenden Konflikte versetzen unser Stresssystem immer wieder in Alarmbereitschaft und richten damit extremen Schaden an – unser Brain-Pull wird nachhaltig geschwächt. Denn seine ausführende Hilfskraft, das Stresssystem, ist einer permanenten Überlastung ausgesetzt und nutzt sich ab. „Innere Notlagen machen nicht nur unzufrieden und unglücklich, sondern beeinträchtigen auch den Energiehaushalt des Körpers massiv“, sagt Prof. Achim Peters.

Ein geschwächter Brain-Pull bedeutet, dass das Gehirn nicht mehr auf die körpereigenen Energiespeicher zurückgreifen kann – sämtliche benötigte Glucose muss nun direkt aus der Nahrung aufgenommen werden. Außerdem verliert das Gehirn die Fähigkeit, die Körpervorgänge so zu beeinflussen, dass alle Glucose zuerst ihm zur Verfügung steht – Fett- und Muskelgewebe ziehen jetzt gleichberechtigt Energie ab und lagern sie ein. Das heißt im Klartext: Um das Gehirn zufriedenzustellen, müssen wir mehr essen – deutlich mehr, als wir eigentlich benötigen. Die Folge: Wir nehmen zu. Es beginnt ein Teufelskreislauf aus emotionaler Überforderung, Stress und Comfort-Eating.

Wie bändigt man den Hungertyrannen im Kopf?

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, gibt es nur einen Weg: „Da energetisches und emotionales Gleichgewicht untrennbar miteinander verbunden sind, ist ein ausbalanciertes Gefühls leben ein entscheidender Schritt, um den Brain-Pull wieder zu normalisieren“, erklärt Prof. Achim Peters. Das bedeutet: Um abzunehmen, müssen wir nicht unser Essverhalten in den Griff bekommen – sondern unsere Gefühle. Das klingt recht simpel, stellt für viele Menschen aber eine Herausforderung dar. Für einen guten Umgang mit unseren Gefühlen ist es am wichtigsten, dass wir sie klar voneinander unterscheiden können.

Das hat eine amerikanische Studie gezeigt. Die Teilnehmer, die ihre Emotionen gut differenzieren konnten, wiesen ein signifikant höheres emotionales Wissen auf: Sie konnten die Bedeutung einer Situation richtig einschätzen und waren dadurch optimal auf eine angemessene Reaktion vorbereitet. Bei Menschen, die ihre Gefühle als ein Durcheinander wahrnahmen, stellten die Wissenschaftler das Gegenteil fest: Für sie war es extrem schwierig, Gefühle als Informationsträger zu nutzen, also mit ihrer Hilfe eine Situation wahrzunehmen und richtig zu bewerten. Entsprechend schwerer fiel es diesen Studienteilnehmern, herauszufinden, wie sie handeln können, um das Gefühl zu verändern.

Die Psychologin Dr. Jennifer Taitz, Autorin des Buchs „Wenn Essen nicht satt macht“, veranschaulicht diesen Zusammenhang mit folgendem Vergleich: „Nur zu sagen, dass etwas wehtut, hilft nicht weiter. Einen Schnupfen behandelt man anders als Bauchschmerzen. Entsprechend geht man mit Einsamkeit anders um als mit Wut – eben wegen der Informationen, die diese Gefühle transportieren.“ Jennifer Taitz’ Fazit lautet daher: „Essen ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Wenn wir lernen, unsere Emotionen zu lesen, mit Ängsten umzugehen, wird uns das entscheidend helfen, uns gesünder zu ernähren.“

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