Sport

Im Rausch des Kollektivs: Wenn Stadien zu Tempeln werden

Das Stadion – ein Ort kollektiver Begeisterung und Leidenschaft. Wie in einer Art modernem Tempel zelebrieren Menschen hier ihre Ersatzreligion Fußball. Sie prägen damit die Fankultur und bereichern den Fußball. Und das nicht nur für die Zuschauer, sondern vor allem auch für die Organisatoren, die daran verdienen.

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Woche für Woche pilgern zehntausende Menschen in die Stadien unseres Landes. In einer Welt ständig abnehmender Religiosität sind diese Orte längst zum Ersatz für frühere Kultstätten geworden. In ihnen suchen die Menschen gemeinschaftliche Rituale. Ein Bedürfnis, welches sich von der Antike bis zum heutigen Tag nicht geändert hat. Nirgendwo sonst versetzen sich so viele Menschen gemeinsam in Euphorie, wie im künstlich geschaffenen Hexenkessel eines Stadions. Durch das gemeinschaftliche Erlebnis wird aus der Menge ein Ganzes. Dadurch, dass die Menschen auf das Gleiche fixiert sind, empfinden sie sich als Einheit. Die euphorisierten Massen sind einerseits synchronisiert und gelenkt – andererseits aber auch eigendynamisch und immer für unkontrollierbare Ausbrüche gut.

Von der Selbstinszenierung zur gelenkten Euphorie

Aber ist diese Eigendynamik nicht gerade das, was das Fußballerlebnis ausmacht? Für viele offensichtlich nicht, wie aktuelle Debatten über angeblich steigende Fangewalt sowie Fehlentwicklungen der Fankultur zeigen. In Kombination mit den Interessen der Macher, die die Events bis ins letzte Detail durchplanen, führt diese Selbstinszenierung der Ultras schon lange zu Konflikten. 

Denn den Initiatoren der Spektakel geht es um das florierende Geschäft in den modernen High-Tech-Arenen. Dies wird schon an den baulichen Unterschieden zwischen den Stadionbauten der Vergangenheit und denen der Gegenwart deutlich. Eine Menschenmenge, die sich selbst die Richtung vorgibt, gehört heute der Vergangenheit an. Stattdessen ist das Publikum in den Multifunktions-Arenen Teil eines Riesenevents. Längst sind Stadien zu Versammlungsorten für Massen geworden, die nach kommerziellen Gesichtspunkten zusammengebracht werden. Es gibt VIPs, die Business Class, die Presse, die Eventbesucher und ganz zum Schluss das „entgegengesetzte", alteingesessene Publikum.

Die „entgegengesetzten Fans“ sind durchaus einkalkulierter Teil des Ganzen. Sie verpassen dem kommerziell inszenierten Spektakel den letzten Schliff. Kleinere Auswüchse in den Fankurven sind dabei geduldet, solange sie Farbtupfer eines berechenbaren Schauspiels bleiben. Erst wenn sie den normalen Besucher und damit die Vermarktung des Spektakels stören, werden sie zum Problem. Dann versuchen die Stadion-Manager Emotionen zu zügeln und der unkontrollierten Masse die Richtung vorzugeben. Das Ungestüme, welches einen nicht unerheblichen Reiz des Stadionerlebnisses ausmacht, geht dabei verloren.

Religiöse Handlungen in neuzeitlichen Tempeln

Diesen Entwicklungen zum Trotz bieten auch die modernen Stadien den Menschen so etwas wie Heimat in einer sich immer rasanter verändernden Welt. Verblüffender Weise wirken selbst mit grotesken Sponsorennamen versehene Arenen wie Kathedralen der modernen Gesellschaft. Für manche sind sie wie Tempel, zu denen sie wöchentlich pilgern. Dient der Sport ihnen wirklich als Ersatzreligion? Ersetzen sie verloren gegangene konfessionelle Bindungen durch eine Bindung an ein Team oder Stadion?

Die Analogien sind offensichtlich: Wie die Religion ist auch der Sport ein bedeutender Teil des kulturellen Lebens. Genau wie Religionen entfaltet er schon allein daher reale Wichtigkeit, da viele Menschen ihn so unglaublich wichtig nehmen. Das einstudierten Ritualen folgende Verhalten der Fans kann man mit dem von Gläubigen während einer Messe vergleichen. Die Gesänge im Stadion erfüllen neben der Anfeuerung der Sportler auch die Zwecke der Lieder in einer Kirche: Die Anhänger werden zu einer Art Gemeinde und beten im Kollektiv. Sie wollen einerseits Glück und Erfolg herbeischwören, andererseits auch ihre Glaubensgemeinschaft möglichst mächtig und attraktiv erscheinen lassen.

Sportereignisse können in Rituale eingebunden sein, wie beispielsweise das von den Fans auf den Tribünen untermalte Einlaufen der Mannschaften oder das Abspielen der Nationalhymnen bei sportlichen Großveranstaltungen. Oft beinhalten oder unterstreichen diese Rituale Normen und Werte, welche auch außerhalb des Sports Gültigkeit besitzen. Werden dabei quasireligiöse Elemente benutzt, bezeichnet man dies als „Zivilreligion“. Vor allem im Fußball treten vielfach zivilreligiöse Elemente auf. Der harte Kern der Zuschauer ist sich dessen durchaus bewusst: Äußerungen von Fans wie „Der Verein ist meine Religion“ sind keine Seltenheit.

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