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Vom Aussterben bedroht: Die vergessenen Sprachen Europas

Einst in Europa weit verbreitet, werden diese Sprachen heute nur noch von wenigen beherrscht. Sprachwissenschaftler und Minderheitenbewegungen bemühen sich um ihren Erhalt.
Ladinisch
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Ladinisch

Ladinisch wird gerade mal in fünf Tälern Südtirols gesprochen – in jedem ein bisschen anders. Zwar wurde 1998 ein Standardwerk für die Sprache entwickelt, doch die Ladiner wehren sich gegen eine solche Vereinheitlichung. Lieber wäre ihnen die auf politischer Ebene, denn ihre fünf Täler wurden drei verschiedenen italienischen Verwaltungsgebieten zugeordnet. Als Schul- und Behördensprache ist Ladinisch dort allerdings anerkannt. Forscher streiten sich, wie weit Ladinisch mit Furlanisch und Bündnerromanisch verwandt ist, zwei weiteren kleinen, im Alpenraum verbreiteten Sprachen. Allgemein werden diese Sprachen unter dem Begriff „Rätoromanisch“ zusammengefasst, doch es mehren sich die Stimmen, die für eine getrennte Betrachtung der drei Sprachen plädieren.

Livisch
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Livisch

Die Liven waren einst ein lebendiges Volk, das das Gebiet im nördlichen Lettland und südlichen Estland sein eigen nannte und gute wirtschaftliche Beziehungen beispielsweise nach England unterhielt. Heute ist davon nicht mehr viel übrig: Livland (Bild) fiel erst an die Deutschen, später an die Russen und wurde schließlich zwischen Estland und Lettland aufgeteilt. Die letzten Liven leben in einigen Dörfern entlang der einsamen Ostseeküste rund um Kap Kolka. In Lettland sind sie jedoch als Minderheit anerkannt und als Nationalität wird „livisch“ im Pass vermerkt. Livisch zählt zu den finnougrischen Sprachen und hat mit Lettisch, bis auf einige übernommene Wörter, keine Gemeinsamkeiten. Die Sprache ist heute ernsthaft vom Aussterben bedroht. Einst gab es rund 30.000 Livisch-Muttersprachler, doch im Februar 2009 verstarb mit Viktor Berthold der letzte von ihnen. Heute wird sie allenfalls als Zweitsprache gepflegt, auch wenn sich verschiedene Wissenschaftler um ihren Erhalt bemühen. Auch andere finnougrische Sprachen wie etwa Wepsisch, Ischorisch oder Wotisch, die einst im Nordosteuropäischen Raum verbreitet waren, kämpfen um ihr Überleben.

Jenisch
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Jenisch

Jenische sind ein fahrendes Volk, ähnlich den Sinti oder Roma, allerdings mit europäischem Ursprung. Sie sind vor allem in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz verbreitet. Lange Zeit litten sie unter ihrem schlechten Ruf: Sie seien Gauner, Trickdiebe und Bettler, hieß es. Die meisten Jenischen lebten in ärmlichen Verhältnissen. Von ihren Nachfahren sind die meisten heute sesshaft. Im Lauf der Zeit haben sie allerdings eine eigene Sprache entwickelt: das Jenische, eine Variante des Deutschen, abwertend auch als „Rotwelsch“ bezeichnet. Jenisch folgt einer ähnlichen Grammatik, zeichnet sich aber durch eine Vielzahl unterschiedlicher Wörter aus – oft entlehnt aus anderen Sprachen. Viele haben Einzug in das Deutsche gefunden, wie etwa „Maloche“, „Kiez“ oder „Fusel“. In der Schweiz ist Jenisch als Minderheitensprache anerkannt. Vertreter der Volksgruppe bemühen sich um die Erhaltung und Förderung ihrer Sprache und Kultur.

Kaschubisch
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Kaschubisch

Am nördlichsten Zipfel Polens, westlich von Danzig, liegt die Kaschubei, ein grünes Hügelland mit über hundert Seen. Rund 50.000 Menschen sprechen hier noch Kaschubisch, eine alte slawische Sprache. Ursprünglich gingen die Kaschuben aus den Pomoranen hervor, die seit dem siebten Jahrhundert an der Ostsee siedelten. Doch über viele Jahrhunderte hinweg stritten germanische und slawische Großmächte um das Gebiet, die kaschubische Kultur wurde an den Rand gedrängt. Die Außenseiterrolle der Kaschuben beschreibt auch Günther Grass seiner „Blechtrommel“, die in Danzig spielt. Heute bezeichnen sich nur noch rund fünftausend Menschen als Kaschuben. Laut der UNESCO ist ihre Sprache ernsthaft vom Aussterben bedroht. Doch in der Kaschubei ist der Wille groß, das Kaschubische zu erhalten. Sprachunterricht, Literatur, Fernseh- und Radiosendungen sollen die Sprache lebendig halten, und das Land Polen unterstützt diese Bestrebungen.

Wilmesaurisch
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Wilmesaurisch

Ganz im Süden Polens wiederum, an der Grenze zu Tschechien, hat sich eine Kleinstadt eine eigene Sprache erhalten: In Wilamowice sprechen noch etwa siebzig Menschen Wilmesaurisch, eine ursprünglich germanische Sprache. Woher sie genau kommt, ist unklar – vermutlich siedelten sich hier vor vielen Jahrhunderten norddeutsche oder holländische Familien an. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der Deutschen aus Polen wurde Wilmesaurisch verboten. Obwohl dieses Verbot in den fünfziger Jahren aufgehoben wurde, fand Wilmesaurisch den Weg in den Alltag nicht mehr richtig zurück. Heute sprechen nur noch wenige, meist ältere Leute, die Sprache.

Sami
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Sami

Nur etwa 20.000 Menschen im Norden Skandinaviens sprechen noch Sami, die Sprache der Samen in Lappland – und das auch noch in zehn verschiedenen Dialekten. Untereinander verstehen sich die einzelnen Samischsprachigen kaum. Kildinsamisch nutzt sogar kyrillische Buchstaben. Während Nordsamisch immerhin noch rund 15.000 Menschen beherrschen, stehen Pitesamisch und Tersamisch vor dem Aus: Nicht einmal eine Handvoll Menschen spricht noch diese Sprachen. Bis vor sieben Jahren lebte eine letzte Sprecherin des Akkalasamischen auf der Halbinsel Kola – heute ist diese Sami-Variante verschwunden. Grund dafür ist die Assimilationspolitik früherer Jahre: Vor allem in der ehemaligen Sowjetunion stand das Sprechen von Sami unter Strafe. Das Bild zeigt drei Samen vor ihrem „lavvu“, einem temporären Wohnsitz.

Okzitanisch
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Okzitanisch

Im Mittelalter war Okzitanisch, eine romanische Sprache, von großer Bedeutung – heute wird sie in keinem größeren zusammenhängenden Gebiet mehr gesprochen. Entlang der Südküste Frankreichs und in Teilen Spaniens und Italiens gibt es zwar noch rund zwei bis drei Millionen Sprecher, doch die meisten sind älteren Jahrgangs oder sprechen Okzitanisch nur als Zweitsprache. Dass viele Straßen- und Ortsschilder zweisprachig verfasst sind und in manchen Schulen Okzitanischunterricht stattfindet, hat fast eher folkloristische Bedeutung. Innerhalb des Okzitanischen gibt es eine Vielzahl von Dialekten, etwa Provenzalisch, Limousinisch und Languedokisch. In Frankreich genießen Minderheitensprachen keinen besonderen Schutz, deshalb setzen sich viele sprachpflegerische und kulturelle Vereinigungen für den Erhalt des Okzitanischen ein. Das Bild zeigt das mittelalterliche Katalonien in Spanien.

Aromunisch
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Aromunisch

Im zweiten Jahrhundert vor Christus siedelten sich die Römer in Südosteuropa an. Trotz slawischer, griechischer und türkischer Einflüsse erhielten sich Teile ihrer Sprache, und so gingen aus dem Latein die heutigen balkanromanischen Sprachen hervor. Neben Rumänisch zählt dazu auch Aromunisch, das mittlerweile um sein Überleben kämpfen muss. Zwar schätzt die UNESCO, dass die Sprache noch von rund einer halben Million Menschen verwendet wird, doch genießt sie nur wenig Schutz. In Griechenland beispielsweise, wo rund 200.000 Sprecher leben, ist Aromunisch nicht als Minderheitensprache anerkannt und wird auch nicht in Schulen unterrichtet. Die Sprecher leben weit verstreut in dem Gebiet zwischen Donau und Mittelmeer.

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Über 3000 Meter hoch ragen die Berge in Südtirol. Wie mächtige Mauern, ein Bollwerk gegen den Strom der Zeit, umschließen sie ein Land, das keines ist – Ladinien. Ladinien, das sind fünf Täler, nicht mehr, die sich über Jahrhunderte hinweg eine eigene Sprache und Kultur bewahren konnten. Rund 30.000 Menschen sprechen hier noch Ladinisch, ein Überbleibsel des einst gängigen Vulgärlateins, das sich hier, im abgeschiedenen Alpenraum, halten konnte. Heute ist Ladinisch eine der kleinsten Sprachen Europas – und vom Aussterben bedroht.

Vielfalt in Gefahr

Nicht nur Ladinisch, auch zahlreiche andere Regional- und Minderheitensprachen in Europa geraten zunehmend in Vergessenheit. Manche von ihnen, wie etwa Livisch oder Wilmesaurisch, werden sogar nur noch von einer Handvoll Menschen gesprochen. Wie viele Sprachen insgesamt vom Aussterben bedroht sind, ist schwer zu sagen – die Zahlen schwanken, je nach Definition. Der Sprachwissenschaftler Tapani Salminen von der Universität Helsinki errechnete, dass von 136 europäischen Sprachen gerade mal 31 nicht gefährdet sind.

 23 von ihnen sind in der EU als Amtssprache anerkannt. Die UNESCO wiederum veröffentlichte bereits einen „Atlas bedrohter Sprachen“, in dem sie – inklusive der Türkei und Russland – auf 300 europäische Sprachen kam. 277 davon sollen gefährdet oder sogar bereits ausgestorben sein.

Andere Sprache erscheint erstrebenswerter

„Sprachen sterben immer dann aus, wenn die Mitglieder der Sprechergemeinschaft eine andere Sprache bevorzugen – beispielsweise, weil sie mehr Prestige verspricht“, sagt Jost Gippert, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Frankfurt. „Schon in der Antike sind Sprachen verschwunden. Aber in den letzten tausend Jahren hat dieser Prozess sehr vehement stattgefunden.“ Von den rund 400 Sprachen beispielsweise, die einst in Nordamerika gesprochen wurden, sind nur noch 20 erhalten. Neben politischen Motiven spielen auch Massenmedien und die zunehmende Globalisierung in diesem Prozess eine Rolle. Mit den Sprachen verschwindet ein Stück Geschichte, eine Kultur – und manch eine regionale Besonderheit.

Offizieller Schutz reicht nicht

In der EU erhalten einige gefährdete Sprachen besonderen Schutz durch die 1998 erlassene Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Gippert allerdings sieht dieses Programm kritisch: „Die Charta ist eher eine Absichtserklärung und wurde noch nicht einmal von allen Ländern unterschrieben. Frankreich zum Beispiel, wo das Bretonische gefährdet ist, hat nicht unterzeichnet.“ Dabei sind gerade die keltischen Sprachen, zu denen neben Bretonisch auch Irisch und Schottisch gehören, besonders bedroht.

„Das Selbstverständnis ist wichtig“

Zahlreiche Projekte bemühen sich um die Dokumentation gefährdeter Sprachen – das Netzwerk bedrohter Sprachen DOBES etwa, oder das neue interdisziplinäre EU-Forschungsprojekt ELDIA (European Language Diversity for All). „Ob eine Sprache aber tatsächlich erhalten bleibt, liegt an der Sprechergemeinschaft“, sagt Gippert, „an ihrem Selbstverständnis und dem Willen, die Sprache zu erhalten. Sprachwissenschaftler können sie höchstens dabei unterstützen.“ Dass das möglich ist, zeigt die Insel Hawaii: Hier stand die Sprache der Ureinwohner kurz vor dem Aussterben. Heute jedoch ist Hawaiisch wieder sehr beliebt, es gibt hawaiische Radiosendungen, Schulen – und die örtlichen Sprachkurse können die Bewerberzahl kaum stemmen.

Wiederbelebung der toten Sprachen

Auch in Europa gibt es Versuche, vergessene Sprachen wieder zum Leben zu erwecken. Seit einigen Jahren bemüht man sich beispielsweise im englischen Cornwall, das einst hier verbreitete Kornisch wieder einzuführen. Da die letzten Sprecher allerdings im 18. Jahrhundert verstorben sind, wurde die Sprache von Wissenschaftlern rekonstruiert. Mit einem kleinen Erfolg: Im Jahr 2000 wurde bereits in 13 Familien Kornisch wieder gesprochen – deren Kinder wuchsen mit der Sprache als Muttersprache auf.

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