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Sturm im Westerwald: Wie entsteht ein Tornado?

Foto: Envato / duallogic

Sturm im Westerwald: Wie entsteht ein Tornado?

In der Nacht zu Donnerstag hat ein schwerer Sturm im Westerwald massive Schäden angerichtet. Dabei kam es zu einem Tornado in Mittelhessen. Wie Tornados entstehen und häufig sie in Deutschland vorkommen.

Das Unwetter vergangene Nacht im Westerwald

Am Mittwochabend zog eine schwere Gewitterfront über Rheinland-Pfalz und Hessen hinweg. Besonders betroffen war der Westerwaldkreis, in dem in Höhr-Grenzhausen ganze Wände aus Häusern gerissen wurden. In Solms-Oberndorf in Mittelhessen berichteten Augenzeugen von einem Tornado.

Zwei Tornados in einer einzigen Nacht

Der Deutsche Wetterdienst bestätigte für dieselbe Nacht einen weiteren Tornado in Fürstenwalde in Brandenburg. Dabei kam mindestens eine Person durch einen umstürzenden Baum ums Leben, weitere Menschen wurden verletzt. Zudem wurden Dutzende Gebäude teils zerstört.

Wie entsteht ein Tornado?

Ein Tornado ist eine schnell rotierende Luftsäule, die von einer Gewitterwolke bis zum Erdboden reicht. Meteorologisch spricht man erst dann von einem Tornado, wenn dieser Wirbel den Boden tatsächlich berührt. Ist das nicht der Fall, nennt sich das Phänomen in der Fachsprache eine Trichterwolke.

Damit dieser Wirbel entstehen kann, muss zunächst ein starkes Gewitter auftreten. Dafür sind drei Dinge notwendig: ausreichend Feuchtigkeit, eine deutliche Temperaturabnahme mit zunehmender Höhe und eine Kraft, die die Luft nach oben hebt, wie etwa eine Kaltfront.

Superzellen als Basis eines Tornados

Nimmt der Wind mit der Höhe zusätzlich an Geschwindigkeit zu und ändert dabei seine Richtung, kann sich aus dem gewöhnlichen Gewitter eine Superzelle entwickeln. Diese besitzt eine sogenannte Mesozyklone, einen rotierenden Bereich innerhalb der Gewitterwolke.

Eine Mesozyklone entsteht, weil sich unter dem Gewitter zunächst eine horizontale Luftwalze bildet. Der starke Aufwind der Gewitterzelle kippt diese Walze in die Senkrechte. Auf diese Weise entsteht die Rotation, aus der später ein Tornado hervorgehen kann.

Wie kommt es dazu, dass sich die Luft dreht?

Verantwortlich hierfür ist ein Phänomen namens Windscherung. Dies beschreibt eine Situation, in der sich die Windrichtung und die Windgeschwindigkeit zwischen Bodennähe und größerer Höhe stark unterscheiden. Diese Scherung setzt eine Rotation in Gang, ähnlich wie sich ein Spielzeugkreisel von einer Peitsche antreiben lässt.

Ein Tornado entsteht vor allem durch das Zusammenspiel von Feuchtigkeit, Höhenwind und Windscherung. Deutschland liegt in den mittleren Breiten, in denen solche Wetterlagen im Sommer regelmäßig auftreten.

Selbst unter gewöhnlichen Schauerwolken kann sich unter bestimmten Bedingungen ein Wirbelsturm bilden, wenn sich Windrichtung und -geschwindigkeit stark ändern. Diese Wirbel erreichen mitunter eine Höhe von einem Kilometer, sind aber meist schwächer als Superzellen-Tornados.

Sind Tornados in Deutschland wirklich selten?

Die Statistiken widersprechen der weitverbreiteten Annahme, dass Tornados in erster Linie ein amerikanisches Phänomen sind. Laut Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes wurden zwischen 2000 und 2022 rund 47 Tornadofälle bestätigt. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch höher liegen, da viele Wirbel über unbewohntem Gebiet unbemerkt bleiben.

In dünn besiedelten Regionen fehlt es oft an Augenzeugen, die einen Tornado melden könnten. Ein Wirbelsturm über einem Waldgebiet oder einem Acker hinterlässt zwar Spuren, wird aber selten dokumentiert und fließt dadurch kaum in die offizielle Statistik ein.

Wie gefährlich können Tornados in Deutschland werden?

Die Stärke eines Tornados wird mithilfe der internationalen Fujita-Skala von IF0 bis IF5 gemessen. Ein schwacher Tornado der Stufe IF0 erreicht Windgeschwindigkeiten unter 117 Kilometern pro Stunde, während ein Tornado der Stufe IF5 mehr als 500 Kilometer pro Stunde erreicht. Die Fujita-Skala umfasst darüber hinaus die Stufen F6 bis F12. Diese Werte gelten bislang als rein theoretisch und wurden bisher nicht beobachtet.

Nur etwa ein Prozent aller weltweit erfassten Tornados erreicht die höchste Stufe. In Deutschland erreichen Tornados nach aktuellen Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes meist die Stufe IF2, seltener IF3, was Windgeschwindigkeiten von etwa 200 bis 350 Kilometern pro Stunde entspricht. 

Die bisher stärksten Tornados in Deutschland

Woldegk, Mecklenburg-Vorpommern – 29. Juni 1764

Der Tornado von Woldegk gilt als der stärkste bekannte Tornado Deutschlands und wurde in die Kategorie F5 eingestuft. Er hinterließ eine rund 30 Kilometer lange und bis zu 900 Meter breite Schneise der Verwüstung, riss sogar Baumstümpfe aus dem Boden und forderte mindestens zwei Todesopfer.

Hainichen/Dittersdorf, Sachsen – 23. April 1800

Auch dieser Tornado erreichte die höchste Stufe F5 und gehört somit zu den lediglich zwei bekannten Tornados dieser Stärke in Deutschland. Er zerstörte Häuser und Ställe vollständig, schlug eine Schneise durch ein Waldgebiet und verletzte mehrere Menschen schwer.

Pforzheim, Baden-Württemberg – 10. Juli 1968

Der F4-Tornado von Pforzheim zählt zu den verheerendsten Tornados der jüngeren deutschen Geschichte. Er beschädigte oder zerstörte innerhalb weniger Minuten mehr als 2000 Gebäude, forderte zwei Todesopfer und verletzte rund 200 Menschen

Warum sind Tornados schwierig vorauszusagen?

Eine exakte Vorhersage, an welchem Ort genau ein Tornado den Boden berührt, ist meteorologisch bis heute kaum möglich. Dies rührt daher, dass Tornados aus sehr kleinräumigen und kurzlebigen Wechselwirkungen innerhalb eines Gewitters entstehen, die von Wettermodellen räumlich und zeitlich bislang nicht präzise genug erfasst werden können.

Tornadowarnungen decken deshalb meist größere Gebiete ab und bleiben in der Formulierung allgemein. Dies trägt zusätzlich zur hohen Gefahr bei, die von Tornados ausgeht.

Definitionen und Begriffserklärungen

Tornado

Eine schnell rotierende Luftsäule, die von der Unterseite einer Gewitterwolke bis zum Erdboden reicht. Erst der Bodenkontakt macht aus einer Trichterwolke meteorologisch einen Tornado.

Superzelle

Eine besonders langlebige, in sich rotierende Gewitterzelle mit einer sogenannten Mesozyklone. Superzellen können neben Tornados auch großen Hagel und Starkregen hervorbringen.

Windscherung

Der Unterschied in Windrichtung und Windgeschwindigkeit zwischen bodennahen Luftschichten und größerer Höhe. Diese Scherung ist die treibende Kraft hinter der Rotation eines Tornados.

Häufig gestellte Fragen zu Tornados

Können Tornados auch in Deutschland entstehen?

Deutschland liegt in einer Klimazone, in der die notwendigen Bedingungen aus Feuchtigkeit, Temperaturunterschieden und Windscherung regelmäßig zusammentreffen, besonders im Sommer.

Was ist der Unterschied zwischen einem Tornado und einer Windhose?

Grundsätzlich besteht kein Unterschied. „Windhose” ist lediglich die im deutschsprachigen Raum gebräuchliche, verharmlosende Bezeichnung für denselben meteorologischen Vorgang.

Wann treten Tornados in Deutschland am häufigsten auf?

Die meisten Fälle konzentrieren sich auf die Gewittersaison im Sommer, wenn warme, feuchte Luft am Boden auf kühlere Luftschichten in der Höhe trifft.

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