Welt der Wunder

Nicht glauben, sondern wissen

Warum wir Geister sehen

Foto: Envato / erika8213

Warum wir Geister sehen

Ob es Geister wirklich gibt, weiß bis heute niemand. Sicher ist: Unser Gehirn ist ein Meister der Täuschung. Psychologische Vorgänge, elektromagnetische Phänomene und mehr können uns Erscheinungen vorgaukeln, die nur in unserem Kopf existieren.

Ob es Geister wirklich gibt, weiß bis heute niemand. Sicher ist: Unser Gehirn ist ein Meister der Täuschung. Psychologische Vorgänge, elektromagnetische Phänomene und mehr können uns Erscheinungen vorgaukeln, die nur in unserem Kopf existieren.

Betroffene berichten häufig von schattenähnlichen Gestalten, die sich am Rand ihres Blickfelds bewegen oder plötzlich verschwinden, sobald sie diese direkt ansehen. Viele nehmen diese Erscheinungen oft als schemenhaft und lichtdurchlässig wahr. Manchmal ähneln sie einer menschlichen Silhouette, manchmal sind es diffuse, schwebende Licht- oder Schattenflecken.

Neben diesen visuellen Phänomenen spielen auch körperliche Empfindungen eine Rolle: Manche Menschen berichten von einem plötzlichen Kältegefühl oder dem Eindruck, berührt zu werden, obwohl niemand in ihrer Nähe ist. Was steckt dahinter?

Wie entstehen Geistererscheinungen?

Erscheinungen am Rand unseres Blickfelds lassen sich meist durch Eigenschaften des peripheren Sehens und durch Vorhersagemechanismen des Gehirns erklären. Hier kommt die Fovea centralis ins Spiel. Dieser ist ein kleiner, zentral gelegener Bereich der Netzhaut im Auge, der die höchste Dichte an Zapfen (Farb- und Schärfesehzellen) aufweist und für das scharfe Sehen verantwortlich ist.

Der restliche Bereich der Netzhaut ist bewegungssensibler, aber deutlich ungenauer; Kontraste, Lichtwechsel oder „visuelles Rauschen“ werden dort leichter fehlinterpretiert. Unser Gehirn ergänzt lückenhafte Reize mit wahrscheinlichen Mustern – insbesondere mit für uns relevanten Formen wie menschlichen Silhouetten. Beim direkten Hinsehen bricht die Illusion oft zusammen, weil die hochauflösende zentrale Wahrnehmung der Fovea corealis die Fehlinterpretation korrigiert. Dieses Phänomen wird auch Troxler-Effekt genannt.

In Kombination mit bestimmten Erwartungshaltungen (z. B. an unheimlichen Orten) oder emotionaler Anspannung neigt das Gehirn ebenso dazu, neutrale Reize als bedrohlich oder übernatürlich zu interpretieren. Selbst minimale Veränderungen des Lichts können als Bewegung einer Gestalt interpretiert werden. Zudem spielt das Phänomen der Pareidolie eine Rolle: Unser Gehirn durchsucht unsere Umgebung ständig nach Gesichtern und nimmt diese auch oft wahr, wenn objektiv keine vorhanden sind.

Quelle: YouTube / @WissenmitSpeed

Wie entsteht das Gefühl, nicht allein zu sein?

Auch vom Pareidolie-Phänomen abgesehen ist unser Gehirn auf Mustererkennung spezialisiert. Es durchsucht ständig unsere Umwelt nach vertrauten Erscheinungen wie Stimmen oder Bewegungen. Dieser Instinkt war im Verlauf unserer Evolution überlebenswichtig: Ein Steinzeitmensch, der im Gebüsch eine potenzielle Gefahr vermutete, hatte größere Überlebenschancen als ein weniger aufmerksamer Zeitgenosse.

Wissenschaftler bezeichnen das Phänomen als „Hyperactive Agency Detection“ (überaktive Wahrnehmung von Handlungsabsichten). Unser Gehirn reagiert dabei besonders sensibel: Schon bei vagen Reizen – etwa einem Schatten oder einem Geräusch – interpretiert es diese als mögliche Bedrohung oder Anwesenheit eines anderen Menschen.

Selbst in harmlosen Situationen kann das Gehirn Absichten oder Anwesende erfinden. Dieser Mechanismus erklärt unsere Neigung, uns beobachtet fühlen oder das Gefühl zu haben, dass wir nicht allein sind.

Schlafparalyse: Wenn der Geist wach ist, der Körper aber noch ruht

Während des REM-Schlafs ist unser Körper üblicherweise gelähmt. Dies ist ein Schutzmechanismus, damit wir die Bewegungen in unseren Träumen nicht nachahmen und uns dadurch selbst verletzen. Bei einer Schlafparalyse erwacht das Gehirn zu früh, während diese Lähmung noch anhält. Traumbilder vermischen sich mit der Realität – und das Gehirn deutet diese als eine echte Bedrohung.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass Schilderungen von Dämonen, Hexen oder nächtlichen Besuchern oft auf dieses Phänomen zurückgehen. Schlafparalyse ist eine sehr unangenehme, aber letztlich harmlose Störung im Übergang zwischen Schlafen und Wachen.

Unsere Umgebung als Auslöser

Was haben Geister mit Infraschall zu tun?

Der Begriff Infraschall bezeichnet Schallwellen unter 20 Hertz. Solche Laute sind zu tief, um sie bewusst zu hören, doch wir nehmen sie dennoch wahr. Der Physiker Vic Tandy entdeckte 1998, dass sehr tiefe Frequenzen um 19 Hertz unsere Augäpfel in Resonanz versetzen. Die Folge: verschwommenes Sehen, ein diffuses Gefühl des Unbehagens, manchmal sogar Visionen am Rand unseres Blickfelds.

In einem bekannten Experiment des britischen Psychologen Richard Wiseman wurden Probanden gezielt Infraschall ausgesetzt. Diese berichteten anschließend häufig über Angstgefühle und Kälteschauder.

Quellen von Infraschall im Alltag sind beispielsweise Industrieanlagen, Windräder oder andere Gebäude mit großen, schwingfähigen Teilen wie Wolkenkratzer und Kirchen. In anderen Worten: Umgebungen, die viele Menschen als unheimlich und bedrohlich empfinden.

Elektromagnetische Felder und das Gehirn

Der renommierte Neurowissenschaftler Michael Persinger wies in seinen Experimenten nach, dass schwache elektromagnetische Felder den Schläfenlappen und das limbische System im menschlichen Gehirn gezielt stimulieren können. Diese Hirnregionen sind eng mit Emotionen, Erinnerungen und der Wahrnehmung der Realität verbunden.

In seinen Studien berichteten Probanden, die elektromagnetischen Feldern ausgesetzt waren, von intensiven Erfahrungen: Sie hatten Visionen, spürten die Anwesenheit von unsichtbaren Wesen oder nahmen sogar körperliche Berührungen wahr. Persingers Studien gelten in der wissenschaftlichen Gemeinde als umstritten, finden aber dennoch bis heute Beachtung.

Zudem sind zahlreiche ältere Gebäude mit veralteten Elektroinstallationen ausgestattet, die schwache elektromagnetische Felder erzeugen und somit die in Persingers Experimenten beschriebenen Symptome theoretisch auslösen können. Dies ist ein gängiger Erklärungsansatz dafür, warum Geistererlebnisse an bestimmten Orten gehäuft auftreten und von verschiedenen Personen ähnlich beschrieben werden. Anerkannte wissenschaftliche Belege gibt es jedoch bis heute nicht.

Traumatische Erlebnisse als Ursache von Wahrnehmungsverzerrungen

Traumatische Erlebnisse wie schwere Unfälle, Gewalt, Kriegserfahrungen oder der Verlust geliebter Menschen hinterlassen nicht nur seelische Spuren, sondern können auch die neurobiologische Struktur und Funktion des Gehirns nachhaltig verändern. Besonders bei Menschen, die eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickeln, zeigen Studien, dass das Gehirn in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit versetzt wird.

Diese anhaltende Alarmbereitschaft führt dazu, dass Betroffene ihre Umgebung intensiver erfassen und dabei auch neutrale Reize als potenziell bedrohlich oder ungewöhnlich einstufen. In diesem Kontext kann es zu ungewöhnlichen Wahrnehmungen kommen.

Etliche Studien zeigen, dass traumatische Erinnerungen oft nicht als abgeschlossene Ereignisse gespeichert werden, sondern als lose Fragmente. Das Gehirn versucht, diese Fragmente zu ordnen, und greift dabei manchmal auf übernatürliche Erklärungen zurück, um das Unerklärliche zu verstehen. Dies kann sich in ungewöhnlichen Wahrnehmungen äußern, Projektionen unbewältigter Ängste oder Konflikte sind.

Mysteriöse Erscheinungen als Symbol für unverarbeitete Emotionen

Bei posttraumatischen Belastungsstörungen können schmerzhafte Erinnerungen und Albträume sehr quälend sein. Betroffene haben dadurch oft sogar das Gefühl, die Personen aus ihren Erlebnissen oder Träumen seien physisch anwesend. Therapeuten interpretieren dies häufig als einen Versuch, mit Schuld, Verlust oder Ohnmacht umzugehen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Schlafparalyse?

Schlafparalyse ist ein Zustand zwischen Schlaf und Wachen, in dem der Körper gelähmt bleibt, während das Bewusstsein bereits aktiv ist. Halluzinationen entstehen durch das Einblenden von Traumbildern in die Wahrnehmung der realen Umgebung.

Was ist Infraschall?

Als Infraschall werden Schallwellen unter 20 Hertz bezeichnet, die vom menschlichen Ohr nicht bewusst wahrgenommen werden. Es ist inzwischen erwiesen, dass Infraschall körperliche Reaktionen auslösen kann, darunter Sehstörungen, Angstgefühle und das Gefühl, dass jemand anwesend ist.

Warum sehen Menschen Geister?

Unser Gehirn lässt sich durch fehlinterpretierte visuelle Informationen, Umweltreize wie Infraschall oder elektromagnetische Felder, Schlafstörungen sowie durch bestimmte Erwartungen und Suggestionen leicht täuschen.

Was ist die häufigste Erklärung für Geistererlebnisse?

Die Schlafparalyse gilt als häufigste wissenschaftliche Erklärung: Betroffene sehen im Halbschlaf Gestalten, weil das Gehirn Traumbilder in die Realität einblendet.

Können bestimmte Orte Geistererlebnisse auslösen?

Infraschall, elektromagnetische Felder sowie die Erwartungshaltung an bestimmten Orten erhöhen nachweislich die Wahrscheinlichkeit für ungewöhnliche Wahrnehmungen.

Sind Geistererfahrungen ein Zeichen einer psychischen Erkrankung?

Solche Erfahrungen treten nachweislich auch bei Menschen ohne psychische Erkrankungen auf. Auch gesunde Menschen sind anfällig für Auslöser wie Schlafmangel, Stress, Umweltreize sowie Schwachstellen der menschlichen Wahrnehmung.

Warum sehen manche Menschen öfter Geister als andere?

Menschen unterscheiden sich in der Empfindlichkeit gegenüber Reizen. Sensible Personen mit besonders lebhafter Vorstellungskraft oder auch Schlafstörungen berichten häufiger von solchen Erlebnissen.

Was ist Hyperactive Agency Detection?

Das Gehirn erkennt Handlungsträger (Menschen, Tiere, Gefahren) oft auch in neutralen Reizen. Dieser aus unserer Evolution hervorgegangene Mechanismus führt dazu, dass Muster, Schatten oder Geräusche als die Anwesenheit einer anderen Person wahrgenommen werden.

Welt der Wunder - Die App

Kostenfrei
Ansehen