Was hinter dem Wetter-Buzzword wirklich steckt
Im Herbst verkünden zahlreiche Wetterportale regelmäßig, der Polarwirbel bringe Kälte, Schnee oder einen „Winterschock“. Das klingt zwar dramatisch, hat mit der Realität aber oft wenig zu tun.
Der Polarwirbel ist ein großes Tiefdruckgebiet über der Stratosphäre über den Polarregionen. Er entsteht, weil die hohen Breiten im Winter mehr Wärme abstrahlen, als sie von der Sonne erhalten. Im Winter steht die Sonne in hohen Breiten sehr tief oder bleibt in der Polarnacht ganz unter dem Horizont, sodass kaum Sonnenenergie ankommt, während Boden und Atmosphäre weiter Wärme in den Weltraum abgeben.
Auf diese Weise bildet sich über den Polarregionen eine Ansammlung aus Kaltluft, die sich um ein Zentrum herum bewegt – wie ein gigantischer Wirbel.
Der Wirbel folgt einem klaren Jahresrhythmus: Er bildet sich meist in der letzten Augustwoche, ist im Januar am stärksten und löst sich im April wieder auf. In 15 bis 30 Kilometern Höhe werden in seinem Inneren Temperaturen von unter minus 80 Grad erreicht.
Was passiert bei einem starken Polarwirbel?
Ein kräftiger Polarwirbel verstärkt im Winter den Jetstream, der dann vorwiegend von West nach Ost verläuft. Der Jetstream ist ein schmales Band sehr starker Winde, das mehrere Kilometer über der Erde liegt und vor allem die Zugbahn von Hoch- und Tiefdruckgebieten beeinflusst.
Für Mitteleuropa bedeutet dies in der Regel eine wechselhafte Wetterlage im Westen: Ein Tief nach dem anderen zieht vom Atlantik heran und die Kaltluft bleibt im Norden. Das Ergebnis sind milde und nasse Winter.
Was passiert bei einem schwachen Polarwirbel?
In manchen Fällen kommt es zu einer sogenannten plötzlichen Stratosphärenerwärmung. Dabei steigen die Temperaturen in großer Höhe binnen weniger Tage um bis zu 50 Grad. Der Wirbel verliert seine Form und kann sich sogar teilen. Die Teilwirbel beginnen zu wandern und werden häufig in südlichere Breiten abgedrängt.
Die Folgen dieser Störung erreichen den Boden jedoch nicht sofort, sondern mit einer Verzögerung von rund zwei bis drei Wochen. In dieser Phase kann sich das gestörte Strömungsmuster allmählich nach unten in die Troposphäre durchsetzen. Die Troposphäre ist die unterste Schicht der Erdatmosphäre, in der sich nahezu das gesamte Wettergeschehen abspielt.
Zeigt sich dieser Effekt, droht ein Nachlassen der üblichen Westwindlage, die uns im Winter häufig milde, ozeanische Luft vom Atlantik herführt.
Ein schwacher Polarwirbel kann tatsächlich Winterwetter bringen
Wenn die Westwinde langsam werden, verliert Mitteleuropa seinen schützenden Luftstrom – und arktische Kaltluft kann bis zu uns vordringen. Die Folge wären merklich niedrigere Temperaturen, winterliche Bedingungen und in manchen Konstellationen sogar ein erhöhtes Schneerisiko.
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnt jedoch davor, aus diesen Anzeichen voreilige Schlüsse zu ziehen. Der Polarwirbel ist laut DWD nur einer von mehreren Faktoren, die das Winterwettermuster prägen. Auch die Meeresoberflächentemperaturen im Atlantik, die Schneedecke über Eurasien oder die Wetterentwicklung in der Troposphäre selbst können das Geschehen in Mitteleuropa maßgeblich beeinflussen oder den Effekt eines gestörten Polarwirbels sogar ganz aufheben.
Ob sich eine solche Störung tatsächlich in kaltem Winterwetter niederschlägt, lässt sich daher erst mit größerer Annäherung an den betreffenden Zeitraum verlässlich abschätzen. Eine Garantie für einen Wintereinbruch oder einen generell frostigen Winter ist die aktuelle Entwicklung jedenfalls nicht.
Warum gibt es momentan so viele dramatische Schlagzeilen über den Polarwirbel?
Das Schlagwort „Polarwirbel” klingt bedrohlich und regt zum Anklicken an. Oft wird es von gängigen Wetterportalen im Zusammenhang mit Wetterprognosen verwendet, die auf langfristigen Berechnungen von Computermodellen basieren. Allerdings sind solche Prognosen in der Regel kein verlässlicher Indikator für tatsächliche Wetterentwicklungen. Der Deutsche Wetterdienst ist im Zweifelsfall die verlässlichste Quelle für langfristige Wetterprognosen.
Zudem wird dabei die Physik um den Polarwirbel oft verdreht. Ein starker und stabiler Polarwirbel hält die Kaltluft in der Arktis fest. Kältewellen bei uns treten dagegen meist dann auf, wenn der Polarwirbel geschwächt oder gestört ist.
Definitionen und Begriffserklärungen zum Polarwirbel
Polarwirbel
Ein großräumiges Kaltluft-Höhentief über dem Nord- oder Südpol. Es bildet sich im Herbst, ist im Winter am stärksten und löst sich im Frühjahr auf.
Jetstream
Ein Starkwindband in der Höhe, das die Tiefdruckgebiete steuert. Ein kräftiger Polarwirbel stabilisiert es, ein schwacher lässt es mäandrieren.
Plötzliche Stratosphärenerwärmung
Ein Temperaturanstieg um bis zu 50 Grad in der Stratosphäre innerhalb weniger Tage. Sie kann den Polarwirbel schwächen oder sogar teilen.
Drei Kurzantworten zum Polarwirbel
Was ist ein Polarwirbel?
Ein Kaltluft-Höhentief über dem Pol, das sich im Winterhalbjahr bildet und den Jetstream beeinflusst.
Wann entsteht ein Polarwirbel?
In der Regel Ende im August. Meist kommt es im April zu seiner Auflösung.
Bringt ein schwacher Polarwirbel Kälte?
Ein schwacher Polarwirbel kann unter bestimmten Umständen arktische Kaltluft nach Mitteleuropa lenken. Ein solcher Effekt tritt jedoch häufig erst mit mehreren Wochen Verzögerung auf und ist keineswegs garantiert.
Häufig gestellte Fragen zum Polarwirbel
Wo liegt der Polarwirbel?
Der stratosphärische Wirbel liegt in 15 bis 30 Kilometern Höhe über der Arktis. Ein Gegenstück gibt es über der Antarktis.
Gibt es den Polarwirbel auch im Sommer?
Im Sommer wehen in der Stratosphäre Ostwinde; der Wirbel bildet sich erst wieder im Spätsommer.
Was ist eine Polarwirbel-Spaltung?
Der Wirbel teilt sich in zwei Teilwirbel, die in südlichere Breiten abgedrängt werden können. Auslöser ist meist eine plötzliche Stratosphärenerwärmung.
Wie stark prägt der Polarwirbel das Wetter in Deutschland?
Der Polarwirbel ist nur einer von mehreren Faktoren – auch der Jetstream, die Meerestemperaturen und die generellen Großwetterlagen spielen eine Rolle.