Vor wenigen Tagen warnten Experten im Rahmen der ersten Internationalen Bergtage in Wien gemeinsam vor den Folgen der Klimakrise für den Bergsport. Die Botschaft lautete: „Der Berg hat sich verändert“.
Tauender Permafrost destabilisiert Berge von innen
Der Vorgang, der den Großteil der Entwicklungen auslöst, spielt sich unter der Bergoberfläche ab. Permafrost bezeichnet ganzjährig gefrorenen Fels und Schutt, der in hohen Lagen ganze Bergflanken zusammenhält. Fachleute nennen ihn deshalb auch den „Klebstoff der Berge“. Wenn dieser auftaut, verliert der Berg seine innere Stabilität.
Der Deutsche Alpenverein nennt neben dem Auftauen von Permafrostböden noch weitere drei maßgebliche Prozesse: das Abschmelzen der Gletscher, die Verschiebung der Jahreszeiten und die Zunahme extremer Wetterereignisse wie Hitzeperioden und Starkniederschlag.
Temperaturanstieg in den Alpen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt
Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos hat festgestellt, dass die Temperaturen in den Alpen doppelt so schnell steigen wie im globalen Durchschnitt. Eine im November 2024 in der Fachzeitschrift „Earth-Science Reviews“ veröffentlichte Studie belegt eine zunehmende Steinschlagaktivität in Gebieten mit auftauendem Permafrost und Gletscherschwund, die in erster Linie durch steigende Sommertemperaturen verursacht wird.
Steinschlag tritt in neuen Dimensionen auf
Steinschlag zählt zu den klassischen Gefahren für Bergsteiger. Laut dem Deutschen Alpenverein tritt er aufgrund des Auftauens des Permafrosts mit neuer Häufigkeit auf. Ganze Bergflanken und Wände können sich dadurch destabilisieren.
Nach dem Gletscherrückzug bleibt instabiles Geröll zurück. Geröll ist besonders unsicher dort, wo sich ein Gletscher erst kürzlich zurückgezogen hat, da es erst durch viele Begehungen und aufkeimende Vegetation an Festigkeit gewinnt.
Aktuelle Artikel
Gefahren durch Gletscherspalten und Schneebrücken
Die Bergrettung in Österreich registrierte in der Sommersaison zudem fast dreimal so viele Gletscherspaltenstürze wie in vergleichbaren Zeiträumen zuvor. Hierzu tragen instabile Schneebrücken über Spalten bei.
Muren, Felsstürze und beschädigte Wege
Starkregen löst Muren aus, die Wanderwege beschädigen oder unpassierbar machen. Felsstürze können ganze Routen verlegen und gefährlicher machen als bisher.
Berghütten in den Alpen ohne Wasser
Auch die Wasserversorgung gerät zunehmend unter Druck. Längere Trockenperioden, geringere Niederschläge und der Rückgang von Schneefeldern und Gletschern als Wasserspeicher betreffen insbesondere hoch gelegene Hütten. So mussten im Sommer 2026 einzelne Berghütten wegen Wasserknappheit schließen oder die Wassernutzung stark einschränken. Die Installation neuer Quellfassungen, die Erweiterung von Zisternen und die Nutzung von Regenwasser sind enorm kostenaufwendig.
Der Berg als Todesfalle im Sommer
Der Schweizer Alpen-Club warnt davor, dass früher oft begangene Touren im Sommer besonders gefährlich werden. Lose Geröllblöcke „so groß wie Einfamilienhäuser“ machen das Gelände unberechenbar. So bieten Bergführer in Österreich die Tour auf das Zuckerhütl im Stubaital im Sommer wegen des Steinschlagrisikos nicht mehr an.
Wer trägt die Verantwortung?
Martin Gurdet, Bundesgeschäftsführer der österreichischen Bergrettung, stellt fest, dass das Bewusstsein für alpine Risiken abnimmt oder teilweise fehlt. Naturfreunde-Vorsitzender Andreas Schieder fordert, dass die Berge wieder ernst genommen werden.
Die Vereine in Österreich halten rund 50.000 Kilometer Wege instand, größtenteils ehrenamtlich. Der Klimawandel erzwingt Anpassungen: Zahlreiche Wege müssen verlegt oder durch Alternativrouten ersetzt werden. Die Baukosten sind nach Angaben der Vereine innerhalb von zehn Jahren um 48,6 Prozent gestiegen.
Wie gehen Sie beim Planen einer Tour vor?
Prüfen Sie zeitnah die aktuellen Informationen zu Ihrer Route. Brechen Sie früher auf, da die Steinschlaggefahr im Tagesverlauf zunimmt. Prüfen Sie außerdem die aktuellen Hütten-Websites und informieren Sie sich über mögliche Wegsperrungen. Planen Sie Wasserreserven ein, da einige Quellen versiegen können. Planen Sie Umkehrpunkte ein und seien Sie stets bereit, die Tour abzubrechen.
Definitionen und Begriffserklärungen zum Klimawandel in den Alpen
Permafrost
ganzjährig gefrorenen Fels, Schutt und Boden in Hochgebirgslagen. Er stabilisiert Bergflanken, Grate und Wände als natürlichen „Klebstoff“. Taut er durch steigende Temperaturen auf, nehmen Steinschlag und Felsstürze zu.
Mure
Muren sind abfließende Geröll- und Schlammströme, die nach Starkregen auftreten. Muren verlegen Bachbetten und Wanderwege und zerstören Brücken. Sie treten häufig nach Gewittern in Steiltälern auf.
Bergsturz
Der plötzliche Absturz großer Mengen Gestein und Geröll von einem Berg oder einer Felswand. Dabei können sich ganze Felsmassen lösen und mit hoher Geschwindigkeit ins Tal stürzen. Zu den maßgeblichen Auslösern gehört das Auftauen von Permafrost.
Drei Kurzantworten zum Klimawandel in den Alpen
Warum werden die Alpen immer gefährlicher?
Steigende Temperaturen tauen Permafrost auf, schmelzen Gletscher und destabilisieren Felswände. Steinschlag, Felsstürze und Spaltenstürze nehmen messbar zu.
Sind alte Tourenbeschreibungen noch gültig?
Nur eingeschränkt. Da sich etliche Wege so rasch verändern, empfiehlt der Deutsche Alpenverein, aktuelle Toureninformationen abzurufen. Die alpinen Vereine Österreichs warnen vor veralteten Erfahrungswerten.
Was tun vor der nächsten Tour?
Prüfen Sie die aktuellen Wegzustände und Sperrungen, brechen Sie früher auf, legen Sie Umkehrpunkte fest und passen Sie die Jahreszeit der Tour den neuen Bedingungen an.
Häufige gestellte Fragen zu Klimawandel in den Alpen
Sind nur Höhenwege in den Alpen gefährlich?
Muren und Felsstürze können auch Wanderwege in mittleren Höhenlagen beschädigen. Der Deutsche Alpenverein empfiehlt deshalb, beim Bergwandern in Risikogebieten einen Helm zu tragen.
Wann ist die sicherste Jahreszeit für Hochtouren?
Frühjahr bis Frühsommer, solange die Winterreste die Hänge und Spalten noch verbinden. Im Hochsommer gilt manche Tour, etwa auf das Zuckerhütl, bei Bergführern als zu riskant.
Warum schließen Hütten wegen Wassermangel?
Gletscher und Schneefelder speichern Wasser und geben es im Sommer ab. Durch ihren Rückgang in Kombination mit längeren Trockenperioden fehlt diese natürliche Versorgung, wodurch Quellen und Zisternen überfordert werden.
Was fordern die alpinen Vereine?
Eine langfristig gesicherte Finanzierung von Hütten und Wegen, aktuelle Tourenbeschreibungen, Ausbildung und ein neues Risikobewusstsein bei allen, die ins Gebirge gehen.