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Ab wann beginnt Tierwohl?

Foto: Envato / serbogarchuk

Ab wann beginnt Tierwohl?

Hunderte Tiere in einen Stall gepfercht. Spielsachen oder Sonnenlicht? Fehlanzeige! So sieht es in vielen Mastbetrieben in Deutschland aus. Das soll sich in den kommenden Jahren durch mehr Tierwohl ändern. Aber was bedeutet das überhaupt?

Fakten zum Fleischkonsum in Deutschland:

  • Mehr als 770 Millionen Schweine, Rinder, Puten, Hühner, Schafe und weitere Tiere werden jährlich in Deutschland geschlachtet.
  • Im Jahr 2020 konnte knapp jedes dritte Rind (31,4 Prozent) auf einer Weide grasen; fast jedes zehnte Rind lebte hingegen in Anbindehaltung.
  • 62,5 Prozent aller Legehennen befanden sich 2019 in Bodenhaltung; jede dritte Henne hatte durch Freiland- oder Ökohaltung mehr Platz.
  • Gerade 21 Prozent des Verkaufspreises für Fleisch kommen am Ende bei den Landwirt:innen an.
  • Im Schnitt essen die Deutschen 57,3 Kilogramm Fleisch pro Jahr (Stand 2020).

Aldi Süd und Aldi Nord zählen zu den größten Discountern Deutschlands. Die Supermarkt-Ketten hatten bereits vergangenes Jahr einen Haltungswechsel bei tierischen Produkten angekündigt. Zunächst für Frischfleisch, seit 2022 auch für Milch. Bei diesen tierischen Produkten möchten die Unternehmen in den kommenden Jahren mehr Wert auf das Tierwohl legen. Das bedeutet: Fleisch und Milch aus unteren Haltungsklassen werden bis 2030 aus dem Sortiment gestrichen. Stattdessen sollen Verbraucherinnen und Verbraucher ausschließlich zu Produkten der höheren Haltungsformen 3 und 4 greifen können. 

Cem Özdemir plant Agrarwende

Auch Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir fordert eine artgerechtere Tierhaltung, sowie hochwertige und bezahlbare Lebensmittel. In einem Interview mit dem ZDF im Januar 2022 im kündigte der Grünen-Politiker an, dadurch auch faire Preise für Landwirtinnen und Landwirte erzielen zu wollen. Sein Standpunkt: „Fleisch soll kein Luxusprodukt sein.“ Und dennoch: Eine Agrarwende mit besseren Bedingungen für Produzentinnen und Produzenten, Arbeitnehmende und Tiere erfordert wohl einen Preisanstieg.

Özdemir argumentiert jedoch, dass viele Menschen bereit seien, „auch mehr Geld zu bezahlen, wenn am Ende mehr Tierwohl rauskommt“. Dafür ist es wichtig, zunächst den Begriff Tierwohl genau unter die Lupe zu nehmen.

Geht Tierwohl mit „glücklichen“ Tieren einher?

Viel Auslauf im Freien, kein Einsatz von Antibiotika und der Nachwuchs darf nach der Geburt bei seiner Mutter bleiben. Wem das wichtig ist, der sollte beim Einkaufen ganz genau hinsehen. Denn viele tierische Produkte, auch in Deutschland produzierte, erfüllen diese Vorstellungen nicht. 

Denn in Deutschland meint Tierwohl die Haltung, Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere. Sprich: Sie müssen gesund sein, ihre angeborenen Verhaltensweisen ausleben können und möglichst wenig Stress ausgesetzt sein. Tierwohl heißt jedoch nicht auch tiergerecht.

Laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) benötigen Tiere bestimmte Voraussetzungen, damit man von tiergerechter Haltung sprechen kann. Denn nicht in jedem legalen Haltungssystem genießen Tiere viel Platz und Komfort. Entscheidend für ein hohes Tierwohl, sind entsprechend angepasste Betriebe. Wie sieht das aus?

Die Non-Profit-Organisation Greenpeace empfiehlt „ausreichend Platz, Zugang zu Freiland, Beschäftigungsmöglichkeiten, Tageslicht und abgetrennte Liege- und Kotbereiche“ für Nutztiere. Je mehr ein Betrieb in seine Tiere investiert, – etwa durch genug Auslauf, gesundes Futter oder viele Spielsachen – desto höher ist das Tierwohl.

Gesetze schreiben den Standard von Tierwohl vor

Das Minimum an Tierwohl beginnt bei den staatlichen Mindestvorgaben für Tierhalterinnen und Tierhalter. Mastbetriebe müssen sich an die Tierschutz-Nutztierverordnung und gesetzliche Vorschriften halten. Vorgegeben ist etwa, wie viel Platz einem Tier mindestens zusteht oder wie lange es transportiert werden darf. Diese Regelungen beziehen sich auf die niedrigste Haltungsform, die in Deutschland erlaubt ist.  

Ein paar Beispiele: Derzeit muss ein 100 Kilogramm schweres Mastschwein laut Gesetz mindestens 0,75 Quadratmeter Platz haben. Mastrinder benötigen mindestens 1,5 bis 2,2 Quadratmeter Fläche pro Tier und dürfen maximal 29 Stunden transportiert werden. Bei eng auf eng stehenden Legehennen der Haltungsform 1 finden bis zu neun Tiere auf einem Quadratmeter Platz. 

Haltungsformen zeigen Niveau des Tierwohls

Beim Einkaufen können Verbraucherinnen und Verbraucher anhand farbiger Tabellen erkennen, wie viel Tierwohl in einem Produkt steckt. Die eben beschriebenen Mindestgrößen beziehen sich auf die niedrigste Haltungsform – die Stallhaltung. Das Video zeigt, was die Haltungsformen 1 bis 4 und andere Gütesiegel bedeuten.

Regelmäßige Kontrollen des Tierwohls bleiben aus

Landwirtinnen und Landwirte und Produzierende müssen sich folglich an bestimmte Richtlinien halten. Zudem sind Mastbetriebe dazu angehalten, das Tierwohl regelmäßig zu kontrollieren. Wie oft die Tierhalterinnen und Tierhalter Kontrollen durchführen, wird allerdings nicht streng unter die Lupe genommen. „Die zuständigen Veterinärämter machen zwar stichprobenartig Kontrollen.

Nach Aussage der Bundesregierung wurden Betriebe in den Jahren 2009 bis 2017 im Durchschnitt jedoch nur etwa alle 17 Jahre kontrolliert“, kritisiert das Verbraucherportal des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL). 

Dabei ist es essenziell, den Gesundheitszustand der Tiere regelmäßig zu prüfen – besonders bei den Haltungsformen 1 und 2. Sehr viele Lebewesen auf einer verhältnismäßig kleinen Stellfläche, ein schlechtes Stallklima oder fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten bedeuten Stress für die Tiere. Schweine beißen sich dann gegenseitig in die Schwänze.

Ein typisches Symptom bei Hühnern ist das Federpicken. Außerdem verzichten gestresste Legehennen auf Futter und äußern ihr Unbehagen mit lautem Gegacker. Das kommt nicht nur bei Massentierhaltung vor, sondern auch in kleineren Betrieben.

Staatliches Tierwohlkennzeichen geplant

Um Verbraucherinnen und Verbraucher noch mehr Transparenz beim Thema Tierwohl zu bieten, plant die Regierung ein eigenes Siegel. Die BLE erarbeitete das „nationale Tierwohlkennzeichen“. Bei einer Abstimmung des Bundestages im Juni 2021 stimmten die Abgeordneten jedoch nicht mehrheitlich dafür – das Vorhaben scheiterte. Vorerst. Die neue Ampel-Regierung möchte das Tierwohlkennzeichen nun auf den Weg bringen.  

Die Kennzeichnung soll über eine reine Haltungskennzeichnung hinausgehen. Sie soll anhand einer ganzen Reihe unterschiedlicher Kriterien die gesamte Lebensspanne eines Tieres – von der Geburt bis zur Schlachtung – in den Blick nehmen. Neben mehr Platz für die Tiere umfasst dies auch eine längere Säugephase, mehr Tierschutz bei Transport und Schlachtung oder Verbesserungen bei der Fortbildung der Tierhalterinnen und Tierhalter. 

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