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Emissionen senken und das Klima schützen: Das Ziel ist klar, die Klimapolitik der einzelnen Nationen unterscheidet sich jedoch.

Foto: Envato / Bilanol

Internationale Klimapolitik: global zum 1,5-Grad-Celsius-Ziel?

Das 1,5-Grad-Celsius-Ziel sollte den Klimawandel stoppen. Wie die internationale Klimapolitik aussieht und was China und USA beitragen.

Die zweite industrielle Revolution beschleunigte den Fortschritt. Damit stiegen jedoch auch die Emissionen und die Belastung für die Natur. Im Vergleich zum Zeitraum zwischen 1880 und 1900 erwärmte sich die Erde aufgrund menschlichen Zutuns um 1,1 Grad Celsius. Viel mehr darf es nicht werden − gemäß wissenschaftlichem Konsens. Staats- und Regierungschefs verabredeten auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen (UN) in Paris 2015 daher intensive Anstrengungen, die Erderhitzung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf 1,5 Grad zu beschränken.

Basis dafür sind die UN-Klimarahmenkonventionen von 1992. Das Ziel: Den zerstörerischen Eingriff des Menschen in das Klimasystem zu verhindern. Als Kontrollgremium installierte die internationale Gemeinschaft die jährliche Klimakonferenz. Diese Conference of the Parties (COP) überprüft die Maßnahmen und Fortschritte der Länder. Jede Nation setzt sich dafür alle fünf Jahre neue „ambitionierte nationale Klimaschutzbeiträge“ (NDCs: Nationally Determined Contributions).

Klimapolitik international: China und Kohlekraft

Dass selbst der Grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von einem kurzfristigen Weg zurück zur Kohle spricht, erklärt eine Schwierigkeit dabei: Die Angst der Bundesrepublik vor einem Energieengpass als Folge des Krieges in der Ukraine überstrahlt die Klimaambitionen. 

Ein ähnliches Szenario erlebte China bereits 2021. Der Strom wurde in einigen Regionen knapp. Das will die Zentralregierung für die Zukunft verhindern und fördert Kohleenergie daher intensiver als je zuvor. Obwohl der Energiesektor weltweit für rund 35 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist und ein Oxfam-Bericht Kohlekraft bereits 2011 als klimaschädlichste Art der Energiegewinnung bezeichnete. An Chinas Fokus ändert das nichts. Denn während das Land auf Öl- und Gasimporte angewiesen ist, besitzt es große Kohlevorkommen. Laut Dr. Kevin Mo ein entscheidender Aspekt. In China „ist Energiepolitik auch ein Thema der nationalen Sicherheit“, erklärt der Direktor der Pekinger Beratungsfirma „Innovative Green Development Program“ dem Fachportal Carbon Brief.

Ein weiterer Punkt: Chinas Stromsystem. „Die gesamte Netzübermittlung, -verteilung und -verknüpfung ist auf Kohle ausgelegt“, so Dr. Mo. „Soll das Netz beispielsweise erneuerbare Energie speisen, müsste es komplett anders aussehen. Daher geht der Umbau des Energiesystems nicht so schnell.“ Aus diesen Gründen bezeichnet die Zentralregierung Kohle in ihrem 14. Fünfjahresplan als essenziell, um „die Grundenergieversorgung sicherzustellen“. Als Übergangstechnologie, wie sie sagt. Gemäß Climate Action Tracker müsste China den Anteil an Kohlestrom von derzeit 64 Prozent um 35 Prozent senken und bis 2040 kohlefrei Strom erzeugen. Nur so ließen sich die Klimaziele erreichen. Immerhin war die Volksrepublik 2020 mit über 11 Millionen Tonnen größter CO2-Emittent der Erde.

Erneuerbare Energien in China und international

Davon auszugehen, dass sich China gar nicht bewege, greift dennoch zu kurz. Das Land zählt zu den den führenden Nationen beim Ausbau erneuerbarer Energien. Bis zum Jahr 2030 will China 25 Prozent des Energiebedarfs unter anderem durch Wind- und Solarenergie decken. 80 Prozent sind das Ziel für bis 2060. Im selben Jahr strebt das Land Klimaneutralität an. 2030 soll das Emissionsmaximum erreicht sein. Im Zuge seiner NDCs zum Klimarahmen der UN setzt sich China jedoch keinen Emissionsdeckel. Das löst Kritik aus. Der Fokus liegt auf intensivem Wachstum. Damit steigt der Energiebedarf. Entsprechend müsste China, wie der Rest der Welt, den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigen, um die Klimaziele zu erreichen.

Das zeigen auch die „Renewable Capacity Statistics“ der International Renewable Energy Agency (IRENA). Insgesamt gewann die Weltgemeinschaft aus erneuerbaren Energien 2021 rund drei Terrawatt (TW). Insgesammt stammten 77 Gigawatt (GW) von Europa (39 GW) und Nordamerika (38 GW). Aus Asien kamen knapp 1,5 TW, wobei China 121 GW lieferte. Laut „Renewables 2022 Global Status Report“ des Thinktanks REN21 schreitet der Ausbau erneuerbarer Energie damit zu langsam voran.

Klimapolitik: in den USA polarisierend

Ein Dilemma auch in den USA: Mit 5 Millionen Tonnen im Jahr 2020 sind die vereinigten Staaten der zweitgrößte CO2-Emittent der Welt. Dort stieg der Energiebedarf 2021 nach dem Pandemie-bedingten Einbruch. Für die Deckung spielte Kohle eine entscheidende Rolle. Zudem nennen die USA auch unter Präsident Joe Biden kein Enddatum für Kohlestrom, Fracking, Gas- und Ölproduktion.  Zwar traten die USA wieder ins Pariser Klimaabkommen ein. Der vorangegangene Austritt unter Donald Trump verdeutlicht dennoch ein Problem: Als Reaktion auf den Wahlsieg Barak Obamas sei die Republikanische Partei „wesentlich konservativer“ geworden. Das erklärt Anthony Leiserowitz, Professor an der Yale University und einer der anerkanntesten Klimawissenschaftler der USA, in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Die Republikaner hätten den Klimawandel nun mehrheitlich zum „Schwindel“ erklärt. „Das bewirkte, dass viele Wähler der Republikaner diese Linie übernahmen, ebenso konservative Medien wie Fox News. Bis heute ist der Klimawandel ein politisch äußerst polarisierendes Thema in den USA.“ Entsprechend schwer sei es für die Demokraten, Gesetze durch den Senat zu bringen.

Die Industrie für fossile Brennstoffe habe zudem jahrzehntelang bewusst Verwirrung gestiftet und tue das noch heute. Gleichzeitig wollen die USA nun bis 2050 Klimaneutralität erreichen. Die Stromversorgung soll bis 2035 CO2-emissionsfrei sein. 2021 gewannen die USA ein Fünftel ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen. Laut der Research-Plattform Rhodium Group befinden sie sich dennoch nicht auf Kurs, ihre Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen zu erreichen. Zumal sie der Climate Action Tracker für „ambitioniert“, aber nicht ausreichend hält, um die 1,5-Grad-Marke zu unterbieten.

COP26: Klimapolitik in Glasgow – ein Anfang

Die EU möchte genau das mit ihrem European Green Deal erreichen. Mehr noch: Als erster Kontinent soll Europa bis 2050 klimaneutral werden und damit eine Vorbildrolle einnehmen. Auch für weitere Ziele zur Rettung des Klimas. Im Zuge der UN-Klimakonferenz 2021, der COP26 in Glasgow, setzte sich die Staatengemeinschaft drei zusätzliche:

  • Während der COP26 unterstützten über 100 Nationen den Vorstoß der EU und USA , Methanemissionen bis 2030 um mindestens 30 Prozent zu senken. Indien, China, Australien sowie Russland schlossen sich der Glasgower Initiative nicht an. Sie verursachen mit den Vereinigten Staaten die meisten Methan-Emissionen.
  • Über 100 Staaten einigten sich darauf, wichtige Ökosysteme sowie Wälder bis spätestens 2030 nicht mehr zu zerstören. Als großer Schritt gilt das, da sich mit Brasilien, Indonesien, der Demokratischen Republik Kongo und Kolumbien die urwaldreichsten Länder der Erde anschlossen. Greenpeace kritisierte jedoch, dass Regenwälder nun beinahe ein komplettes Jahrzehnt lang weiter abgeholzt werden dürften.
  • Alok Sharma, Präsident der COP26, stellte „das Ende der Kohleenergie“ in Aussicht. Tatsächlich verpflichteten sich mehr als 23 Länder, sich von der Kohlekraft zu verabschieden. Während sich die USA und China enthielten, unterzeichneten Polen, Indonesien und Vietnam das Abkommen

Experten des Climate Action Tracker gehen davon aus, dass die Maßnahmen der COP26 nicht ausreichen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Wahrscheinlicher führten sie zu einer Erwärmung von 2,1 bis 2,4 Grad. Zu einem ähnlichen Urteil kam der Climate Change Performance Index (CCPI) 2022. Die Experten des CCPI ließen die ersten drei Plätze ihres Rankings frei. Auf dem vierten Platz landete Dänemark. Die Maßnahmen sind zwar ambitioniert, zur Einhaltung des 1,5-Grad-Celsius-Ziels reichen sie aber nicht aus. Die Erderwärmung aufzuhalten, bleibt eine Herausforderung für die Klimapolitik aller Nationen.

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