Solnhofener Platten

Versteinerte Urwelt: Was Fossilien uns verraten

Der Solnhofener Plattenkalk ist nicht nur ein Stein, er ist ein Geschichtenerzähler. Vor Jahrmillionen im Jura-Meer entstanden enthält er unzählige Fossilien wie den berühmten Urvogel Archaeopteryx.

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In allen Steinbrüchen der Welt wird gesprengt, um an das wertvolle Gestein zu gelangen. Nur in wenigen Gebieten der Welt ist dies nicht der Fall, zum Beispiel in Solnhofen im Altmühltal. Der Solnhofener Plattenkalk ist der qualitativ hochwertigste Kalkstein der Welt. Da er sehr fein ist, würde eine Sprengung das gesamte Gestein in Staub verwandeln. Der Kalk dient nicht nur als Baustoff, Künstlern aus aller Welt benutzen ihn für ihre Lithographien. Doch das ist nicht das einzige Besondere: Im Kalkgestein sind unzählige einzigartige Fossilien eingeschlossen. Sie haben den Forschern elementare Kenntnisse über die Tier- und Pflanzenwelt der Jurazeit (vor rund 200 Millionen Jahren) vermittelt. Doch wie kommen die Tiere in den Stein?

Die Entstehung des Plattenkalks

Vor 150 Millionen Jahren lagen die Gebiete des heutigen Bayern – genau wie viele andere Teile Europas – unter Wasser. In der Region um Solnhofen bestimmten Lagunen die Landschaft, das heißt, einzelne Becken waren durch Riffe vom Meer getrennt. Hier entstand der Plattenkalk: Ton vom Festland und Kalk aus dem Wasser vermischten sich. Lagerte sich dieses Gemisch auf dem Meeresboden ab, entstanden für uns heute unbrauchbare Kalkschichten. Doch wenn Stürme mehr Kalkschlamm über die Riffe in die Lagunen spülten, änderte sich das Gemisch – es bildeten sich die Schichten, die heute als Plattenkalk weltberühmt sind. Im Laufe der Jahrmillionen verfestigte sich der Schlamm schließlich zu Stein.
 
Am Boden der Lagunen gab es damals keine Tiere, zu lebensfeindlich waren dort die Bedingungen. Unter anderen Umständen hätte sich der Plattenkalk auch nicht bilden können, da solche Bewohner die verschiedenen Schlammschichten durchmischt hätten. Erstaunlich ist, dass man dennoch eine Vielzahl einzigartiger Tierfossilien im Solnhofener Plattenkalk gefunden hat. 

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Archaeopteryx – der Stammvater der Vögel

Zur ersten sensationellen Entdeckung kam es im Jahr 1860: Man fand in Solnhofen eine fossile Feder im Kalkstein, die heute im Paläontologischen Museum in München zu sehen ist. Bis dahin waren aus der Jurazeit lediglich schuppenbedeckte Dinosaurier bekannt. Bereits im folgenden Jahr fand man den Träger der Feder, den Urvogel Archaeopteryx (Bild). Bis heute wurden von diesem Stammvater unserer heutigen Vögel zehn vollständige Exemplare gefunden, alle versteinert im Solnhofener Plattenkalk.
 
Doch wie geriet ein solcher flugfähiger kleiner Raubsaurier einst auf den Lagunen-Grund? Das Szenario der Wissenschaftler: Ein starker Sturm drückte einen über dem Wasser kreisenden Urvogel auf das Jura-Meer hinaus. Als das Tier keine Kraft mehr hatte gegen den starken Wind anzukämpfen, stürzte es ab und ertrank. Der Archaeopteryx sank auf den Grund der Lagune, feiner Kalkschlamm begrub ihn unter sich. Im Laufe der Jahrmillionen wurde das Tier von Mineralien durchsetzt und der Schlamm zu Sedimentgestein. Und da der Sand in der Gegend von Solnhofen besonders fein ist, zeigt das in unserer Zeit gefundene Fossil selbst solche Details wie Federn.

In vielerlei Hinsicht einzigartig

Die Besonderheit des Solnhofener Plattenkalks zeigt sich in vielen Bereichen. Er ist nicht nur ein hochwertiger Baustoff, sondern auch bei Künstlern sehr beliebt. Und da er sehr sorgsam abgebaut werden muss und nicht gesprengt werden darf wie normaler Kalk, ist die Chance hier viel höher Fossilien zu finden.
 
Bisher wurden Spuren von mehr als 250 Pflanzen und 750 Tierarten gefunden. Die Überreste des Archaeopteryx, des Quastenflossers, der Urlibelle und des Pfeilschwanzkrebses geben uns erstaunliche Einblicke in die Entwicklung des Lebens. Somit haben wir dank des Solnhofener Kalksteins nicht nur ein wunderschönes Badezimmer – wir lernen aus ihm auch unsere Welt besser zu verstehen.
 
Wer selbst nach Fossilien suchen will, kann dies in den Hobbysteinbrüchen von Solnhofen, Eichstätt oder Mörnsheim tun. Dort kann jeder gegen eine kleine Gebühr mit Hammer und Meisel arbeiten. Alle gefundenen Fossilien dürfen mit nach Hause genommen werden.

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