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Wie wir besser lernen und warum unser Gehirn vergisst

Foto: Envato / ESBEssentials

Wie wir besser lernen und warum unser Gehirn vergisst

Unser Gehirn filtert Eindrücke und Informationen und vergisst viele von ihnen – oft genau die, die wir behalten wollen. Wer versteht, wie unser Gedächtnis funktioniert, ist deshalb klar im Vorteil.

Was passiert im Gehirn, wenn wir lernen?

Neue Informationen werden zunächst im Kurzzeitgedächtnis verarbeitet. Nur durch Wiederholung und Verknüpfung mit Vorwissen entstehen stabile Netzwerke im Langzeitgedächtnis. Dieser Prozess heißt Konsolidierung. Schlaf, Bewegung und aktive Anwendung beschleunigen ihn.

Bewegung fördert die Durchblutung und die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin, Serotonin und Noradrenalin, welche das Lernen unterstützen. Besonders effektiv ist es, Gelerntes nicht nur passiv zu wiederholen, sondern aktiv anzuwenden, beispielsweise durch das Erklären des Inhalts in eigenen Worten, das Zusammenfassen oder das Durchführen praktischer Übungen. So entstehen starke Spuren im Gedächtnis, die wir auch unter Druck abrufen können.

Warum vergessen wir Gelerntes so schnell?

Unsere Erinnerungen verblassen ohne Wiederholung. Neuronale Verbindungen im Gehirn werden ohne regelmäßige Aktivierung schwächer – und schließlich abgebaut. Die von dem deutschen Psychologen Herrmann entwickelte „Vergessenskurve“ zeigt: Nach 24 Stunden gehen bereits 60 Prozent einer neu gelernten Information verloren. Gezielte Wiederholungen – besonders nach 24 Stunden, nach einer Woche und nach einem Monat – bremsen diesen Effekt. Hierbei helfen Apps wie Anki, die neu gelernte Vokabeln oder auch beliebige Informationen in bestimmten Zeitintervallen abfragen.

Quelle: YouTube / @Marketinginstitut

Sprachen lernen: Vokabeln und Grammatik behalten

Sprache muss aktiv angewendet werden. Hören und Lesen allein reicht nicht aus, um sicherer zu werden. Erst durch das Sprechen beginnen wir, uns die Strukturen einer Sprache wirklich zu verinnerlichen. Deshalb ist es wichtig, Sprachübungen laut auszusprechen, auch wenn uns dabei Fehler passieren. Fehler sind ein notwendiger Teil eines Lernprozesses, der uns dabei hilft, uns kontinuierlich zu verbessern.

Eine effektive Technik ist die 5-Satz-Methode: Lernen Sie jeden Tag fünf neue Sätze auswendig und verwenden Sie diese aktiv im Alltag. Dies erlaubt Ihnen, Schritt für Schritt ein solides Fundament aufzubauen. Sie erweitern Ihren Wortschatz und gewinnen mehr Sicherheit. Entscheidend dabei ist regelmäßiges Üben: Schon wenige Minuten täglich können langfristig sehr effektiv sein.

Prüfungen richtig vorbereiten

Es ist generell am effektivsten, Lernstoff in kleine, überschaubare Einheiten einzuteilen. Eine bewährte Methode ist die Pomodoro-Technik: Sie sieht 25 Minuten lang konzentriertes Lernen und danach eine 5-minütige Pause vor. Nach mehreren Durchgängen folgt eine längere Pause.

Dieses Konzept hilft dabei, unsere Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, ohne dass wir uns überfordert fühlen. Zusätzlich ist es wichtig, neu gelernten Stoff zu wiederholen, beispielsweise am nächsten Tag und erneut nach etwa einer Woche.

Durch Wiederholen wird das Gelernte im Langzeitgedächtnis festgehalten und das Wissen bleibt länger erhalten. Die Pomodoro-Technik wurde übrigens nach der Küchenuhr in Tomatenform benannt, die ihr Erfinder Francesco Cirillo bei seinen ersten Versuchen verwendete. Tomate heißt auf Italienisch pomodoro.

Checkliste für Prüfungen

  • Prüfungsstoff aktiv wiederholen (z. B. mehrmals mit eigenen Worten erklären)
  • Zur Übung Aufgaben unter Zeitdruck durchführen, optimalerweise eine komplette Probeklausur.
  • Vor Prüfungen möglichst viel schlafen, auch wenn dies weniger Zeit zum Lernen und Wiederholen bedeutet.

Prüfungsangst: Was hilft wirklich?

Angst entsteht oft durch Unsicherheit. Gründe dafür gibt es vor einer Prüfung einige: die Befürchtung, zu wenig gelernt zu haben. Die Befürchtung, das Gelernte im entscheidenden Moment zu vergessen. Oder auch, dass wir uns selbst unter Druck setzen und auf ein unrealistisch gutes Ergebnis hoffen. Allerdings kann unser Gehirn nicht zwischen echter Gefahr und Prüfungsstress unterscheiden. Das Resultat ist oft der gefürchtete Blackout, ein plötzlicher, stressbedingter Gedächtnisausfall, bei dem Gelerntes kurzfristig nicht abrufbar ist.

Tipps gegen Blackouts

  1. 4 Sekunden einatmen, 6 Sekunden ausatmen. Diese Atemübung beruhigt das Nervensystem.
  2. Bewegung wirkt entspannend und löst mentale Blockaden.
  3. Bereiten Sie eine Notfall-Karteikarte mit den wichtigsten Stichpunkten vor. Allein die Gewissheit, dass Sie diese Karteikarte bei sich tragen, beugt Blackouts vor.
  4. Stellen Sie sicher, dass ihre Vorbereitung Übungen unter Zeitdruck miteinschließt.

Wie Sie Ihr Gedächtnis trainieren

Ihr Gedächtnis ist wie ein Muskel – und wie jeder Muskel braucht es regelmäßiges Training, um stärker und ausdauernder zu werden. Ähnlich verhält es sich mit Alltagsinformationen: Wer sich Namen von neuen Kollegen merken will, sollte sie bewusst wiederholen, aufschreiben oder gedanklich mit Menschen verbinden, die wir bereits kennen. Selbst einfache Gewohnheiten wie das Auswendiglernen von Einkaufslisten oder das Rezitieren von Gedichten stärken die Gedächtnisleistung nachweislich.

Ein besonders wirksames Werkzeug sind Mnemotechniken. Mnemotechniken sind Merkhilfen, die Informationen mit bereits vorhandenen Wissensstrukturen verknüpfen. Ein Klassiker unter den Mnemotechniken sind Eselsbrücken: Der Satz „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere Nachbarschaft“ (Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun) hilft beispielsweise dabei, sich die Planeten unseres Sonnensystems zu merken. Der Satz „Nie (Norden) ohne (Osten) Seife (Süden) waschen (Westen)” ist eine einfache Eselsbrücke für die vier Himmelsrichtungen.

Die Loci-Methode: Bekannte Orte mit neuen Informationen verbinden

Eine noch mächtigere Mnemonik-Technik ist die Loci-Methode. Diese verknüpft neue Informationen mit vertrauten Orten – etwa dem Weg durch die eigene Wohnung. Malen Sie sich aus, dass sich Teile des zu lernenden Stoffs an bestimmten Orten befinden: Die ersten drei Vokabeln an der Haustürmatte, die nächsten drei im Wohnzimmer, die nächsten drei in der Küche etc. Diese räumliche Verankerung aktiviert mehrere Sinneskanäle und macht die Erinnerungen greifbarer.

Je mehr Verbindungen Sie zwischen neuen und alten Informationen knüpfen, desto leichter fällt das Erinnern. Probieren Sie es aus: Lernen Sie die Namen aller Gäste auf der nächsten Party, indem Sie sich zu jedem eine kleine Geschichte ausdenken. Oder merken Sie sich die Zutaten eines Rezepts, indem Sie diese mit der Anordnung der Küchenutensilien über Ihrem Herd verbinden.

Nützliche Apps und Tools

  • Quizlet: Karteikarten erstellen und teilen
  • Memrise: Sprachen lernen durch Videos von Muttersprachlern und KI-gestützte Spracherkennung
  • Forest: Durch Gamification die Konzentrationsfähigkeit trainieren

Definitionen und Erklärungen

Konsolidierung

Der Prozess, bei dem das Gehirn neue Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis überführt. Viel Schlaf und Wiederholung stärken diesen Vorgang.

Vergessenskurve

Ein Modell von Hermann Ebbinghaus, das zeigt, wie schnell wir Gelerntes ohne Wiederholung vergessen. Nach 24 Stunden haben wir etwa 60 Prozent wieder verlernt.

Mnemotechnik

Eine Lernstrategie, die Informationen mit Bildern, Geschichten oder Orten verbindet, damit wir uns leichter erinnern.

Häufig gestellte Fragen

Was hilft beim Lernen?

Regelmäßiges Wiederholen des neuen Stoffs – besonders nach 24 Stunden, einer Woche und einem Monat –, viel Schlaf, Mentales Verknüpfen von neuem Stoff mit bereits Gelerntem.

Was hilft gegen Prüfungsangst?

Atemübungen, Bewegung, realistische Ziele und Simulation der Prüfungssituation als Teil der Vorbereitung reduzieren Stress und verbessern unsere Leistung.

Was tun bei einem Blackout in einer Prüfung?

Atmen Sie tief durch, und beginnen Sie mit der einfachsten Aufgabe. Das aktiviert das Gedächtnis und reduziert Stress.

Hilft es, nachts zu lernen?

Nein. Schlaf ist entscheidend für die Konsolidierung unseres Gedächtnisses. Lernen Sie tagsüber, wiederholen Sie den Stoff abends und sorgen Sie für ausreichend Schlaf.

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