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Wie lang könnte die russische Wirtschaft ohne Hilfe überleben?

Foto: Envato / Twenty20photos

Wie lang könnte die russische Wirtschaft ohne Hilfe überleben?

Wie lang könnte Russland nach den Sanktionen des Westens überleben – alleine und vom Rest der Welt abgeschottet?

Putins „Festung Russland“

Staatspräsident Wladimir Putin verfolgt seit mindestens zehn Jahren das Ziel der „Festung Russland“. Der Plan ist, dass die russische Wirtschaft intern so viele Reserven anhäufen soll, um sie vom Rest der Welt unabhängig zu machen. Infolge der Sanktionen aus dem Westen wird Putins Plan nun auf eine harte Probe gestellt.

1. Der Technologiesektor in Russland: die Achillesverse des Landes

Der IT- und Technolgiebereich gilt als eine der größten Schwachstellen der Infrastruktur in Russland. Der russische Technologiesektor leidet aktuell an mangelndem Know-how und einer Unterversorgung an modernen Produktionsstätten.

Russland hält wenige internationale Patente und gilt im Bereich der automatisierten Fertigung als abgeschlagen. Laut zahlreichen Experten ist das Land im Technologiebereich extrem auf den Westen angewiesen und kann die Branche nicht im Alleingang auf einem zeitgemäßen Niveau halten.

2. Der Ernährungssektor in Russland: die gut gefüllte Speisekammer

Gemäß der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen produziert Russland 76 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr und benötigt 44 Millionen Tonnen davon für seinen eigenen Bedarf.

Auch die Fleischproduktion erzeugt ein großes Volumen – laut „Statista“ hat Russland in den Jahren 2019 bis 2020 vier Millionen Tonnen Schweinefleisch und fünf Millionen Tonnen Geflügel verbraucht. Nach einer weiteren Statistik war das ungefähr so viel, wie das Land selbst produzieren konnte. Russland hätte somit ohne externe Importe genügend Fleisch für ein Jahr und Brot für mehr als ein Jahr. Allerdings könnten hier Defizite auf dem Technologiesektor die Ernte und Verarbeitung der Rohstoffe erheblich bremsen.

3. Der Finanzsektor in Russland: Die „Festung Russland“ bröckelt

Im Rahmen von Putins Strategie einer „Festung Russland“ hat Russland ein großes Vermögen in Fremdwährungen in Höhe von 630 Milliarden US-Dollar angehäuft. Dieses befindet sich jedoch auf Banken im Ausland und wurde nun größtenteils eingefroren.

Doch auch wenn Russland diese in US-Dollar, Euro und britischem Pfund vorliegenden Finanzreserven zurückbekäme, bräuchte es die Unterstützung des Westens, um damit Handel zu treiben. Ein Umtausch eines dermaßen hohen Betrages in Rubel hätte eine extreme Inflation zur Folge. Derzeit befindet sich der Rubel bedingt durch den Absturz der russischen Börse auf einem Allzeittief. Größte finanzielle Stabilität würden jetzt nur noch Russlands Goldreserven im Wert von 132 Milliarden US-Dollar bieten.

4. Der Energiesektor in Russland: ein gut gefüllter, aber alternder Speicher

Russland besitzt umfangreiche Öl- und Gasreserven. Dieser Sektor ist bisher (Stand: 11. März 2022) bedingt durch die Abhängigkeit der westlichen Welt von russischen Gaslieferungen von Sanktionen verschont geblieben. 2020 konnte Russland Erdgasreserven in Höhe von 37,4 Billionen Kubikmetern nachweisen. Nach eigenen Aussagen soll Russland darüber hinaus noch genug Öl für 60 Jahre haben.

Ob das Land diese Bodenschätze fördern kann, ist eine andere Frage. Auch Ölförderungsanlagen müssen permanent gewartet und erneuert werden. Ohne Zugriff auf westliche Technologie könnte Russland daher in einigen Monaten auf seinen Bodenschätzen sitzenbleiben.

5. Der Gesundheitssektor in Russland: ein kränkelndes System

Das russische Gesundheitssystem gilt als marode und leidet unter den Konsequenzen von jahrzehntelangen Einsparungen im Bereich der medizinischen Versorgung. Immerhin ist die Lieferung von Medizingütern nach Russland noch weitestgehend von den westlichen Sanktionen verschont geblieben. Unternehmen der internationalen Medizintechnikbranche – unter anderem Global Player wie Siemens Healthineers und AdvaMed – zeigen allerdings eine hohe Solidarität mit der Ukraine und distanzieren sich zunehmend von Russland.

Ohne Hightech-Medizin könnte es in Russlands Krankenhäusern bald düster aussehen. Auch angesichts der Tatsache, dass der Ukraine-Konflikt immer mehr Opfer auf russischer Seite fordert.

6. Die Transport- und Verkehrssysteme in Russland: weitgehend ausgebremst

Die Transportinfrastruktur in Russland gilt als unterentwickelt. Das russische Verkehrssystem ist stark auf die Hauptstadt Moskau ausgerichtet und praktisch alle wichtigen Verkehrswege gehen von Moskau aus. Der kommerzielle Transport ist stark auf das in weiten Teilen marode Schienennetz angewiesen. Hier erfolgt der Transport von 90 Prozent des gewerblichen Güterverkehrs.

Laut der russischen Statistikagentur Autostat bestand die russische Lkw-Flotte im Jahr 2018 zwar aus 3,73 Millionen Lastern und 4,1 Millionen leichten Nutzfahrzeugen. Allerdings sind die meisten Straßen nicht für den Schwer- und Langstreckenverkehr ausgelegt. Ohne moderne Technologie aus dem Westen ist davon auszugehen, dass sich die Lage Russlands auf diesem Sektor weiter verschlechtern wird.

Wird Russland das neue Nordkorea?

Nordkorea erweckt zwar auf den ersten Blick zwar den Eindruck einer autarken Republik, ist jedoch seit 2004 Haupthandelspartner von China. Unter anderem wird das nach außen abgeschottete Land regelmäßig von China mit Öl, Nahrungsmitteln und Dünger beliefert. Einen solchen starken Partner könnte Russland nun durchaus gebrauchen – vor allem, um sein Defizit im Technologiebereich auszugleichen.

Da Russland aus dem SWIFT-Verfahren ausgeschlossen worden ist, könnte der Handel zwischen Russland und Nordkorea über Chinas SWIFT-Alternative CIPS stattfinden. Ob die Beziehungen zwischen Russland und China weiterhin weitgehend harmonisch verlaufen wie aktuell (Stand: 11. März 2022), wird die Zukunft zeigen.

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