Was geschah im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet?
Am Mittwoch stürzten gewaltige Schlamm- und Gesteinsmassen den Fluss Bhotekoshi hinunter ins Tal. Die Flutwelle bewegte sich von Tibet aus bis nach Zentralnepal und hinterließ auf ihrem Weg eine Schneise der Verwüstung. Sie riss Brücken mit sich, beschädigte Staudämme und ließ Häuser innerhalb von Sekunden im Schlamm versinken.
Videoaufnahmen aus dem betroffenen Gebiet zeigen, wie sich das Wasser in kurzer Zeit durch enge Täler drückte. Bewohner und Touristen hatten kaum Gelegenheit, sich in Sicherheit zu bringen. Besonders betroffen war der Grenzübergang Gyiron. Hier machten dicke Schlammmassen die Straßen für Rettungsfahrzeuge unpassierbar.
Wie hoch ist die Zahl der Toten und Vermissten?
Die nepalesische Polizei zählt aktuell 162 Todesopfer. Mehr als 40 Verletzte wurden in Krankenhäusern versorgt. Die nepalesische Katastrophenschutzbehörde meldete zusätzlich 823 vermisste ausländische Touristen. Auf chinesischer Seite verdoppelte sich die Zahl der Vermissten binnen eines Tages auf 558 Personen, darunter waren 260 Ausländer.
Das nepalesische Tourismusministerium bestätigte, dass derzeit zu 468 Reisenden, darunter 75 Nepalesen, kein Kontakt besteht. Die meisten der vermissten Ausländer stammen aus Indien, den USA, Malaysia und Großbritannien. Laut diversen Trekkingagenturen galten auch acht deutsche Staatsangehörige zeitweise als nicht erreichbar. Die betroffene Region ist ein beliebtes Wandergebiet und liegt zudem auf einer Pilgerroute zum heiligen Berg Kailash.
Ein Zusammenspiel aus einer Gletscherlawine und einem Erdbeben als Auslöser
Erste Auswertungen von Satellitenbildern liefern einen konkreten Verdacht. Die nepalesische Katastrophenschutzbehörde vermutet, dass eine Gletscherlawine zunächst einen Zufluss des im Hochland von Tibet entspringenden Bhotekoshi blockierte. Dadurch bildete sich ein vorübergehender See, der später über die Ufer trat.
Hierauf ergoss sich eine Welle aus Wasser, Eis und Geröll talabwärts. Der Klimaforscher Rijan Bhakta Kayastha von der Kathmandu University bestätigte diese Einschätzung gegenüber der Zeitung „Kantipur“. Er wies zudem auf ein Erdbeben der Stärke 4,4 hin, das nahezu zeitgleich in der Region aufgetreten war.
Die US-Erdbebenwarte USGS registrierte außerdem Erschütterungen der Stärke 5,2, die zunächst ebenfalls als Erdbeben eingestuft wurden. Genauere Analysen deuteten jedoch darauf hin, dass sie durch einen Gletscherabbruch verursacht wurden.
Aktuelle Artikel
Der Klimawandel als Ursache
Der Himalaja zählt zu den Regionen mit besonders schnell schmelzenden Gletschern. Dadurch entstehen neue Gletscherseen, die durch Moränen aus lockerem Gestein und Eis begrenzt werden. Diese natürlichen Dämme können instabil werden und plötzlich brechen.
Bereits im Juli 2025 hatte sich am selben Fluss ein ähnliches Unglück ereignet. Damals ergoss sich plötzlich ein Gletschersee am Oberlauf des Lhende-Flusses in den Bhotekoshi. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben. Das nepalesische Departement für Hydrologie und Meteorologie stufte diesen Gletscherseeausbruch als Auslöser ein. Wiederkehrende Ereignisse dieser Art sprechen dafür, dass sich die Region auf ähnliche Naturereignisse dauerhaft einstellen muss.
USA und UN wollen schnelle Hilfe leisten
Mehrere Staaten und Organisationen sagten Nepal in den Tagen nach dem Unglück Unterstützung zu. Die USA stellten Nothilfe im Wert von 500.000 US-Dollar für Notunterkünfte, Trinkwasser und weitere Hilfsgüter bereit. UN-Generalsekretär António Guterres kündigte an, Nepal mit Helfern und Hilfsgütern aus den Vereinten Nationen zu unterstützen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach europäische Unterstützung. Sie gab an, der Erdbeobachtungsdienst Copernicus sei aktiviert worden, um die Schäden zu kartieren.
Wie geht es weiter?
Die Rettungskräfte aus Nepal und China suchen weiterhin unter den Trümmern und Schlammmassen nach Verschütteten und Vermissten. Die Bergungsarbeiten gestalten sich jedoch äußerst schwierig: Zahlreiche Straßen und Brücken wurden zerstört und einige der besonders schwer betroffenen Orte sind kaum erreichbar. Auch hohe Wasserstände und instabile Geröllmassen erschweren den Einsatz von Hubschraubern und anderen Rettungskräften.
Definitionen und Begriffserklärungen
Sturzflut
Eine Sturzflut entsteht, wenn innerhalb weniger Minuten oder Stunden große Wassermengen ein Tal durchlaufen. Im Gegensatz zu normalem Hochwasser bleibt dabei kaum Zeit für eine Vorwarnung. Im Himalaja verstärken steile Hänge und enge Täler die zerstörerische Kraft dieser Fluten zusätzlich.
Gletscherseeausbruch
Beim Abschmelzen von Gletschern entstehen häufig Seen, die von lockerem Moränenmaterial oder Eis begrenzt sind. Bricht diese natürliche Barriere plötzlich, entleert sich der See schlagartig ins Tal. Dieses Phänomen wird international als GLOF (Glacial Lake Outburst Flood) bezeichnet.
Moräne
Eine Moräne ist eine Ablagerung aus Gestein, Geröll und Erdmaterial, die ein Gletscher beim Vorrücken oder Schmelzen zurücklässt. Oft wirkt sie wie ein natürlicher Damm vor einem Gletschersee. Da Moränen häufig instabil sind, gelten sie bei plötzlichen Wassermassen als Schwachstelle.
Häufig gestellte Fragen zur Sturzflut in Nepal
Was löste die Sturzflut in Nepal aus?
Aktuellen Analysen zufolge blockierte eine Gletscherlawine den Zufluss des Bhotekoshi, wodurch sich ein Stausee bildete, der schließlich über die Ufer trat.
Wo ereignete sich die Sturzflut?
Die Flut traf das Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet entlang des Bhotekoshi-Flusses in der Region Rasuwa.
Wie viele Menschen starben bei der Flutkatastrophe?
Die nepalesische Polizei bestätigte 162 Todesopfer. Mehr als 40 Verletzte wurden in Krankenhäusern behandelt.
Gab es bereits ähnliche Ereignisse in derselben Region?
Ein vergleichbares Unglück ereignete sich im Juli 2025 am Lhende-Fluss, das ebenfalls auf einen Gletscherseeausbruch zurückgeführt wurde.
Welche Länder sagten Nepal Hilfe zu?
Die USA, Deutschland und mehrere EU-Staaten sowie die Vereinten Nationen kündigten Unterstützung in Form von Geld, Hilfsgütern und Fachpersonal an.
Welche Rolle spielt der Klimawandel bei solchen Fluten?
Durch schmelzende Gletscher entstehen im Himalaja immer neue, instabile Seen, die das Risiko für plötzliche Sturzfluten erhöhen.