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Wie das Handwerk um Nachwuchs kämpft

Was fehlt in unserem Land?

Was fehlt in unserem Land? Der Personalmangel in der Handwerksbrache

Auch dieses Jahr prangen uns wieder riesige Plakate und Banner auf Social Media entgegen, die lautstark eine provokante Frage stellen: „Handwerk liegt in der Natur des Menschen. Was hindert so viele daran, es zum Beruf zu machen?“. Auch wir haben uns mit dieser Frage beschäftigt und wagen einen Blick in die Zukunft des Handwerks.

Von Theresa Farrack

Was fehlt in unserem Land? Der Personalmangel in der Handwerksbrache
yurakrasil | Envato

Der hohe Personalmangel in der Handwerksbranche könnte sogar zu einem Wirtschaftseinbruch führen.

Fachkräftemangel präsenter denn je

Dem deutschen Handwerk geht der Nachwuchs aus, denn jährlich bleiben rund 20.000 handwerkliche Ausbildungsplätze unbesetzt. Tendenz steigend (Quelle: KOFA Kompakt, (05/2022).

Die Auswirkungen sind seit Jahren deutlich spürbar. Denn heute fehlen laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) bereits rund 250.000 Fachkräfte.

Erschreckende Zahlen, die auch in der Gesellschaft ihre Spuren hinterlassen. Viele Betriebe müssen sich verkleinern oder machen dicht und Kund:innen müssen lange Wartezeiten auf Handwerker:innen in Kauf nehmen.

Expert:innen warnen vor einem Wirtschaftseinbruch, wenn der Personalmangel nicht schleunigst behoben wird. Auch bei gesellschaftlichen Herausforderungen, wie Klimaschutz, Mobilitätswende oder dem Ausbau der Infrastruktur wird auf das Know-how von fähigen Handwerker:innen gezählt. Ohne das Handwerk seien zahlreiche politische Ziele der Bundesregierung schlichtweg nicht umsetzbar.

Was dies impliziert: im Handwerk gibt es gute Zukunftschancen für junge Berufseinsteiger:innen. Dennoch finden diese immer seltener ihren Weg in diese Branche.

Kampagnen gegen das Imageproblem im Handwerk

Seit Jahren versucht das Handwerk mit millionenschweren Kampagnen gegen den Nachwuchsmangel anzukämpfen und ruft zum Umdenken auf.

Während in den vergangenen Jahren meist Handwerker:innen die Botschaft verbreiteten, dass es in ihrer Berufswelt nicht an Perspektiven mangelt, sind es in der aktuellen Kampagne „Hier stimmt was nicht“ Kinder und Jugendliche.

Während in den vergangenen Jahren meist Handwerker:innen die Botschaft verbreiteten, dass es in ihrer Berufswelt nicht an Perspektiven mangelt, sind es in der aktuellen Kampagne „Hier stimmt was nicht“ Kinder und Jugendliche.

Doch was stimmt eigentlich nicht und wo liegt das Imageproblem im Handwerk?

Die bundesweite Kampagne macht deutlich, dass es weniger im frühen Aufstehen, den schmutzigen Händen oder der schweren körperlichen Arbeit liegt. Viel eher mangelt es der Gesellschaft an Wertschätzung für das Handwerk.

Der Fokus der Bildungspolitik wurde viel zu lange auf eine Akademiker-Ausbildung gelegt und Entwicklungschancen für junge Menschen im Handwerk kamen in der Kommunikation zu kurz.

Will heute der Sohn eines Arztes Tischler werden oder strebt die Abiturientin eine Ausbildung als Bäckerin an, wird dies oft nur belächelt und sogar als Abstieg bewertet.

Es wird erwartet, dass Jugendliche studieren – von der Familie, der Gesellschaft und so auch von den Jugendlichen selbst. Und das, obwohl sich das Handwerk in den letzten Jahren stark bemühte, seinen Ruf aufzupolieren.

Was fehlt in unserem Land? Die Kampagne von handwerk.de
handwerk.de

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Was fehlt in unserem Land? Die Kampagne von handwerk.de
handwerk.de

Die aktuelle Kampagne „hier stimmt was nicht“ verbreitet die klare Botschaft, dass oft die Vorurteile der Eltern das Problem sind.

Generation Z strebt nach Selbstverwirklichung

Doch nicht nur das Image ist schuld an den sinkenden Ausbildungszahlen. Auch der demografische Wandel bewirkt, dass es weniger Jugendliche gibt als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig steigt die Studienquote.

So ist es außerdem nicht außer Acht zu lassen, dass die Generation Z anders tickt als ihre Vorgänger. Handwerkliche Tätigkeiten im Haushalt übernehmen sie nur noch selten und sich heute für einen der unzähligen Berufe zu entscheiden, fällt schwer.

Auch Wenzel (23) hat sich mit seinem Studium „Global Communication in Business and Culture“ erst einmal die Option für seine spätere Karriere offengehalten. „Ein handwerklicher Job bringt vielleicht mehr Sicherheit und man lernt etwas für das Leben. Mit einem Studienabschluss hat man jedoch mehr Entfaltungsmöglichkeiten in der späteren Berufswahl.“

Für die Generation Z nimmt Selbstverwirklichung einen höheren Stellenwert als Sicherheit ein und gängige Handwerks-Klischees von langen Arbeitszeiten, einem strengen Chef und harter Arbeit passen nicht ins Bild.

Dass Handwerk Innovation, Kreativität und Gestaltungsfreiraum jedoch nicht ausbremst, sondern fördert, haben viele Jugendliche nicht auf dem Schirm.

Dennoch wächst bei manchen in einer digitalen Welt die Sehnsucht nach Fühl-, Fass- und Riechbarem.

Emilio (17), der sich für eine Ausbildung als Tischler entschieden hat, schätzt, dass seine Arbeit nicht mit dem Zuklappen des Laptops verschwindet oder von Algorithmen abhängig ist.

„Bei meinem Job habe ich selbst in der Hand, wie mein Werk aussieht. Das Erfolgserlebnis nach getaner Arbeit macht mich stolz, denn ich sehe, was ich mit meinen Händen geschaffen habe. Außerdem ist meine Tätigkeit abwechslungsreich und nach Feierabend kann ich einfach abschalten.“

Gute Gründe, die für das Handwerk sprechen

Neben einer abwechslungsreichen Arbeit mit eigener Schaffenskraft gibt es noch weitere Gründe, die für eine Ausbildung im Handwerk sprechen:

  • Das Handwerk bietet sichere Arbeitsplätze und die Arbeitslosenquote ist um 0,8 Prozent geringer als bei Akademiker:innen.
  • Das durchschnittliche Brutto-Einkommen von Handwerker:innen liegt bei 34.000 bis 43.000 Euro im Jahr.
  • Handwerk ebnet den Weg zur Selbstständigkeit, denn rund 125.000 Betriebe warten in den nächsten fünf Jahren auf eine:n Nachfolger:in.

Was stimmt hier nicht?

Das Handwerk steht ganz klar vor einer Herausforderung. Doch kann man das Image einer ganzen Branche wirklich durch Plakate und Werbespots wandeln? Und sind TV und Litfaßsäulen wirklich die Orte, an denen man Jugendliche von heute erreicht?

Diese Fragen bleiben bislang offen und klären sich wohl erst mit den neuen Zahlen für das kommende Ausbildungsjahr.

Doch dass das Anwerben von Nachwuchskräften auch anders geht, zeigen Plattformen, wie Instagram, YouTube und TikTok. Hier sieht man immer öfter Influencer, die Lust auf ihren Beruf als Handwerker:in machen.

So berichtet @die.tischlerin Isabelle Vivianne nicht nur von ihrem spannenden Alltag in ihrer Ausbildung, sondern rief im letzten Jahr auch das youthcrafts.festival ins Leben, auf dem kreative Gesellenstücke ausgestellt und gefeiert wurden.

Unter dem Hashtag #handwerkistgeil richtet MyHammer einen Azubi-Award aus und unterstützt Betriebe so bei der Suche nach Auszubildenden.

So müssen auch traditionelle Handwerksunternehmen umdenken und versuchen, ihren Betrieb als Marke aufzubauen. Neben einer ansprechenden Website darf es auch an unterhaltsamem Social-Media-Content nicht fehlen.

Ob Stories aus dem Alltag der Azubis, persönliche Talks von Mitarbeiter:innen oder eben ein Ranking der kreativsten Arbeiten – an Content-Material mangelt es dieser Branche definitiv nicht.

Dabei sollten Unternehmen auf den Faktor der Nachhaltigkeit aufspringen, welcher im Handwerk zwar präsent ist, doch im öffentlichen Diskurs bisher kaum zur Sprache kommt. Die Generation Z hat längst begriffen, wie relevant Nachhaltigkeit in Bezug auf gesellschaftliche Herausforderungen, wie Klima, Mobilität oder Energie ist.

Dass diese Probleme jedoch nicht ohne erfahrene Handwerker:innen bewältigt werden können, scheint noch nicht in deren Köpfen angekommen zu sein. So geht es beim Fachkräftemangel um viel mehr als nur verlängerte Wartezeiten für Kund:innen. Es geht um die Zukunft unseres Landes und um Menschen, die diese in die Hand nehmen.

So müssen Akademiker:innen und Handwerker:innen in Zukunft Hand in Hand arbeiten. Beide Wege sind gleichwertig, denn Ideen müssen sowohl kreiert als auch praktisch umgesetzt werden.

Gleichzeitig kann auch die Regierung einiges leisten, um das Nachwuchsproblem im Handwerk zu minimieren – beispielsweise durch Kinderbetreuung, ein kostenfreies Azubi-Ticket oder günstige Wohnheime.

Gleichermaßen ist es wohl nötig, nicht nur über den Mangel an Azubis zu sprechen und damit negative Assoziationen auszulösen, die das Imageproblem nur verstärken. Viel eher lohnt es sich, über Chancen, Perspektiven und Veränderungen zu reden, die das Handwerk mit sich bringen kann.

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