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Misophonie oder Evolution: Warum reagieren wir auf manche Geräusche?

Foto: Envato / jirkaejc

Misophonie oder Evolution: Warum reagieren wir auf manche Geräusche?

Unangenehme Geräusche können körperliche Reaktionen verursachen. In einigen Fällen ist das ein Überbleibsel der Evolution. In anderen Fällen eine Störung.

Mit dem Fingernagel an der Tafel kratzen, Styropor aneinander reiben oder mit dem Messer auf dem Teller ausrutschen: Diese und andere Geräusche lösen bei vielen Menschen Unbehagen aus. Dann fährt ein Schauer über dem Rücken, Gänsehaut stellt sich auf und manchmal zieht es sogar an den Zähnen, wenn wir den Geräuschen ausgesetzt sind.

  • Viele Menschen reagieren auf Geräusche in einem hohen Frequenzbereich.
  • Gänsehaut und verspannte Nackenmuskulatur als Antwort auf die Geräusche könnte evolutionär bedingt sein
  • heftige Reaktionen auf Kaugeräusche hingegen deuten auf Misophonie hin.
  • Die teils starke Intoleranz gegenüber Essgeräuschen könnte neben akustischer auch motorische Ursachen haben.

Gänsehaut bei bestimmten Geräuschen

Ein Team um den Neurologen Sukhbinder Kumar forschte 2011 an der Newcastle University zu diesen quälenden Klängen. Das Ergebnis der Untersuchung: Diese Geräusche aktivieren im Gehirn die Amygdala. Dieser Teil des limbischen Systems im Gehirn verarbeitet Emotionen. Verknüpfen wir mit bestimmten Klängen ein Gefühl, reproduzieren wir es demnach vermutlich. Außerdem fanden die Forschenden heraus, dass die akustischen Eigenschaften ebenso relevant für die Reaktion sind.

Die Probanden reagierten am deutlichsten auf Geräusche, deren Frequenz zwischen 2000 und 5000 Hertz liegen. Dieser Bereich ist hoch und für das menschliche Gehör leicht wahrnehmbar. Eine Annahme besagt, dass diese deutlichen Reaktionen evolutionär bedingt sind. Eine vergleichbare Frequenz haben Alarmsignale wie schreiende Babys oder ein angsterfülltes Kreischen.

Das Gehirn verbindet Töne in dieser Art mit Notsituationen und aktiviert eine Reihe körperlicher Reaktionen: Wir spüren Gänsehaut und eine angespannte Rückenmuskulatur. Dieser Reflex ist vergleichbar mit Tieren in Gefahrensituationen. Sie buckeln und stellen ihr Fell auf, damit sie für Fressfeinde oder Angreifer bedrohlicher wirken.

Misophonie: Wenn Geräusche von Kauen und Schlucken belasten

Der Fachbegriff Misophonie wird häufig wörtlich mit „Hass auf Geräusche“ übersetzt. Anders als die eher typische Reaktion auf ausgewählte Klänge, wird Misophonie als eine Störung gesehen. Sie bezieht sich häufig auf Geräusche, die von Menschen selbst ausgehen wie Schmatzen, lautes Kauen oder Schlucken. Diese Laute entstehen durch orofaziale – also im Bereich Gesicht und Mund – Bewegungen. Sie erklingen außerdem meist zufällig beim Essen oder Trinken.

Sukhbinder Kumar hat mit einem Team 2021 auch dazu geforscht. Das Fachmagazin „Journal of Neuroscience“ veröffentlichte den Forschungsartikel. Darin heißt es: „Bei Misophonie handelt es sich um eine Störung der Emotionsverarbeitung, bei der alltägliche Geräusche in normaler Lautstärke so starkes Unbehagen hervorrufen, dass sie das berufliche, soziale und häusliche Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen.“ Betroffene würden von den Geräuschen derart gereizt, dass sie Wut, Irritation, Ekel und Angst empfinden. Die Konfrontation mit diesen Klängen führt außerdem dazu, dass diese Menschen die Situation teils fluchtartig verlassen. Da die Geräusche meist unkontrolliert von Mitmenschen ausgehen, ist das zusammenleben mit anderen im Extremfall nicht möglich. 

Intoleranz gegenüber Geräuschen liegt nicht nur im Ohr

Die Ergebnisse dieser Untersuchung lassen allerdings vermuten, dass bei Misophonie nicht nur das Gehör für die Intoleranz verantwortlich ist. Ersten Erkenntnissen zufolge könnte es an einer ausgeprägten Verbindung zur Insula liegen. Dieser Hirnbereich beeinflusst Motorik und Sensorik der Organe. Bei der Verarbeitung von Schmerzen wird diesem Bereich außerdem die Verbindung von kognitiven Elementen und Emotionen zugeschrieben.

Bei der Studie haben die Forschenden beobachtet, dass Betroffene nicht nur auf akustische Reize reagierten. Auch tonlose Darstellungen von Kaubewegungen löste Unbehagen aus. Einige Probanden ahmten die Bewegungen zudem nach, wenn sie damit konfrontiert wurden. Das legt nahe, dass die Trigger-Geräusche den Hirnbereich (motorischer Kortex) aktivieren, der die Geräusche verursachende Bewegung mitbestimmt.

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