Welt der Wunder

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Foto: imago/EST-OST

Tödlicher Befehl: Der Luftangriff der Bundeswehr

 

Die Entführung

Am 3. September 2009 entführten Kämpfer der Taliban zwei Tanklaster, die insgesamt 23 Tonnen Treibstoff an Bord hatten. Nicht weit vom Ort des Geschehens entfernt: das deutsche Feldlage
r in Kunduz. Laut damaligem Verteidigungsminister Franz Josef Jung gab es konkrete Hinweise auf einen geplanten Anschlag der Taliban gegen die deutsche Bundeswehr. Als ein Soldat Oberst Klein am frühen Abend über die Entführung informierte, beauftragte dieser einen B-1-Bomber (ein Langstrecken-Flugzeug der US Air Force) damit, den Tanklastwagen zu suchen und einen Lagebericht zu liefern.

Um nicht von der Polizei oder der Regierungsarmee entdeckt zu werden, entschieden sich die Taliban dazu, Nebenstraßen zu benutzen. Diese waren allerdings völlig ungeeignet für die schweren Tanklaster – sie blieben in einer Sandbank stecken. Kurz nach Mitternacht entdeckte der Bomber die zwei Fahrzeuge und übertrug die Kamerabilder zu Oberst Klein in die Einsatzzentrale. Dutzende Menschen rotteten sich um die Laster. Ein Informant bestätigte, vier Taliban-Führer seien identifiziert und die meisten der anwesenden Personen bewaffnet. Pick-ups fuhren heran, die Benzin abzapften. Etwa, um es schnell für einen Anschlag zum deutschen Feldlager zu schaffen?

 

Ein folgenschwerer Befehl

Als der Pilot ankündigte, er müsse den Bomber zur Luftbetankung abziehen, geriet Klein unter Druck. Um den Sichtkontakt zu halten und eine Überlegenheit zu garantieren, musste er wieder Unterstützung aus der Luft anfordern: zwei Kampfbomber. Doch diese rücken nur in äußerst brenzligen Situationen an – und so griff Klein zu einer Lüge: Er meldete einen TIC (Troops in Contact), eine Gefechtssituation, in der sich zwei feindliche Truppen gegenüber stehen. Mit Erfolg. Die Kampfbomber flogen an und die Piloten warteten auf Befehle. Es gab zwei Möglichkeiten: einen Tiefflug (Show of Force), um die Menschen einzuschüchtern und zu vertreiben oder einen direkten Angriff. Klein musste reagieren.

Und das tat er: Um 1:49 Uhr nachts gab der Oberst den Befehl, die beiden Bomben abzuwerfen. Was Klein zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die meisten der über 100 Personen waren Zivilisten aus umliegenden Dörfern, die sich Benzin aus den Tanks abzapften. Eine Minute nach Freigabe durch Klein schlugen die Bomben zwischen den Tanklastern ein. Die Angaben zu den Opferzahlen sind bis heute strittig. Nach Nato-Einschätzungen wurden 142 Menschen bei dem Luftangriff verletzt oder getötet.

Das Einmaleins der Kriegsgebiete

Wie konnte es zu einer so drastischen Fehlentscheidung kommen? Regelmäßig wurde die Bundeswehr von der islamistischen Miliz angegriffen. Laut General a. D. Egon Ramms haben sich die Zwischenfälle im Jahr 2009 etwa verdoppelt. Bereits zwei Wochen vor dem 3. September kam es zu einem ähnlichen Entführungsfall eines Tanklastwagens, bei dem die Taliban die rollende Bombe erfolgreich zünden konnten. Zudem wurde ebenfalls kurz zuvor ein Wäschereifahrzeug mit deutschen Uniformen entführt. Die Rechnung war simpel: Zusammen mit den 23 Tonnen Treibstoff der Tanklaster – quasi zwei Bomben auf Rädern – besaßen die Taliban die perfekte Ausrüstung für einen hinterhältigen Angriff auf das nahe Bundeswehr-Feldlager in Kunduz. Die deutschen Soldaten und ihr Kommandeur Oberst Klein befanden sich deshalb in höchster Alarmbereitschaft.

 

Wiederaufbau wich Zerstörung

Eigentlich war der Einsatz der circa 1.000 deutschen Soldaten in der Region Kunduz (Nord-Afghanistan) als humanitärer Stabilitätseinsatz geplant, da sich seit Anfang 2009 dort vermehrt Kämpfer der Taliban ausbreiteten. Das sogenannte Provincial Reconstruction Team (PRT), unter Führung ihres Kommandeurs Oberst Georg Klein, sollte den Wiederaufbau Afghanistans unterstützen – beispielsweise Hilfsprojekte koordinieren, Brunnen bohren sowie Polizei und Behörden ausbilden. Es war also weder eine Aufstands-, geschweige denn eine Terrorismusbekämpfung der Taliban geplant. Doch am Hindukusch interessierten sich die Aufständischen nicht dafür, ob die Bundeswehr nun zum Kampf- oder Stabilitätseinsatz angerückt war: Sie griffen die deutschen Soldaten so gezielt und gehäuft an wie noch nie.

 

„Nach bestem Wissen und Gewissen“

Viele seiner Kameraden und Untergebenen lernten Oberst Klein als besonnenen, zugänglichen Offizier kennen, als „Mensch durch und durch“, wie es ein ihm ehemals untergebener Hauptfeldwebel formulierte. Bevor er eine Entscheidung traf, wog er alle Konsequenzen ab, arbeitete akribisch an Alternativen, falls nötig. Dass so ein Mann eine derart katastrophale Entscheidung traf, ohne jemand anderen um Rat zu fragen, schien nahezu absurd. Er hätte den militärischen Rechtsbeistand oder seinen Vorgesetzten, Brigardegeneral Vollmer, konsultieren können. „Wozu?“, entgegnete Klein damals. Keiner hätte ein vollständigeres Lagebild gehabt als er selbst.

Klein war zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass er die Verantwortung für das Leben von 1.000 deutschen Soldaten trug. Um ihr Leben zu schützen, war er bereit ein hohes Risiko einzugehen – mit entsprechenden Konsequenzen. Franz Josef Jung nahm ihn in Schutz: „Oberst Klein hat gehandelt, um unsere Soldaten zu schützen“. Jungs Nachfolger zu Guttenberg zeigt für die Entscheidung zwar ebenfalls Verständnis, als er sagte, Klein habe „nach bestem Wissen und Gewissen sowie zum Schutz seiner Soldaten gehandelt“ – doch sei das Vorgehen militärisch nicht angemessen gewesen.

 

Deutscher Kriegseinsatz in Afghanistan

Neun Monate nach dem Luftschlag urteilte die Bundesanwaltschaft: Die Bombardierung der Tanklaster war verhältnismäßig – Oberst Klein gilt als entlastet von dem Vorwurf des Mordes an Zivilisten. Dabei stützte sich die Bundesanwaltschaft vor allem auf das Argument, Klein habe zu keinem Zeitpunkt mit der Anwesenheit von Zivilisten gerechnet. Bislang hat die deutsche Bundeswehr eine halbe Million Dollar an alle Hinterbliebenen der Opfer gezahlt (Stand: Dez 2013).

Die Bombardierung hatte zur Folge, dass die Legende um den Stabilitätseinsatz der Bundeswehr, bei dem eigentlich Brunnen gebohrt und Schulen gebaut werden sollten, wie ein Kartenhaus in sich zusammen fiel. Zum ersten Mal sprach die Bundesregierung von einem deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan. 2016 sollen die deutschen Soldaten endlich abgezogen werden. Wird an dem Plan tatsächlich festgehalten, könnte damit endlich das dunkle Kapitel im Nahen Osten beendet sein.

 
Apfghanistan
Foto: imago/Becker-Bredel

Apfghanistan

2002 beginnt unter Bundeskanzler Gerhard Schröder der Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Die deutschen Soldaten sollen im Rahmen des ISAF-Einsatzes zur Stabilisierung am Hindukusch beitragen. Die ISAF (International Security Assistance Force) wird von der NATO geführt und soll sich seit 2001 um die Sicherheit und den Wiederaufbau im kriegsgeschüttelten Afghanistan kümmern.

Hilfsprojekte
Foto: imago/Joachim Sielski

Hilfsprojekte

Der humanitäre Stabilisierungseinsatz der Bundeswehr sieht unter anderem vor, Hilfsprojekte zu koordinieren, Brunnen zu bohren sowie Polizei und Behörden auszubilden (siehe Bild). Es ist weder eine Aufstands-, geschweige denn eine Terrorismusbekämpfung der Taliban geplant.

rollende Bombe
Foto: imago/EST-OST

rollende Bombe

Regelmäßig wird die Bundeswehr von der islamistischen Miliz angegriffen. Laut General a. D. Egon Ramms haben sich die Zwischenfälle im Jahr 2009 im Vergleich zu den Vorjahren in etwa verdoppelt. Bereits zwei Wochen vor dem 3. September wurde ein Tanklastwagen entführt, den die Taliban erfolgreich als rollende Bombe zünden konnten.

Troops in Contact
Foto: imago/UPI Photo

Troops in Contact

Um Unterstützung aus der Luft durch zwei amerikanische Kampfbomber zu bekommen, hatte Oberst Klein zu einer Unwahrheit gegriffen: Er meldete einen TIC (Troops in Contact), also eine Gefechtssituation, in der sich zwei feindliche Truppen gegenüber stehen. Kurze Zeit später waren die Bomber vor Ort und erwarteten Kleins Befehle …

Krieg
Foto: imago/Sven Simon

Krieg

Wo der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung noch vehement bestritt, Deutschland beteilige sich am Krieg in Afghanistan, fand sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg deutlichere Worte: Man könne „von Krieg reden“. Zumindest „umgangssprachlich“ – auf diese Relativierung konnte auch zu Guttenberg nicht verzichten.

tote Soldaten
Foto: imago/Bild13

tote Soldaten

Seitdem die Bundeswehr im Jahr 2002 im Rahmen des Stabilisierungseinsatzes deutsche Soldaten nach Afghanistan schickt, haben bislang 54 davon ihr Leben verloren. Die meisten unter ihnen waren zwischen 20 und 30 Jahre alt.

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