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Spielemacher: So arbeiten die Erfinder von Brettspielen

Spielemacher: So arbeiten die Erfinder von Brettspielen

Sie haben ein Brett vorm Kopf und sehen dennoch ganz klar das Ziel vor Augen: Brettspiel-Autoren haben einen ganz besonderen Job, der nicht nur viel Fantasie, sondern auch jede Menge Durchhaltevermögen verlangt. Ein Blick auf die Entstehung der Bretter, die für Spielefans die Welt bedeuten.
  • Kreatives Chaos

    Privatarchiv

    So sieht der Schreibtisch eines Spielerfinders aus. Die Ideen für neue Spiele entstehen allerdings selten hier. „Ideen halten sich nicht an feste Arbeitszeiten“, berichtet Spielautor Guido Hoffman. „Nicht nur der Tag sondern auch schlaflose Nächte gehören zum Alltag eines Spieleerfinders.“ Ebenso wenig setzt sich sein Kollege Klaus Teuber zum Brainstorming an den Schreibtisch. „Ideen sind launische Gesellen. Sie lassen sich nicht erzwingen“, sagt er. „Sie kommen meist, wenn ich gar nicht mit ihnen rechne – beim Wandern, Fahrradfahren oder unter der Dusche. Erst danach beginnt die Arbeit am Schreibtisch.“

  • Haben Spiele ein Drehbuch?

    Privatarchiv

    Was die Grundidee eines Spiels ist, hängt von den Vorlieben des Autors ab. Ein analytischer Mensch wird zunächst die Spielmechanik aushecken, die später zu Spielregeln konkretisiert wird. Ein visueller Mensch dagegen hat meist zuerst die „Kulisse“ und die Figuren vor Augen. Während der eine sich zuerst den Ablauf des Spielgeschehens überlegt, grübelt der andere darüber, ob die Handlung eher im mittelalterlichen Venedig oder auf einem fernen Planeten in der Zukunft spielen sollte. Guido Hoffman beispielsweise erstellt Illustrationsentwürfe (Foto), um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen – sie erinnern eher an das Storyboard zu einem Filmdrehbuch.

  • Crashtestdummies auf dem Spielfeld

    Privatarchiv

    Egal, ob der Spielerfinder sich eher als kreativer Künstler oder als kühler Mathematiker empfindet: Früher oder später muss er das Thema und die Logik der Spielmechanik in Einklang bringen. Denn eine spannende Rahmenhandlung oder eine besonders liebevoll gestaltete Spielfigur allein helfen nichts, wenn der Spielablauf und die Gewinnchancen nicht penibel durchdacht sind. Um das zu testen, wird ein Prototyp erstellt. Dieser muss optisch nicht viel hermachen, aber soweit spielbar sein, dass man testen kann, ob die Spielidee in der Praxis funktioniert und auch Spaß macht.

  • Spiele brauchen Regeln, Kreativität nicht

    Privatarchiv

    Die einzige Spielregel, an die sich Reiner Knizia beim Spielerfinden hält: Es gibt keine Regeln. „Spiele zu entwickeln ist für mich keine Wissenschaft. Ich habe keine feste Methode. Der erste Ansatz kann eine neue Themenwelt ebenso sein wie neue Materialien.“ Mit einer pfiffigen Spielidee ist es allerdings nicht getan: Selbst bei Profi-Autoren braucht ein komplexes Spiel mindestens ein Jahr, um von einer vagen Idee zur Marktreife zu wachsen. Autor Martin Schlegel verrät: „Jedes meiner Spiele kommt immer wieder mal in die Ecke, weil es wie Wein eine Zeit ruhen muss.“

  • Erfolgswahrscheinlichkeit? Ein Prozent!

    Kosmos Verlag

    Die erste Hürde, die ein Spielkonzept nehmen muss, um groß rauszukommen: Ein Verlag muss es spannend finden. Was für den Romanautor das Manuskript ist, stellt für den Spielautor der Prototyp dar. Hier testen Redakteure des Kosmos Verlags eine Spielidee mit Hilfe eines Prototyps auf Herz und Nieren. Beim Spielverlag Hans-im-Glück treffen pro Jahr rund 400 Spielvorschläge ein. Veröffentlicht werden davon maximal vier. Die Erfolgsaussicht von einem Prozent schreckt viele Nachwuchstalente ab. Spätestens nach der nächsten Absage werfen die meisten das Handtuch.

  • Computerspiele versus Brettspiele

    Privatarchiv

    „In den 1970er Jahren wurden Spiele von Amerika nach Deutschland importiert, heute ist es umgekehrt“, sagt Rainer Schiefer vom modernen Spiele-Antiquariat alte-spiele.de. Er zählt zu den Ausstellern der Internationalen Spieltage SPIEL in Essen. Auf dieser weltgrößten Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele werden durchschnittlich mehr als 700 neue Spiele pro Jahr vorgestellt. Wer denkt, Computerspiele sorgen dafür, dass klassische Brettspiele in der Schublade bleiben, irrt sich gewaltig. Trotz der digitalen Konkurrenz haben sich die Umsätze bei klassischen Spielen von 1980 bis heute mehr als verdoppelt.

  • Mit Geld spielt man nicht

    Privatarchiv

    Wolfgang Kramer zählt zu den erfolgreichsten deutschen Spieleautoren. Der gelernte Betriebswirt und Informatiker hat hunderte von Spielen entworfen und zahlreiche Kritikerpreise gewonnen. Mehrmals wurden seine Werke mit dem Titel „Spiel des Jahres“ geehrt – der Ritterschlag der Branche. Doch selbst ein etablierter Autor wie Wolfgang Kramer wird nicht selten abgeschmettert. „Vor allem, wenn die Materialien, die ich verwenden will, zu teuer sind.“ Dass es bei einem Spieleverlag nur ums Vergnügen geht, ist eine allzu romantische Vorstellung: Die Unternehmen kalkulieren nicht nur die Erfolgschancen, sondern auch die Materialkosten. „Wenn ich nicht bereit bin, eine günstigere Lösung zu finden, war die gesamte Entwicklung umsonst – wie ein Roman, den man geschrieben hat und der nie verlegt wird.“

  • Weltmeister im Spielen

    Deutsches Spielemuseum

    Nicht nur deutsche Autos, sondern auch deutsche Spiele sind Exportschlager. Der Begriff „German Games“ ist weltweit als eine Art inoffizielles Gütesiegel bekannt. Reiner Knizia meint: „Spiele sind hierzulande ein Teil der Kultur und fest in unserer Gesellschaft verankert, sei es bei der Familie am Wohnzimmertisch oder beim Skat im Wirtshaus. All das trägt dazu bei, dass wir von Generation zu Generation den Wert des Spiels weiter tragen.“ Cynthia Schönfeld vom Deutschen Spielemuseum in Chemnitz schwärmt: „In keinem anderen Land der Welt findet sich eine derartige Kreativität im Bereich Brettspiel. Historisch betrachtet nahm die deutsche Spieleproduktion bereits im Biedermeier – also Anfang des 19. Jahrhunderts – eine führende Rolle auf dem Weltmarkt ein.“ Das Museum beherbergt rund 50.000 Spiele aus aller Welt. Das abgebildete Spielbrett stammt aus dem Jahr 1910.

  • Brot und Spiele

    Haba

    Spiele zu erfinden ist kein Ausbildungsberuf. Gefragt ist für dieses ganz besondere Kunsthandwerk also eine Mischung aus Naturtalent und dem Lernen aus Erfahrungen. Wichtig hierbei ist nicht nur das Feedback der Verlage, sondern auch der Testspieler. Der Autor und Illustrator Guido Hoffmann (Foto rechts) steigt dabei in große Fußstapfen: Sein Vater Rudi war der erste Spieleautor, der hauptberuflich Spiele erfand. Damit gehört er bis heute zur glücklichen Minderheit: In Deutschland gibt es lediglich ungefähr 20 Autoren, die allein von dieser Tätigkeit leben können.

  • Spielgeld

    Privatarchiv

    Wer seinen eigentlichen Job an den Nagel hängt, um seinen Spieltrieb zum Beruf zu machen, setzt angesichts der geringen Erfolgschancen viel aufs Spiel. Besonders viel zu verlieren hatte Reiner Knizia. Er entschied sich dennoch „für das Herz“ und gab seinen gutbezahlten Posten als Vorstand einer internationalen Großbank in England auf, um sich ganz auf seine eigentliche Leidenschaft konzentrieren zu können. Die Rechnung des Doktors der Mathematik ging auf: Seine über 400 veröffentlichten Spiele wurden mit Preisen überhäuft und bisher mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Während andere Autoren sich auf Messen und bei Verlagen aufdrängen müssen, bietet Reiner Knizia auf seiner Internetseite Verlagen an, sich bei Interesse zu melden. Während seine Kollegen sich oft wie anonyme Ghostwriter fühlen, ist Knizia als Ausnahmeerscheinung so etwas wie der „Popstar“ der Branche und steht mit seiner globalen Fangemeinde per Social Media in Kontakt.

  • Spielautor ärgere dich nicht

    Imago/Steinach

    Hoffnungsvolle Spieleautoren, deren Ideen von Verlagen abgelehnt werden, sollten sich an eine altbekannte Brettspielweisheit halten: „Mensch ärgere dich nicht“. Erfunden wurde der gleichnamige Spieleklassiker 1908 in einer Werkstatt in München-Giesing. Der Spielautor Josef Friedrich Schmidt gründete das bis heute erfolgreiche Unternehmen Schmidt Spiele. Dort entscheidet heute jemand über das Schicksal von Spielideen, der beide Seiten des Geschäfts bestens kennt. Produktmanager Thorsten Gimmler hat in jungen Jahren als Autor viele Absagen erdulden müssen, bevor sein erstes Spiel verlegt wurde. Deshalb achtet er darauf, Absagen mit konstruktiver Kritik zu verbinden und Spielideen nicht voreilig abzulehnen: „Selbst wenn eine Spielidee oberflächlich wenig vielversprechend wirkt, versuche ich jedem Spiel eine Chance zu geben.“

  • Geist in der Schachtel

    Privatarchiv

    Der gelernte Zahntechnikermeister Klaus Teuber ist seit 1999 hauptberuflich als Spieleautor tätig. Zum internationalen Kult avancierte seine Spielreihe "Die Siedler von Catan". Mittlerweile gibt es die Spielserie in über 40 Ländern. Auch Computerspielversionen sind erschienen. Der Erfolgsautor verrät uns die geheimen Zutaten, die ein perfektes Spiel ausmachen: „Man sollte einerseits dem Glück nicht ausgeliefert sein, andererseits sollte ein strategisch spielender Mensch durch die Zufälle des Spieles auch mal ins Wanken geraten dürfen.“ Dabei müsse ein Geist in der Spieleschachtel wohnen, der, so Teuber, „die Spieler den Alltag vergessen lässt und im besten Fall hochrote Köpfe und scharrende Füße zaubert.“

Sie haben ein Brett vorm Kopf und sehen dennoch ganz klar das Ziel vor Augen. Brettspiel-Autoren haben einen ganz besonderen Job, der nicht nur viel Fantasie, sondern auch jede Menge Durchhaltevermögen verlangt. Ein Blick auf die Entstehung der Bretter, die für Spielefans die Welt bedeuten.

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