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Niedrigwasser in Deutschland: Auswege aus der Durststrecke

Foto: Envato / Fahroni

Niedrigwasser in Deutschland: Auswege aus der Durststrecke

Die Pegel deutscher Flüsse sinken – teils auf historisch niedriges Niveau – und mit ihnen die Hoffnung auf einfache Lösungen. Lässt sich die Situation nachhaltig verbessern, ohne dass die Umwelt zusätzlich leidet?

Wird Niedrigwasser in Deutschland zum Dauerzustand?

In Deutschland kommt es in den vergangenen Jahren immer häufiger zu Niedrigwasser. Verantwortlich dafür sind der menschengemachte Klimawandel, die Versiegelung von Böden und die Zerstörung natürlicher Wasserspeicher wie Moore und Auen. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) betont, dass extreme Niedrigwasserereignisse auch künftig nicht zu vermeiden sind. Sie werden sogar häufiger und intensiver auftreten, da der Klimawandel Trockenphasen verlängert und verschärft.

Niedrigwasser als massives wirtschaftliches Problem

Die Binnenschifffahrt transportiert jährlich Millionen Tonnen Güter und ist dabei insgesamt kostengünstiger und umweltfreundlicher als Warentransporte per Lkw. Doch bei niedrigen Pegelständen müssen Schiffe weniger Ladung aufnehmen oder ganz ausfallen.

Aktuell sorgen die Deutsche Bahn und eine Auflockerung des Sonntagsfahrverbots für Lkw für Unterstützung. Allerdings können diese Maßnahmen die Kapazitäten der Binnenschifffahrt nicht vollständig ersetzen.

Kann der Ausbau der Wasserstraßen die Lösung sein?

Der Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) plädiert für den Ausbau der Wasserstraßen. Sein Argument: Die Binnenschifffahrt ist der umweltfreundlichste Verkehrsträger und verdient Unterstützung. Ein Ausbau soll die Zuverlässigkeit der Wasserwege erhöhen und Lieferengpässe verhindern.

Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) fordert unter anderem eine Verbesserung der Fahrrinne am Mittelrhein. Dies bedeutet, dass der für die Schifffahrt vorgesehene Bereich des Flussbetts künstlich ausgebaggert und damit tiefer gemacht wird. Dadurch können Schiffe auch bei niedrigen Wasserständen mit größerem Tiefgang fahren, ohne auf Grund zu laufen.

Warum Naturschützer warnen

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) sieht im Ausbau von Flüssen keine nachhaltige Lösung. Sie führe nicht zu mehr Wasser, sondern verschärfe bestehende ökologische Probleme zusätzlich.

Problematisch ist besonders das Phänomen der Tiefenerosion. Wird die Strömung eines Flusses durch eine kleinere und tiefere Fahrrinne konzentriert, kann das Wasser den Flussgrund stärker abtragen. Das Flussbett sinkt dadurch stetig ab. In der Folge kann auch der Grundwasserspiegel entlang des Flusses sinken. Gleichzeitig werden die angrenzenden Auen, die natürlichen Überschwemmungsgebiete des Flusses, seltener mit Wasser versorgt und überflutet. Dadurch wird die natürliche Verbindung zwischen Fluss und Auen geschwächt, was sich negativ auf deren Ökosysteme auswirken kann.

Hinzu kommt, dass Flüsse jahrzehntelang als reine Verkehrswege behandelt wurden. Moore wurden entwässert, Böden versiegelt und natürliche Wasserspeicher zerstört. Die aktuelle Krise ist auch eine Folge dieser Eingriffe.

Natürliche Lösungen: Können Auen und Moore das Wasser halten?

Intakte Ökosysteme wie Auen, Seitenarme und Moore wirken wie ein Schwamm. Sie speichern Wasser in feuchten Phasen und geben es in Trockenzeiten langsam wieder ab. Der NABU fordert daher, Flüssen mehr Raum zu geben, Flussläufe zu renaturieren und Moore zu schützen.

Doch wie effektiv solche Maßnahmen sind, wird noch erforscht. Studien zu Schwammlandschaften werden laut der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) bereits durchgeführt, doch konkrete Ergebnisse stehen noch aus.

Technische Speicher: eine Alternative zu natürlichen Lösungen?

Die BfG sieht in technischen Speichern wie Stauseen eine Möglichkeit, Wasser zeitlich umzuverlagern. Da die gesamte Wasserressource in Deutschland pro Jahr kaum schwankt, könnte eine Umverteilung helfen. Durch den Klimawandel nehmen zwar die Niederschläge im Winter zu, doch Eis und Schnee als natürliche Speicher gehen zurück.

Doch auch hier gibt es Grenzen: Stauseen verändern Ökosysteme, und ihr Bau ist oft mit hohen Kosten und langwierigen Genehmigungsverfahren verbunden.

Wie kann sich die Schifffahrt anpassen?

Seit dem Niedrigwasserjahr 2018 werden mehr niedrigwasseroptimierte Schiffe eingesetzt. Sie haben weniger Tiefgang und können auch bei niedrigen Pegelständen fahren. Der Chemiekonzern BASF setzt bereits auf Spezialschiffe wie die „Stolt“: Bei mittlerem Niedrigwasser transportiert sie mit 2500 Tonnen doppelt so viel wie herkömmliche Binnenschiffe.

Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) fordert, den Umbau von Schiffen weiter zu fördern. Verkehrsminister Bilger hat zugesagt, die Förderung für solche Schiffe fortzusetzen – trotz zwischenzeitlicher Kürzungen im Haushalt.

Die bisher größten Niedrigwasser-Krisen in Deutschland

Sommer 1976

Nach einer bereits mehrere Jahre andauernden Trockenperiode erreichte die Niedrigwassersituation 1976 einen Höhepunkt. Besonders im Rheingebiet waren die Folgen gravierend: Niedrige Wasserstände beeinträchtigten die Schifffahrt, während gleichzeitig Landwirtschaft, Wasserversorgung und Energieversorgung unter der Trockenheit litten.

Sommer 2003

Der Jahrhundertsommer 2003 brachte eine außergewöhnliche Kombination aus Hitze und Trockenheit. An zahlreichen Flüssen sanken die Abflüsse stark ab, was unter anderem die Schifffahrt auf dem Rhein beeinträchtigte. Das Ereignis gilt als eines der bedeutendsten Niedrigwasserjahre der vergangenen Jahrzehnte.

Sommer und Herbst 2018

Das Niedrigwasserjahr 2018 war besonders außergewöhnlich, weil es lange andauerte und große Teile Deutschlands gleichzeitig betraf. Am Rhein hielt die Niedrigwasserphase von Sommer bis in den Herbst an und war insgesamt sogar stärker und länger als 2003. Die Binnenschifffahrt musste ihre Ladung teilweise drastisch reduzieren, wodurch es zu erheblichen Einschränkungen im Gütertransport kam.

Definitionen und Begriffserklärungen

Niedrigwasser

Hier führen Flüsse und Seen über einen längeren Zeitraum weniger Wasser als im Durchschnitt. Dieses Phänomen tritt besonders in Trockenphasen auf und wird durch Klimawandel, Bodenversiegelung sowie die Zerstörung natürlicher Wasserspeicher verschärft.

Fahrrinne

Die Fahrrinne ist der Teil eines Gewässers, der für die Schifffahrt genutzt wird. Eine Vertiefung der Fahrrinne kann die Ladekapazität von Schiffen erhöhen, hat aber oft negative Folgen für Ökosysteme, wie Tiefenerosion und Grundwasserabsenkung.

Schwammlandschaft

Natürliche oder renaturierte Flächen wie Auen und Moore, die Wasser speichern und langsam wieder abgeben können. Sie wirken wie ein Schwamm und helfen, Hoch- und Niedrigwasser auszugleichen.

Häufig gestellte Fragen zu Niedrigwasser

Kann Niedrigwasser dauerhaft verhindert werden?

Extreme Niedrigwasserereignisse werden in Zukunft weiterhin auftreten. Klimaschutzmaßnahmen können jedoch ihre Intensität und Dauer begrenzen.

Hilft eine Vertiefung der Fahrrinnen gegen Niedrigwasser?

Schiffe können auf diese Weise kurzfristig mehr Ladung transportieren. Langfristig verschärft sie jedoch ökologische Probleme wie Tiefenerosion.

Was sind Schwammlandschaften?

Natürliche Flächen wie Auen und Moore, die Wasser speichern und langsam abgeben. Sie helfen, Extremwetterereignisse auszugleichen.

Warum gibt es in Deutschland immer häufiger Niedrigwasser?

Durch den Klimawandel nehmen Trockenphasen zu. Gleichzeitig wurden natürliche Wasserspeicher wie Moore zerstört und Flüsse für die Schifffahrt optimiert, was das Problem verschärft.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat Niedrigwasser?

Die Binnenschifffahrt kann weniger oder keine Güter transportieren. Das führt zu Lieferengpässen und höheren Transportkosten. Alternativen wie Bahn und Lkw können die Kapazitäten nicht vollständig ersetzen.

Warum kritisieren Naturschützer den Ausbau von Flüssen?

Tiefere Fahrrinnen können zu Tiefenerosion, Grundwasserabsenkung und einer Verschlechterung der Verbindung zwischen Fluss und Auen führen.

Was sind niedrigwasseroptimierte Schiffe?

Schiffe mit geringem Tiefgang, die auch bei niedrigen Pegelständen fahren können. Sie erhöhen die Transportkapazität bei Niedrigwasser und werden zunehmend gefördert.

Lässt sich Wasser für trockene Zeiten speichern?

Natürliche Lösungen wie Auen und Moore sowie technische Speicher wie Stauseen können Wasser zeitlich umverlagern. Beide Ansätze haben jedoch Grenzen und müssen sorgfältig geplant werden.

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