Welt der Wunder

Nicht glauben, sondern wissen

leonardo-da-vinci-imago

Foto: imago/imagebroker

Die Wahrheit über die Leonardo da-Vinci-Prophezeiungen

Waffen, Maschinen, Medizin
Foto: imago/ITAR-TASS

Waffen, Maschinen, Medizin

Er war eines der größten Genies der Menschheitsgeschichte, schon zu Lebzeiten. Doch was viele nicht wissen: Leonardos Visionen reichen bis in unsere Zeit hinein. Er hat Waffensysteme, Maschinen, medizinische Technik und vieles mehr vorhergesehen, von denen seine Zeitgenossen nicht zu träumen wagten. Heute wissen wir: seine Visionen wurden zum Teil Wirklichkeit.

der große Vogel
Foto: imago/imagebroker

der große Vogel

Von der Eroberung der Lüfte: „Der große Vogel wird seinen ersten Flug über dem Rücken des Großen Schwans unternehmen. Er wird die ganze Welt mit Staunen erfüllen.“ Kaum ein anderes Phänomen fasziniert Leonardo da Vinci so wie das Fliegen. 160 Skizzen und fast 5.000 Seiten Manuskripte über Flugobjekte sind von ihm bekannt. Er entwickelt ein Höhenleitwerk und ein Höhenruder für Fluggleiter – sogar den Prototyp eines Hubschraubers.

500 Jahre später
Foto: imago/UPI Photo

500 Jahre später

Aber all das geschah nur in der Theorie. Er weiß: Noch ist der Bau eines Flugzeugs technisch nicht möglich. Seine Manuskripte sollen nachfolgenden Generationen beim Bau helfen. Doch seine Schriften geraten in Vergessenheit – zu abwegig ist der Gedanke, dass Menschen fliegen könnten. 500 Jahre später scheinen mit den unbemannten Drohnen Leonardos Visionen sogar noch übertroffen worden zu sein.

Leichen sezieren
Foto: imago/Sauer

Leichen sezieren

Von der Zukunft der Medizin: „Die Menschen werden so feige werden, dass sie dankbar hinnehmen werden, dass andere über ihre Leiden oder über ihren verlorenen wahren Reichtum triumphieren: nämlich über ihre Gesundheit.“ Die Mönche beten drei Ave Maria und gehen schnell weiter: Leonardo da Vinci ist da. Im Keller der Kirche Santissima in Florenz seziert das Genie Leichen – ein Frevel. Leonardos Experimente werden von Papst Alexander VI. geduldet. Ein teuflischer Pakt, sagen einige Mönche.

Anatomie
Foto: imago/Leemage

Anatomie

Denn Papst Alexander VI. ist der Vater von Cesare Borgia, einem Kriegstreiber, für den Leonardo auch Waffen konstruiert. Untersucht er den menschlichen Körper nach Schwachstellen? Nach der effektivsten Art, einen Soldaten zu töten? Fakt ist: Leonardo verschafft sich so viel Wissen über die Anatomie des Menschen wie nie jemand zuvor. Und er erkennt, dass die Medizin ein eigener, gewaltiger Wirtschaftszweig werden wird. Heute werden allein in Deutschland in der Gesundheitsbranche jährlich 400 Milliarden Euro umgesetzt.

Murphy´s law
Foto: imago/Xinhua

Murphy´s law

Von der Vernichtung der Welt: „Aus der Erde wird hervorkommen, wer mit grauenvollem Gebrüll alle Umstehenden betäuben und mit seinem Atem Menschen töten und Städte und Burgen zerstören wird.“ Eigentlich könnte man sagen, dass Leonardo da Vinci der eigentliche Schöpfer von Murphys Gesetz ist: „Was schiefgehen kann, geht auch schief.“ Oder noch deutlicher formuliert: „Wenn etwas in einer totalen Katastrophe enden kann, dann wird es das auch.“

die Atombombe
Foto: imago/United Archives

die Atombombe

Leonardo da Vinci kennt die Machtspielchen zwischen Päpsten, Königen und Fürsten. Für ihre Vorherrschaft sind diese bereit, alles und jeden zu opfern: Menschen, Städte und Burgen. Ob Leonardo da Vinci in dieser Prophezeiung schon konkret die Atombombe (Bild) vorausahnte, bezweifeln Historiker. Aber er ging von einer Waffe aus, die der Kraft einer Atombombe in nichts nachsteht.

fürchterliche Waffen
Foto: imago/United Archives

fürchterliche Waffen

Von der Zukunft des Krieges: „Auf der Erde wird man Geschöpfe einander unaufhörlich bekämpfen sehen, mit sehr schweren Verlusten und zahlreichen Toten auf beiden Seiten. Ihre Arglist kennt keine Grenzen.“ Er muss es wissen, denn er hat sie gestaltet: Im Auftrag der mächtigen Herrscherfamilien Italiens konstruiert Leonardo da Vinci die fürchterlichsten Waffen.

erster Weltkrieg
Foto: imago/Rech

erster Weltkrieg

Leonardo weiß: Wenn er schon 36 Kanonen an einer Maschine anbringen kann, warum sollte man in Zukunft nicht 360 Kanonen unterbringen können? Oder Kanonen erfinden, die 36-mal so stark sind wie bisherige Modelle? Er hat die Schlachtfelder Italiens gesehen, die zerfurchten Landstriche und die aufgerissenen Äcker. All die Toten. Leonardo multipliziert diese Opfer mit der steigenden Zerstörungskraft der Waffen. Und er behält Recht: Im Ersten Weltkrieg sterben allein bei der Schlacht an der Somme fast eine Million Menschen.

Ausbeutung der Natur
Foto: imago/blickwinkel

Ausbeutung der Natur

Von der Ausbeutung der Natur: „Und es wird viele Jäger geben, die, je mehr Tiere sie fangen, umso weniger haben werden, und umgekehrt, sie werden umso mehr haben, je weniger sie fangen.“ Fische im Überfluss, Wälder voller Wild, Rohstoffe ohne Ende – doch schon Leonardo weiß, dass nichts davon unendlich ist.

Überfischung der Meere
Foto: imago/blickwinkel

Überfischung der Meere

Es ist eine ganz einfache Rechnung: Wer die Meere leer fischt, wird irgendwann mit leeren Netzen in den Hafen zurückkommen. Doch die großen Fischereigesellschaften steuern bis heute der Überfischung der Meere nicht wirksam genug entgegen – obwohl die Wissenschaftler Alarm schlagen.

Fortbewegung
Foto: imago/Westend61

Fortbewegung

Von der Zukunft der Fortbewegung: „Es wird Wagen geben, die von keinem Tier gezogen werden und mit unglaublicher Gewalt daher fahren.“ Leonardo glaubt an die Mechanik. Seine Devise: Was die Natur kann, können Menschen mit technischen Mitteln nachbauen. Für ihn ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Wagen geben wird, die sich automatisch bewegen.

Autobahnen
Foto: imago/Thomas Eisenhuth

Autobahnen

Und er weiß: Der gesellschaftliche Vorteil wird so groß sein, dass sich diesem Fortschritt nichts entgegenstellen kann. Mit „unglaublicher Gewalt“ schlägt dieser Fortschritt Schneisen in Wälder und betoniert Wiesen zu.

Finanzen
Foto: imago/imagebroker

Finanzen

Von der Zukunft des Geldes: „Ein bösartiges, grauenerregendes Ding wird den Menschen so viel Angst einjagen, dass diese, Wahnsinnigen gleich, im Glauben, davor zu fliehen, diesem mit schnellem Lauf entgegeneilen werden.“ Das grauenerregende Ding ist für Leonardo da Vinci die Armut. Denn in Florenz, Genua und Venedig kündigt sich zu seiner Zeit ein neues Finanzsystem an – ein System, das bis heute Bestand hat. Mitte des 15. Jahrhunderts brechen die großen Fürstenfamilien ein bis dahin geltendes Gebot: Sie verleihen Geld gegen Zinsen. Doch selbst der Papst braucht Geld, um seine Armeen unterhalten zu können.

das moderne Bankwesen
Foto: imago/Christian Ode

das moderne Bankwesen

Es ist der Beginn des modernen Bankwesens – und Leonardo da Vinci ist mittendrin. Er durchschaut die Strategie der Banken. Denn der Zins wird über einen raffinierten Trick eingeführt: Die Fürsten führen eine Zwangsabgabe ein – die Bürger müssen diese über Steuern entrichten, bekommen sie aber später mit einer Aufwandsentschädigung zurück. Ein legaler Zins … Leonardo erkennt: Das ist erst der Anfang. Bis jetzt hat die aktuelle Finanzkrise mehr als 40 Billionen Dollar und 30 Millionen Arbeitsplätze vernichtet.

Klimawandel
Foto: imago/Xinhua

Klimawandel

Vom Wandel des Klimas: „Das Meer wird sich über die hohen Gipfel der Berge gen Himmel erheben“.

die Sintflut
Foto: imago/Xinhua

die Sintflut

Die Sintflut war schon immer ein beliebtes Motiv in der Malerei. Doch die meisten Künstler beschreiben die biblische Katastrophe. Leonardo aber versetzt sie in die Zukunft. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen ihn eines vermuten: Es wird gewaltige Fluten geben – und Wasser lässt sich nicht aufhalten…

Der Schatz wird geplündert

1570 stirbt Francesco Melzi und sein Sohn Orazio weiß nichts mit den alten Pergamenten anzufangen: Er verkauft sie – und die Plünderung beginnt. Heute liegt das, was wir als Manuskripte des Leonardo kennen, an elf verschiedenen Orten in Europa. Doch das ist nur etwa ein Fünftel der gesamten Aufzeichnungen des Meisters aus Vinci. Der Rest ist verschollen, liegt vielleicht vergessen auf Bibliotheksregalen und taucht womöglich irgendwann durch Zufall wieder auf – wie die beiden Notizbücher, die erst 1967 in Madrid entdeckt wurden. Ein Großteil des Leonardo-Schatzes wird aber wohl für immer verloren bleiben …

Leonardos zukunftsweisende Visionen

Heute, fast 500 Jahre nach dem Tod Leonardo da Vincis, kennen wir also nur ein Fünftel von dem, was er gewusst hat. Diesen Notizbüchern, Codices genannt, verdanken wir Leonardos anatomische Studien, seine Aufzeichnungen in Spiegelschrift und die Konstruktionsskizzen zu technischen Erfindungen, die zum Teil erst Jahrhunderte später realisiert werden sollten. So weit, so bekannt. Aber in seinen noch erhaltenen Aufzeichnungen steckt mehr, bisher kaum Beachtetes. In der größten von Leonardos erhaltenen Schriftensammlungen, dem Codex Atlanticus, finden sich Passagen, die man leicht überblättert. Irgendwann Ende des 15. Jahrhunderts müssen die kurzen Texte entstanden sein, die er mit „Profetie“ übertitelte.

Leonardo maskiert diese Prophezeiungen als Spaß, als Unterhaltung für den Adel, auf dessen Wohlwollen er angewiesen ist. Das erklärt, weshalb er sich zu einigen seiner Voraussagungen selbst Regieanweisungen verordnete: „Sage es in wilder, wahnsinniger Art, als käme es von einem Irren“, steht da als Randbemerkung. Und wir können uns vorstellen, wie ein theatralischer Leonardo da Vinci die Augen aufreißt, vor den erschreckt kichernden Hofdamen wilde Grimassen schneidet und ruft: „Aus der Erde wird hervorkommen, wer mit grauenvollem Gebrüll alle Umstehenden betäuben und mit seinem Atem Menschen töten und Städte und Burgen zerstören wird.“ Eine apokalyptische Vision, die am Mailänder Hof vor 500 Jahren sicher für Schauder und Belustigung sorgte.

Atombombe, Autos oder Internet: Wusste Leonardo, was er da prophezeite?

Ebenso wie: „Es wird Wagen geben, die von keinem Tier gezogen werden und mit unglaublicher Gewalt daher fahren.“ Oder: „Das Meerwasser wird sich über die hohen Gipfel der Berge gen Himmel erheben und dann auf die Wohnstätten der Menschen herunterfallen.“ Solche Aussagen mögen im 15. Jahrhundert für Schauder und Belustigung gesorgt haben. Die tiefere Wahrheit seiner „Profetie“ wird aber wohl niemand außer Leonardo selbst verstanden haben. Denn in seinen Weissagungen offenbart sich das ganze Genie des Leonardo da Vinci. Seine Entdeckungen und Erfindungen waren zweifelsohne ihrer Zeit weit voraus. Aber er war offenbar auch in der L
age, die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, in die Zukunft zu projizieren. Er konnte anscheinend sehen, wie sich die moderne Welt durch den Einsatz neuer Technologien entwickeln würde. Mit anderen Worten: Leonardo konnte in die Zukunft blicken.

„Etwas aus der Erde, das mit seinem Atem Städte zerstören wird“ – sofort baut sich vor unserem inneren Auge der Atompilz von Hiroshima auf. „Wagen, die mit unglaublicher Gewalt daher fahren“: Für den Mann, der die Funktionsweise des Getriebes bereits durchdacht hat, ist der Schritt zum heutigen Auto nicht fern. Und das Meerwasser, das sich über die Gipfel erhebt – heute wissen wir um das Ansteigen der Meeresspiegel, das in den nächsten Jahrzehnten das Schicksal der Erde bestimmen wird. „Er glich einem Menschen, der in der Finsternis zu früh erwacht war, während die anderen noch alle schliefen“, sagte Sigmund Freud vier Jahrhunderte nach Leonardos Tod über ihn. Leonardo ist seiner Zeit nicht nur weit voraus – auch weiß niemand so viel über die Zukunft wie er. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder er war selbst schon in die Zukunft gereist. Oder – was wohl wahrscheinlicher ist – er hat einen für Normaldenkende schier unfassbaren Zugang zu den Dingen um ihn herum. Die Grenzen von Raum und Zeit scheinen für ihn nicht zu gelten.

Leonardo, der Prophet: Woher stammt sein Wissen über die Zukunft?

Doch wie genau tickte das Universum in Leonardos Kopf? „Sehr erhabener Herr, nachdem ich mit großer Gründlichkeit die Arbeit aller, die sich Kriegsbaumeister nennen, studiert habe, lege ich meine geheimen Erfindungen zu Füßen Eures herrschaftlichen Thrones und erbiete mich, ihre Ausführung nach Euren Wünschen und Befehlen zu besorgen.“ Mit diesen kühnen Worten bewirbt sich Leonardo da Vinci 1482 beim Mailänder Herrscher Ludovico Sforza. Fünf Großmächte teilen zu der Zeit Italien unter sich auf: Venedig, Mailand, Florenz, Rom und Neapel – Fürsten- und Königshöfe, die sich durch häufig skrupellose Eroberungen gebildet haben. Italiens Herrscher bekämpfen sich gegenseitig wie Warlords. Nur dem, der zur richtigen Zeit auf der richtigen Seite steht und sich praktisch unentbehrlich macht, ist Erfolg beschieden.

Für Leonardo da Vinci, den Künstler, Erfinder, Wissenschaftler und Betreiber geheimer und streng verbotener anatomischer Studien, sind es gefährliche und unruhige Zeiten. Er lässt sich heimlich Leichen aus Krankenhäusern bringen, um sie zu sezieren. Also braucht er einen mächtigen Schutzherrn, um ungestört seinen Forschungen nachgehen zu können. Und er setzt auf den gewissenlosen, kalten Herrscher Ludovico Sforza, der unrechtmäßig auf dem Mailänder Thron sitzt – und von Feinden umgeben ist. Mit Kunstfertigkeit allein ist dieser Mann nicht zu gewinnen.

Mobile Brücken, revolutionäre Panzerwagen: Die Waffen der Zukunft

Doch Leonardo weiß genau, was Sforza sich erträumt, und er stellt es ihm in Aussicht: völlig neuartige Waffensysteme. Der verblüffte Sforza hält Skizzen von Kanonen, mobilen Brücken und allen voran von einem Panzerwagen in Händen. Der, so verspricht Leonardo, „jeden noch so großen Haufen von Bewaffneten zersprengen wird“. So etwas hat Sforza noch nie gesehen. Und besser noch: seine Feinde auch nicht. Leonardos Wunderwaffen würden dem Mailänder den nötigen Rückhalt geben, um seine Herrschaft zu stabilisieren. Und Leonardo hat einen Dienstherrn, der das Genie gewähren lässt, weil er um dessen Vorzüge weiß. Leonardos Entwürfe gehen weit über das hinaus, was Ingenieure vor ihm erdachten. Sein revolutionärer Panzerwagen funktioniert nach einem ebenso einfachen wie effizienten Prinzip: Die Männer im Inneren bedienen die zentralen Kurbeln, die mit Rollenrädern verbunden sind, die ihrerseits die Getriebe mit den vier Laufrädern in Gang setzen. Einmal gestartet, würde der Wagen unaufhaltsam übers Schlachtfeld rollen. Ein todsicheres, kraftstrotzendes Bollwerk samt 360-Grad-Geschützturm.

Ein genialer Geist, der seiner Zeit Jahrhunderte voraus ist

Sforza will diese Waffe natürlich haben, am besten sofort. Aber er schätzt die Lage falsch ein. Die meisten von Leonardos hochfliegenden Waffenplänen sind mit den technischen und handwerklichen Mitteln seiner Zeit gar nicht realisierbar. Sein konstruktiver Geist hatte sich wieder einmal auf eine Zeitreise in die Zukunft begeben. Und er weiß, dass erst die Menschen viele Generationen nach ihm zur Umsetzung seiner Maschinen fähig sein werden. Nicht umsonst hinterlässt er allein zum Vogelflug 160 Skizzen und fügt Konstruktionsvorschläge zu Flugmaschinen an. Andere Denker hätten sich davon abschrecken lassen – wozu etwas erfinden, das keiner versteht oder bauen kann?

Leonardo aber plant für die Zukunft, die er wohl ständig vor seinem geistigen Auge aufziehen sieht: Wenn eine Herzklappe auf eine bestimmte Weise funktioniert, muss das doch auch mit einer mechanischen Pumpe klappen. Wenn eine Kanone allein funktioniert, warum dann nicht gleich 36 zu einer Batterie zusammenschalten? Wo seine Zeitgenossen „groß“ sagen, sagt Leonardo „maximal“. Leonardo kennt keine Grenzen, weil er sich für restlos alles interessiert. Deshalb ist er auch der einzige Mensch seiner Zeit, der sich nicht nur vorstellen kann, was in 50, sondern auch, was in 500 Jahren geschehen wird.

Leonardo beweist: Die Unendlichkeit ist eine Maschine

Die Unendlichkeit ist für ihn kein göttliches Vorrecht, sondern ein selbstverständlicher Teil der Natur. Er entwirft sogar eine komplette Maschine nach diesem Prinzip: Zwölf Zahnräder unterschiedlicher Größe sind hintereinandergeschaltet. Das erste Getriebe vollendet eine Umdrehung in einer Sekunde. Nun wirken die Regeln der Übersetzung: Ein kleines Zahnrad muss sich öfter drehen, um ein größeres anzutreiben. Ein Teil der Kraft geht bei jedem einzelnen Getriebe scheinbar verloren, je nach Größe ein Siebtel oder gar ein Zehntel. Das letzte Rad scheint stillzustehen, völlig unbeweglich zu sein, obwohl es Teil der mechanischen Bewegung ist. Doch der Stillstand trügt: Auch das letzte Zahnrad dreht sich – doch in einer unendlich langsamen Geschwindigkeit. Für eine einzige Umdrehung benötigt es eine Billion Jahre! Für die einfachen Menschen des 15. Jahrhunderts, für die schon Zahlen über 1.000 unvorstellbar sind, wäre Leonardos Maschine ein Teufelswerk. Das weiß er – und baut sie nie. Erst im 20. Jahrhundert wird sie realisiert, und damit ist bewiesen, dass sie funktioniert.

Leonardos Fortschritts-Code: „Es geht immer weiter“

Auch die mittelalterliche Medizin seiner Zeit versetzt Leonardo um mehrere Jahrhunderte in die Zukunft: Er ist der erste Mensch, der mithilfe von Leichenuntersuchungen die Arteriosklerose beschreibt. Doch offiziell ist das Sezieren verboten. Der menschliche Leib ist für die Kirche ein Schatz der Schöpfung, der nicht angetastet werden darf. Noch ein halbes Jahrhundert nach Leonardos geheimen Körperstudien wird der belgische Anatom Andreas Vesalius wegen „Leichenraubes“ zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Doch Leonardo bleibt unangetastet – er ist den Mächtigen einfach zu wertvoll.

Erst 1516, mit über sechzig Jahren, scheint Leonardo des ewigen Taktierens, Versteckens und Fliehens müde: Auf Drängen des französischen Königs geht er nach Frankreich, wohl wissend, dass er seine Heimat nie wiedersehen wird. All seine Aufzeichnungen nimmt er mit sich, gleichsam ein Atlas seines genialen Geistes, der nach seinem Tod in aller Herren Länder verstreut werden soll. Doch er hat ihn nie vollendet – das letzte Wort, das er schreibt, ist gleichsam an die Zukunft gerichtet: „etcetera“. Leonardos Code für „Es geht immer weiter“.

Welt der Wunder

FREE
VIEW