Wie entstand „Tatort“?
Die Geschichte beginnt im Jahr 1969. Damals erhielt der WDR-Redakteur Gunther Witte den Auftrag, für die ARD eine neue Krimireihe zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt ermittelte das ZDF bereits erfolgreich mit Erik Ode in der Serie „Der Kommissar“. Die ARD wollte rasch ein Gegenstück schaffen.
Witte galt als Quereinsteiger im Krimigenre. Aus der Zeitnot machte er ein Konzept: Anstelle eines einzigen Kommissars stellte er viele Ermittler an verschiedenen Orten vor. Vorbild war die RIAS-Hörfunkserie „Es geschah in Berlin“, die seit 1951 echte Fälle dokumentarisch erzählte. Ursprünglich sollte der Titel „Tatort“ vor dem jeweiligen Ortsnamen stehen.
Die erste Folge der Krimireihe mit dem Titel „Taxi nach Leipzig“ wurde am 29. November 1970 ausgestrahlt. Der NDR hatte sie zuvor mit dem Hamburger Kommissar Trimmel (Walter Richter) als eigenständigen Film gedreht und reihte sie nachträglich in die Reihe ein. Die erfolgreichste Krimireihe des deutschen Fernsehens beginnt also mit einer Art Etikettenschwindel.
Witte legte zudem weitere, bis heute geltende Grundsätze fest.
- „Tatort“ ist regional: Jede beteiligte ARD-Anstalt stellt ihre eigenen Ermittler in ihrer eigenen Region vor.
- „Tatort“ soll die Geschichte der Bundesrepublik widerspiegeln.
- Jede Folge von „Tatort“ soll ein gesellschaftspolitisch bedeutsames Thema behandeln.
Lokalkolorit als Erfolgsrezept
Bereits in der ersten Folge griff der „Tatort“ daher gesellschaftlich relevante Themen auf und machte sie zum Ausgangspunkt seiner Kriminalgeschichten. So ermittelte Kommissar Paul Trimmel an der Transitautobahn durch die DDR. Damit rückten auch die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit ins Zentrum der Handlung.
Diese gesellschaftskritische Komponente kam beim Publikum gut an. Darüber hinaus erreichte „Tatort“ durch sie sogar genügend Aufmerksamkeit, dass sich die Politik einschaltete. Im Jahr 1975 schickte der damalige CSU-Politiker Franz Josef Strauß dem Intendanten des Senders ein Fernschreiben, in dem er den Berliner „Tatort“-Film „Tod im U-Bahn-Schacht“ scharf kritisierte. Er bezeichnete den Film abfällig als „Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage“.
Wie veränderte Kommisar Horst Schimanski den „Tatort“?
Am 28. Juni 1981 feierte in „Tatort: Duisburg-Ruhrort“ ein Ermittler sein Debüt, der das Bild des deutschen Fernsehkommissars nachhaltig verändern sollte: Horst Schimanski, gespielt von Götz George. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger trug er abgewetzte Kleidung, nahm selten ein Blatt vor den Mund und reagierte häufig aufbrausend. Schimanski eckte an, missachtete mitunter Regeln und ließ sich von seinen Gefühlen leiten. Seine derbe Sprache und sein unkonventionelles Auftreten machten ihn zu einer Figur, die sich deutlich von den bis dahin verbreiteten Kommissartypen abhob.
Zugleich verlieh Götz George der Figur eine menschliche Seite, die hinter der rauen Fassade sichtbar wurde. Schimanski verkörperte somit einen neuen Typus des Fernsehkommissars: widersprüchlich, unangepasst, aber auch nah an den Menschen und den sozialen Konflikten des Ruhrgebiets. Bis 1991 entstanden insgesamt 29 Folgen mit der Kultfigur, die den „Tatort“ prägte und neue Maßstäbe für die Darstellung von Ermittlern im deutschen Fernsehen setzte.
Konservative Medien wie die „Bild“-Zeitung zählten mit, wie oft in Schimanski-Folgen das Wort „Scheiße“ fiel. Das Publikum schaltete trotzdem ein. Georges Abschied 1991 sahen knapp 17 Millionen Menschen.
„Tatort“ zeigte erstmals Ermittlerinnen im deutschen Fernsehen
Bereits 1978 trat mit Nicole Heesters als Mainzer Kommissarin Buchmüller die erste Ermittlerin auf, allerdings nur in drei Folgen. Heute sind 21 der 46 Ermittlerfiguren auf der „Tatort“-Website weiblich. Der Anteil wuchs langsam über Jahrzehnte hinweg.
Ist „Tatort“ heute noch ein Erfolgsgarant?
Die Zuschauerzahlen belegen, welche Bedeutung „Tatort“ über Jahrzehnte für das deutsche Fernsehen hatte. Den historischen Höchstwert erzielte 1978 die Folge „Rot – rot – tot“: 26,57 Millionen Menschen schalteten ein, der Marktanteil lag bei beeindruckenden 65 Prozent. Solche Werte sind heute kaum noch vorstellbar. Inzwischen erreicht die Krimireihe meist rund neun Millionen Zuschauer, wobei die Einschaltquoten je nach Ermittlerteam und Jahreszeit deutlich schwanken können.
Der Rückgang bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass „Tatort“ an Beliebtheit verloren hat. Vielmehr hat sich die Medienlandschaft grundlegend verändert. Während das Publikum früher auf eine überschaubare Zahl von Fernsehprogrammen zurückgreifen konnte, konkurriert die Sendung heute mit Streamingdiensten, Mediatheken und zahlreichen weiteren Unterhaltungsangeboten. Die Zuschauer verteilen sich dadurch auf deutlich mehr Kanäle und Plattformen, was direkte Vergleiche mit den Rekordjahren erschwert.
Der schwierige Versuch, mit Konventionen zu brechen
Nach zwei Sendejahrzehnten öffnete sich „Tatort“ zunehmend für mehr Humor und erzählerische Experimente. Die „Swinging Cops“ sangen ab 1996 Jazzduette, später entwickelte sich das Münsteraner Duo Thiel und Boerne mit seinen Wortgefechten zu einem der beliebtesten Ermittlerteams der Reihe.
Der hessische „Tatort“ mit Ulrich Tukur als Felix Murot geht seit 2010 noch weiter: Er bricht mit den Konventionen des Krimis und spielt mit ungewöhnlichen Erzählformen. In „Wer bin ich?“ (2015) erscheint sogar ein „Tatort“ im „Tatort“. Wie häufig spalteten diese Experimente jedoch die Zuschauergemeinde.
Der schmale Grat zwischen Tradition und Beliebigkeit im „Tatort“
Die 1990er-Jahre waren für den „Tatort“ eine schwierige Phase: Die Reihe musste sich in einem zunehmend umkämpften Fernsehmarkt behaupten und ihren Platz zwischen neuen Unterhaltungsformaten sowie einem wachsenden Angebot an Krimiserien verteidigen.
Weiterhin stellte sich die Frage, wie viel Abwechslung ein Format verträgt, dessen Erfolg auf seiner vertrauten Struktur beruht. Einerseits schaffen wiederkehrende Ermittler und regionale Besonderheiten Wiedererkennungswert, andererseits können sie zu einem Routineeffekt führen, wenn Geschichten und Figuren kaum noch überraschen.
Zudem erwiesen sich einige Neuerungen als Misserfolg. Til Schweigers Ermittler Nick Tschiller sollte „Tatort“ einen actionreicheren, international anschlussfähigeren Anstrich verleihen. Laut Experten scheiterte der Versuch, mit der Figur zugleich die Geschichte der Bundesrepublik zu spiegeln, an diesem Anspruch. Dieses Beispiel verdeutlicht ein grundlegendes Problem der Reihe: Sie muss sich immer wieder neu erfinden, ohne dabei ihre gesellschaftliche Verankerung und ihren eigenen Charakter zu verlieren.
Auch die Bezahlung der Hauptdarsteller sorgte für Gesprächsstoff. Laut diversen Boulevardmagazinen erhielten Til Schweiger und das Münsteraner Ermittlerteam im Jahr 2015 zwischen 200.000 und 300.000 Euro pro Folge. Am unteren Ende der Liste standen die österreichischen Schauspieler Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer mit jeweils 30.000 Euro.
Definitionen und Begriffserklärungen zu „Tatort“
„Tatort“
„Tatort“ ist die älteste Krimireihe im deutschen Fernsehen. Seit dem 29. November 1970 wird in jeder Folge ein abgeschlossener Fall erzählt. Die Folgen werden von verschiedenen ARD-Anstalten produziert.
Regionalität im „Tatort“
Regionalität bedeutet, dass jedes Ermittlerteam an einem festen Ort arbeitet, etwa in Duisburg, Münster oder Wien. Gunther Witte legte dieses Prinzip als erstes Kriterium der Reihe fest.
Ermittlerteam
Im „Tatort“ steht anders als in früheren Krimiserien kein einzelner Kommissar für die ganze Reihe. Viele Teams laufen nebeneinander und wechseln sich sonntags ab. Die Idee entstand 1970 aus der Zeitnot der ARD.
Drei Kurzantworten zu „Tatort“
Wann lief der erste „Tatort“? Am 29. November 1970 strahlte die ARD „Taxi nach Leipzig“ aus.
Wer erfand „Tatort“?
Der WDR-Redakteur Gunther Witte entwickelte die Reihe ab 1969.
Wie viele Zuschauer hat ein „Tatort“ heute?
Im Schnitt sehen meist rund neun Millionen Menschen zu, je nach Team und Sonntag.
Häufig gestellte Fragen zu „Tatort“
Warum heißt die Reihe „Tatort“?
Witte wählte den Titel in Anlehnung an die RIAS-Hörfunkserie „Es geschah in Berlin“. Er sollte ursprünglich vor dem Namen des jeweiligen Handlungsortes stehen .
War „Taxi nach Leipzig“ wirklich der erste „Tatort“?
Ursprünglich nicht. Der NDR drehte den Film vor dem Start der Reihe und deklariert ihn rückwirkend als ersten „Tatort“ ein.
Wer war die erste „Tatort“-Kommissarin?
Nicole Heesters spielte ab 1978 die Mainzer Kommissarin Buchmüller in drei Folgen.
Wann ermittelte Schimanski zum ersten Mal?
Götz George trat 1981 in Duisburg-Ruhrort erstmals als Horst Schimanski auf und spielte die Rolle in 29 Tatort-Folgen bis 1991.
Welche „Tatort“-Folge hatte die meisten Zuschauer?
„Rot – rot – tot“ aus dem Jahr 1978 erreichte 26,57 Millionen Zuschauer und 65 Prozent Marktanteil.