Das Facebook-Experiment: Lassen sich Emotionen fremdsteuern?

Täglich führen sie Tausende Experimente durch – die Datenanalysten von Facebook. Unser Alltag ist zu einem Testfeld und Millionen Menschen zu Versuchsobjekten geworden – ohne davon das Geringste zu ahnen. WdW deckt die drastischsten Fälle auf. Diese Woche: Das Facebook-Experiment.

Das Facebook-Experiment

© imago/Imagebroker

Etwa jeder sechste Mensch der Erde „lebt“ bei Facebook. Insgesamt besitzen also mehr als eine Milliarde Menschen eine zweite Staatsbürgerschaft, der sie im Schnitt jeden Tag 17 Minuten ihrer Zeit widmen. Doch der Regierungsapparat der größten Nation der Welt schottet sich mindestens so ab wie der von Nordkorea – vielmehr als der Kopf der Organisation, Mark Zuckerberg, ist nicht bekannt. Und das wohl aus gutem Grund: Denn Facebook lässt sich mit einem Experiment in der Dimension eines modernen Staates vergleichen – das Online-Regime arbeitet aber weitaus willkürlicher und manipulativer. Würde das wahre Ausmaß der Eingriffe bekannt, könnte es im Lande Facebook zu einer massiven Auswanderungswelle kommen …

Digitale Versuchskaninchen

Die steuer- und abgabenfrei lebenden Bürger sind die „Ware“, die Facebook seinen zahlenden Kunden anbietet – und ohne Einschränkungen manipulieren  darf, wie es jeder neue Einwohner bei der Aufnahme in den  Nutzungsbedingungen bestätigt. Um etwa herauszufinden, wie sich Emotionen effektiv steuern lassen, verändert Facebook unbemerkt eine Woche lang gezielt den Nachrichtenstrom von 700.000 ahnungslosen Mitgliedern. Die einen erhalten bevorzugt negative, die anderen positive Informationen. Das Ergebnis: Gute Stimmung steckt an, schlechte auch. Wer Positives liest, äußert sich anschließend auch positiver – und umgekehrt. Doch diese Manipulation ist kein Einzelfall. „Wir führen täglich 1.000 Experimente durch. Während viele dieser Versuche zur Optimierung spezieller Ergebnisse dienen, sollen andere die Grundlagen für langfristige Design- Entscheidungen liefern“, gibt ein Datenwissenschaftler bei Facebook unter der Hand zu. Doch wozu der ganze Aufwand?

Subtile Manipulation = absolute Macht?

Wer  Emotionen gezielt steuern kann, bekommt ein Werkzeug an die Hand, mit dem sich Menschen gezielt in eine Richtung lenken lassen. „Meistens treffen Menschen Entscheidungen – und jetzt sage ich etwas Radikales, gerade für uns Ökonomen –, ohne Nutzen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen“, erklärt der Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Die Experimente wecken natürlich Begehrlichkeiten bei Konzernen, Parteien und Lobbygruppen: Denn wer in diese unterbewussten Prozesse eingreifen kann, hält eine Waffe in der Hand, mit der sich Entscheidungen von Weltrang beeinflussen lassen, etwa die der nächsten Präsidentschaftswahlen oder die der Einführung eines neuen Produkts.

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