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Was können Hochbegabte wirklich?

Foto: Envato / MaplesImages

Was können Hochbegabte wirklich?

Eine hochbegabte Abiturientin mit Bestnoten scheitert bei „Wer wird Millionär“ an dem Namen einer eigentlich bekannten Insel im Indischen Ozean. Welche Fähigkeiten Menschen mit hohem IQ wirklich haben.

Was versteht man unter Hochbegabung?

Hochbegabung bezeichnet ein stark überdurchschnittliches intellektuelles Potenzial. Als Richtwert gilt ein IQ von 130. Wer diesen Wert erreicht, kann sich beispielsweise für eine Mitgliedschaft bei Mensa bewerben. Mensa ist ein internationaler Verein für Menschen mit sehr hohem IQ, der Menschen mit überdurchschnittlicher Intelligenz zusammenbringt und den Austausch fördert.

Laut der Karg-Stiftung besitzen nur rund 2,17 Prozent eines Jahrgangs einen so hohen IQ. Demnach erreichen ihn etwa zwei von 100 Kindern.

Was geschah bei „Wer wird Millionär“?

Zahlreiche Medien berichteten über den Auftritt von Maya Upmann aus Neukeferloh bei München. Sie studiert im vierten Semester an der LMU München, übersprang die elfte Klasse und legte das Abitur mit Bestnoten ab. Dazu kommen drei Bayerische Jugendpreise und der Landessieg bei der Philosophie-Olympiade.

Auch die hochbegabte Maya kannte nicht jede Antwort

Schon bei der 1000-Euro-Frage wusste Maya nicht sofort weiter. Moderator Günther Jauch fragte, bei welchem Land die weibliche Bezeichnung mit einem Umlaut geschrieben wird, die männliche jedoch nicht. Die hochbegabte Kandidatin, die sichtlich nervös und überdreht wirkte, tippte zunächst auf Bulgarien. Mithilfe von Stift und Papier kam sie schließlich auf die richtige Antwort: Frankreich.

Bei 16.000 Euro ging es um North Sentinel Island. Auf dieser Insel lebt ein von der Außenwelt abgeschnittenes indigenes Volk – ein Klassiker im Bereich Trivialwissen. Nach dem 50:50-Joker blieben die beiden Antwortmöglichkeiten „isoliertes Volk“ und „Stein der Weisen“ übrig. Mayas Nachbarin, eine ehemalige Moderatorin des WDR‑Reisemagazins „Wunderschön!“, tippte auf den „Stein der Weisen“. Maya folgte dem Rat und fiel auf 500 Euro zurück.

Was können Hochbegabte besser?

Ein hoher IQ steht vor allem für die Fähigkeit, Informationen schnell zu erfassen, Zusammenhänge zu erkennen und Neues zu lernen. Solche Stärken können bereits im Kindesalter auffallen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beschreibt beispielsweise den Fall des achtjährigen Ben, der Prozentrechnungen im Kopf löste, da er durch ein Förderprogramm bereits den Unterrichtsstoff der vierten Klasse beherrschte.

Bens  kognitiven Leistungen wurden vor der Einschulung getestet und überstiegen die Anforderungen der ersten Klasse bei Weitem. Emotional und sozial war er jedoch weiterhin ein Vorschulkind.

Studien, die eine hohe Korrelation zwischen den IQ-Werten von Kindern und ihren späteren Werten im Erwachsenenalter belegen, zeigen, dass der IQ im Verlauf des Lebens vergleichsweise stabil ist. Wie gut ein Mensch seine Fähigkeiten jedoch tatsächlich nutzt und welche Leistungen er daraus entwickelt, können IQ-Tests nicht vorhersagen. Wer von einem hohen IQ außergewöhnliche Leistungen in allen Lebensbereichen erwartet, überschätzt daher dessen Aussagekraft.

Garantiert ein hoher IQ Erfolg?

Das Profiling Institut weist darauf hin, dass auch Fleiß, Übung und die jeweiligen Lebensbedingungen die Leistungen entscheidend beeinflussen. Hochbegabung muss sich daher nicht zwangsläufig in herausragenden Noten oder anderen sichtbaren Erfolgen zeigen. Wer Begabung mit Leistung gleichsetzt, übersieht Menschen mit hohem Potenzial, die dieses aus unterschiedlichen Gründen nicht ausschöpfen können.

Das hat auch Konsequenzen für die Förderung. Lange galt die Unterstützung besonders leistungsfähiger Kinder als wenig notwendig, zudem wurde Begabungsförderung häufig vor allem mit dem Gymnasium verbunden. Ingmar Ahl von der Karg-Stiftung plädiert dagegen dafür, bereits in der Grundschule anzusetzen. So sollen auch Kinder aus weniger bildungsnahen Familien die Möglichkeit erhalten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Warum halten sich Klischees so hartnäckig?

Auch heute heißt es immer noch häufig, Hochbegabte seien sozial unbeholfen, emotional instabil oder im Umgang mit anderen problematisch. Einen Grund dafür sieht die Forscherin Tanja Baudson in der öffentlichen Wahrnehmung von Hochbegabung: In repräsentativen Studien zeigte sich, dass rund zwei Drittel der Deutschen Hochbegabung mit sozialen oder emotionalen Problemen verbinden. Solche Vorstellungen können sich verfestigen, wenn einzelne auffällige Fälle stärker wahrgenommen werden als die große Mehrheit, die sich im Alltag kaum von anderen Menschen unterscheidet.

Das Klischee kann somit nicht nur die Wahrnehmung von Hochbegabten von außen prägen, sondern auch dazu führen, dass die tatsächlichen Bedürfnisse hochbegabter Menschen falsch eingeschätzt werden.

Medien verstärken das Bild vom Genie mit begrenzten Kenntnissen über den Alltag

Das Szenario kommt in den Medien immer wieder vor: Ein Genie scheitert an einer Alltagsfrage, worüber sich seine Mitmenschen amüsieren. Solche Lacher auf Kosten von Minderheiten bringen Einschaltquoten, Likes und Klicks. Er verzerrt jedoch den Blick auf eine Gruppe, die bezüglich ihrer Lernbedürfnisse und Alltagsfähigkeiten stark heterogen ist. 

Wie erkennen Sie eine Hochbegabung?

Eine fundierte Einschätzung erfolgt durch Psychologinnen und Psychologen mithilfe wissenschaftlich anerkannter und standardisierter Intelligenztests. Dabei betrachten sie nicht nur den erreichten IQ-Wert, sondern berücksichtigen auch die persönliche Entwicklung, die Stärken und mögliche Auffälligkeiten im Alltag. Für eine verlässliche Diagnose empfiehlt sich daher eine psychologische Beratungsstelle oder Praxis mit Erfahrung in der Hochbegabungsdiagnostik.

Internettests ersetzen keine Diagnose

Die im Internet verbreiteten IQ-Tests gelten als generell unseriös, da sie keine wissenschaftlich belastbaren Ergebnisse liefern. Sie werden nicht unter standardisierten Bedingungen durchgeführt und sind nicht ausreichend validiert. Einige Tests dienen zudem in erster Linie dazu, persönliche Daten zu sammeln oder bestimmte Angebote zu bewerben. Dies ist auch generell der Grund dafür, dass etliche Online-IQ-Tests verdächtig hohe Ergebnisse liefern.

Kritik am IQ als Messwert für Intelligenz

Der IQ ist als Maß für Intelligenz umstritten, da er nicht die gesamte geistige Leistungsfähigkeit abbildet. Intelligenztests erfassen vor allem Fähigkeiten wie logisches Denken, Sprachverständnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und räumliches Vorstellungsvermögen. Soziale Fähigkeiten, Kreativität und die Fähigkeit zur praktischen Problemlösung lassen sich damit hingegen nur eingeschränkt erfassen. Zudem kann das Testergebnis von Bildung, kulturellem Hintergrund, Tagesform und den Bedingungen der Testdurchführung beeinflusst werden. Der IQ ist somit ein nützlicher statistischer Anhaltspunkt, jedoch kein umfassendes Maß für die Intelligenz eines Menschen.

Definitionen und Begriffserklärungen zum Thema Hochbegabung

Hochbegabung

Ein deutlich überdurchschnittliches intellektuelles Potenzial. Üblich ist ein IQ von mindestens 130, den etwa zwei Prozent eines Jahrgangs erreichen.

Intelligenzquotient (IQ)

Der IQ ist ein Messwert aus standardisierten Tests. Der Durchschnitt liegt bei 100. Jeweils 15 Punkte entsprechen einer Standardabweichung.

Underachiever

Als Underachiever gelten Menschen mit hohem Potenzial, deren tatsächliche Leistungen deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Gründe dafür können etwa fehlende Förderung oder eine unpassende Lern- und Arbeitsumgebung sein.

Drei Kurzantworten zum Thema Hochbegabung

Ab welchem IQ gilt jemand als hochbegabt?

Ab einem IQ von 130, also zwei Standardabweichungen über dem Mittelwert von 100.

Wie viele Menschen sind hochbegabt?

Etwa zwei Prozent eines Jahrgangs, nach der Karg-Stiftung genau 2,17 Prozent.

Wer stellt eine Hochbegabung fest?

Psychologinnen und Psychologen mit anerkannten Intelligenztests, am besten in einer Beratungsstelle mit Erfahrung.

Häufig gestellte Fragen zum Thema Hochbegabung

1. Warum gilt ausgerechnet ein IQ von 130 als Grenze?

Diese Grenze liegt zwei Standardabweichungen über dem Mittelwert von 100. Intelligenzbasierte Modelle setzen Hochbegabung mit diesem Wert gleich. Leistungsbasierte Modelle sprechen erst dann von Hochbegabung, wenn sich das Potenzial in Ergebnissen zeigt. Je nach Modell gilt dieselbe Person als hochbegabt oder als unauffällig.

2. Warum scheitert eine Hochbegabte bei einer Wissensfrage?

Ein IQ-Test misst das Denkvermögen, also die Fähigkeit, zur Schlussfolgerung und Mustererkennung. Allgemeinwissen entsteht durch das aktive Aneignen von Wissen und Lebenserfahrung. Ein hoher IQ garantiert keinen größeren Wissensvorrat.

3. Lässt sich der IQ im Erwachsenenalter anhand des IQ-Werts im Kindesalter vorhersagen?

Studien finden hohe Korrelationen zwischen den IQ-Werten von Kindern und ihren Werten in der Lebensmitte. Bei einzelnen Personen kann es im Verlauf des Lebens jedoch zu spürbaren Abweichungen kommen.

4. Entsprechen Klischees über Hochbegabte der Wahrheit?

Eine repräsentative Untersuchung der Forscherin Tanja Baudson zeigt, dass zwei Drittel der Deutschen Hochbegabung mit sozialen und emotionalen Problemen verbinden. Baudson bezeichnet diese Annahme als unbegründet. Das Klischee sagt also mehr über die Wahrnehmung der Mehrheit aus als über die Betroffenen.

5. Warum ist der IQ als einziges Kriterium für Intelligenz umstritten?

Kritiker bemängeln, dass ein einzelner Zahlenwert ein vielschichtiges Konstrukt wie Begabung zu stark vereinfacht. Einige bezweifeln sogar, dass sich Intelligenz messen lässt. Die Pädagogik hat daraus einen Wandel vollzogen: Begabungsförderung beginnt heute früher, nämlich bereits in der Grundschule, und soll Kinder aus allen Familien erreichen, nicht nur aus bildungsnahen.

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