Was verbirgt sich hinter der „Sicherheitsplattform Strom“?
Die Bundesnetzagentur bereitet im Geheimen eine neue Maßnahme für Krisenzeiten vor. Seit 2024 entsteht eine digitale Plattform, die im Ernstfall den Stromverbrauch großer Unternehmen steuern kann. Die Behörde nennt das Szenario, auf das sie sich vorbereitet, eine „persistente Strommangellage“. Hiermit ist ein Stromengpass gemeint, der sich über mehrere Tage bis Wochen zieht.
Auf Nachfrage der News-Website Business Insider bestätigte die Bundesnetzagentur zentrale Teile eines Berichts, den zuvor das rechtskonservative Online-Magazin Apollo News veröffentlicht hatte. Vorher war das Vorhaben der Öffentlichkeit kaum bekannt.
Die Bundesnetzagentur hielt ihre Pläne lange Zeit geheim
Ein Frage-Antwort-Papier zur neuen Plattform sollte offenbar nicht veröffentlicht werden. Als Begründung findet sich darin der Hinweis, eine Veröffentlichung könnte in der Bevölkerung für Verunsicherung sorgen. Erst nach der Online-Berichterstattung äußerte sich die Bundesnetzagentur öffentlich dazu.
Auf die Frage, weshalb die Unterlagen zurückgehalten wurden, reagierte die Behörde bislang nicht. Sie kündigte jedoch an, entsprechende Informationen künftig auf ihrer Website bereitzustellen.
Wie funktioniert die Steuerung im Ernstfall?
Industrieunternehmen mit einem Jahresverbrauch von mehr als acht Gigawattstunden sollen verpflichtet werden, sich auf der Plattform zu registrieren. Im Krisenfall kann der Staat sie mit drei Tagen Vorlauf anweisen, ihren Verbrauch für bis zu 24 Stunden zu drosseln oder ganz einzustellen.
Die Bundesnetzagentur übernimmt dabei die Rolle des Bundeslastverteilers. Dies ist eine staatliche Stelle, die im Krisenfall die Verteilung und Steuerung von Strommengen koordiniert, um die Versorgungssicherheit im gesamten Bundesgebiet zu gewährleisten. Ein vergleichbares Modell existiert bereits seit 2023 mit der „Sicherheitsplattform Gas“ und dem „Notfallplan Erdgas“.
Ist die Lage bei Strom mit der bei Gas vergleichbar?
Deutschland bezog vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 mehr als die Hälfte seines Gases aus Russland. Beim Strom liegt der Importanteil in Deutschland dagegen nur bei rund 22 Prozent. Zudem stammen diese Importe aus mehreren Nachbarländern gleichzeitig.
Warum sorgt der Plan in der Industrie für Unruhe?
Vertreter aus der Wirtschaft äußern sich zurückhaltend. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen die dreitägige Vorlaufzeit der geplanten Maßnahmen. Kurzfristige Störungen im Netz, etwa durch einen Kraftwerksausfall, lassen sich üblicherweise mit vorhandener Reserveenergie auffangen. Die Übertragungsnetzbetreiber verfügen dafür bereits heute über etablierte Instrumente. Im äußersten Fall können auch über zeitlich begrenzte, regionale Abschaltungen zum Einsatz kommen.
Ein Vorlauf von drei Tagen deutet nach Einschätzung von Industrievertretern eher auf eine strukturelle Mangellage hin als auf ein akutes Störfallmanagement. Zusätzlich entsteht durch die Registrierungspflicht ein neuer bürokratischer Aufwand für die betroffenen Unternehmen.
Wie ernst ist die Versorgungslage wirklich?
Die Sorge um die künftige Stromversorgung stützt sich auf Berechnungen des Übertragungsnetzbetreibers Amprion. In seinem im Januar 2026 veröffentlichten Maßnahmenplan zum Erhalt der Versorgungssicherheit warnte dieser, dass der übliche Sicherheitsstandard im Durchschnitt der betrachteten Szenarien ab 2028 nicht mehr eingehalten werde.
Ein Übertragungsnetzbetreiber ist ein Unternehmen, das das überregionale Höchstspannungs-Stromnetz betreibt und dafür sorgt, dass elektrische Energie zuverlässig über weite Entfernungen transportiert wird.
Bis 2035 benötigt Deutschland laut dieser Analyse knapp 40 Gigawatt an zusätzlichen Kraftwerkskapazitäten. Das aktuelle Förderprogramm der Bundesregierung für neue Gaskraftwerke deckt davon bislang nur 12 Gigawatt ab. Zwischen Bedarf und geplantem Ausbau liegt also eine erhebliche Lücke.
Was sagt die Bundesnetzagentur selbst?
Die Behörde ordnet ihre Vorbereitungen als reine Vorsorge ein. Großflächige Störungen der Stromversorgung hält sie weiterhin für sehr unwahrscheinlich. Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft betont, der Aufbau der Plattform erfolge nicht wegen konkreter Anzeichen einer Mangellage, sondern als sinnvolle Vorbereitung auf mögliche Krisenlagen.
Die fünf größten Stromausfälle aller Zeiten
Nordost-Blackout in den USA und Kanada (2003)
Am 14. August 2003 fiel im Nordosten der USA und in Teilen Kanadas für bis zu zwei Tage der Strom aus. Ausgelöst wurde die Kaskade durch einen Softwarefehler in einem Kontrollzentrum in Ohio, der eine Kettenreaktion in Gang setzte. Rund 50 Millionen Menschen waren betroffen, darunter die Bewohner von New York City und Toronto. Der Vorfall gilt bis heute als einer der historisch größten Stromausfälle und führte zu strengeren Sicherheitsstandards für nordamerikanische Stromnetze.
Blackout in Italien (2003)
Nur wenige Monate später, am 28. September 2003, verlor ganz Italien für mehrere Stunden den Strom. Ein umgestürzter Baum in der Schweiz beschädigte eine wichtige Übertragungsleitung, die Strom aus Frankreich importierte. Das italienische Netz konnte den Ausfall nicht kompensieren und brach landesweit zusammen. Fast 56 Millionen Menschen waren betroffen, was den Vorfall zum bis dahin größten Blackout in der europäischen Geschichte machte.
Blackout in Indien (2012)
Im Juli 2012 ereignete sich der größte Stromausfall aller Zeiten. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen kollabierten mehrere regionale Stromnetze in Nordindien, ausgelöst durch Überlastung und unzureichende Koordination zwischen den Bundesstaaten. Schätzungen zufolge waren zeitweise mehr als 600 Millionen Menschen ohne Strom, fast die Hälfte der indischen Bevölkerung. Zugverkehr, Krankenhäuser und die Wasserversorgung waren tagelang beeinträchtigt.
Winter-Blackout in Texas (2021)
Ein außergewöhnlicher Wintersturm legte im Februar 2021 große Teile des texanischen Stromnetzes lahm. Kraftwerke und Gasleitungen waren nicht auf extreme Kälte ausgelegt und fielen reihenweise aus. Millionen Haushalte blieben bei Minusgraden tagelang ohne Heizung und Strom, mehrere Hundert Menschen starben in der Folge. Der Vorfall verdeutlichte, wie verwundbar ein isoliertes Stromnetz wie das von Texas gegenüber Extremwetter sein kann.
Blackout in Berlin (Januar 2026)
Ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Teltowkanal beim Heizkraftwerk Lichterfelde verursachte am 3. Januar 2026 einen großflächigen Stromausfall im Berliner Südwesten. Betroffen waren die Ortsteile Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde mit rund 45.000 Haushalten. Zeitweise waren bis zu 100.000 Menschen ohne Strom und Heizung. Der über 4,5 Tage andauernde Ausfall bei winterlichen Temperaturen gilt als der längste Stromausfall der Stadt seit 1945. Eine der linksextremen „Vulkangruppen“ bekannte sich zu der Tat. Eine anschließend eingesetzte Expertenkommission stellte erhebliche Lücken in Berlins Krisenvorsorge fest.
Definitionen und Begriffserklärungen zum Geheimplan gegen Stromausfälle der Bundesnetzagentur
Sicherheitsplattform Strom
Eine digitale Plattform der Bundesnetzagentur, über die sich große Industrieunternehmen registrieren müssen. Im Krisenfall kann der Staat darüber Verbrauchsdrosselungen anordnen.
Bundeslastverteiler
Die Rolle, die die Bundesnetzagentur im Ernstfall übernimmt. Sie verteilt die noch verfügbaren Strommengen nach staatlichen Vorgaben auf die Verbraucher.
Persistente Strommangellage
Ein Engpass in der Stromversorgung, der über mehrere Tage bis Wochen anhält.
Häufig gestellte Fragen zum Geheimplan gegen Stromausfälle der Bundesnetzagentur
Was ist die Sicherheitsplattform Strom?
Eine digitale Plattform der Bundesnetzagentur zur Steuerung des Stromverbrauchs großer Unternehmen in einer schweren Versorgungskrise.
Welche Unternehmen müssen sich registrieren?
Industriebetriebe mit einem Jahresstromverbrauch von mehr als acht Gigawattstunden fallen unter die Registrierungspflicht.
Wie viel Vorlaufzeit haben Unternehmen vor einer Abschaltung?
Der Staat kündigt eine mögliche Drosselung oder Abschaltung mit drei Tagen Vorlauf an. Die Maßnahme kann bis zu 24 Stunden dauern.
Warum hielt die Bundesnetzagentur die Pläne geheim?
Laut einem internen Papier sollte eine Veröffentlichung Verunsicherung in der Bevölkerung vermeiden. Öffentlich bestätigt wurden die Pläne erst nach Medienberichten.
Droht in Deutschland tatsächlich ein Blackout?
Die Bundesnetzagentur hält großflächige Störungen weiterhin für sehr unwahrscheinlich. Sie verweist aber auf eine reine Vorsorgemaßnahme angesichts absehbarer Kapazitätslücken ab 2028.