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Foto: Imagexphoto/Envato

Schimpansen kommunizieren wie Menschen – und kennen 380 Wörter

Schimpansen bilden Sätze mit grammatischen Regeln: Das haben Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie entdeckt.
  • Ein beobachtetes Schimpansenrudel in freier Wildbahn kommunizierte mithilfe zwölf unterschiedlicher Laute.
  • Aus diesen Lauten bildete das Rudel komplexe Kombinationen.
  • Die Forscher und Forscherinnen zählten 380 verschiedene Lautkombinationen.
  • Die Lautkombinationen wiesen eine erkennbare Struktur auf, die grammatikalischem Satzbau ähnelte.
  • Affen in Gefangenschaft kommunizieren kaum über Laute. Der Grund dafür ist noch nicht bekannt.

Schimpansen nutzen zwölf Laute unterschiedlicher Bedeutung

Die im Mai 2022 veröffentlichte Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie befasste sich mit der Kommunikation unter 46 wilden Schimpansen. Das Rudel bewohnt den Nationalpark Taï in der südwestlichen Elfenbeinküste. Insgesamt analysierten die Forschenden über 4800 Aufnahmen der Kommunikation der Tiere untereinander. Hierbei stellten sie fest, dass die beobachtete Gruppe Schimpansen zwölf verschiedene Ruftypen benutzte.

Die Forschenden beschrieben diese als ein Grunzen, ein keuchendes Grunzen, einen Ruf, einen keuchenden Ruf, ein Bellen, ein keuchendes Bellen, einen Schrei, einen keuchenden Schrei, ein Wimmern, ein keuchendes Brüllen, ein Lippenschmatzen und ein Prusten.

Die Bedeutung einiger der Laute ließ sich relativ leicht entschlüsseln. Wenn die Schimpansen fraßen, gaben sie meistens ein Grunzen von sich. Ein gekeuchtes Grunzen war oft zu hören, wenn die Schimpansen sich innerhalb des Rudels unterwürfig verhielten.

Schimpansen kombinierten Laute zu Bedeutungseinheiten

Die Forschenden des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie erkannten jedoch, dass die Schimpansen diese zwölf Laute kombinierten. Es gelang den Experten und Expertinnen, bestimmte Lautsequenzen in der Schimpansensprache zu identifizieren.

So bildeten die Schimpansen häufig Einheiten, die zwei Ruftypen miteinander kombinierten. In der Linguistik heißt eine Einheit aus zwei Bedeutungseinheiten Bigramm. Aus diesen Bigrammen bildeten die Tiere wiederum Sequenzen mit jeweils drei Bedeutungseinheiten. Diese werden in der Fachsprache Trigramme genannt.

Die Forscher zählten 380 verschiedene Lautkombinationen – und somit theoretisch ein Vokabular aus 380 Wörtern.

Kennt die Sprache der Schimpansen Grammatik und Syntax?

Zudem entdeckten die Forschenden, dass bestimmte Laute häufig an bestimmten Positionen auftraten. Keuchende Rufe traten etwa sehr oft an erster Stelle einer Sequenz aus zwei Lauten auf. Hierauf folgte häufig ein keuchender Schrei. Es boten sich somit Vergleiche mit grammatikalischen Satzregeln an.

Eine weitere Besonderheit der Kommunikation der 46 wilden Schimpansen: Obwohl sie zwölf unterschiedliche Laute beherrschen, kamen in jeder analysierten Sequenz nur maximal zehn verschiedene Laute vor. Als nächsten Schritt will das Forschungsteam die Bedeutung der Lautkombinationen tiefgehender zu analysieren.

Diese Fähigkeiten haben Schimpansen noch

Schimpansen erstaunen die Wissenschaft immer wieder. Viele Fähigkeiten, die lange Zeit nur dem Menschen zugeschrieben wurden, teilen wir mit ihnen. Kein Wunder – schließlich ähnelt ihre DNA der menschlichen zu 98 Prozent.

Schimpansen können Werkzeuge benutzen und herstellen

Der Mensch galt lange Zeit als das einzige Lebewesen, das Werkzeuge einsetzen kann. Im Jahr 1960 stellte sich diese Annahme dank der Forscherin Jane Godall als Trugschluss heraus. Inzwischen wissen wir, dass Schimpansen Schlaflager aus Ästen bauen, Blätter als Servietten und Schaufeln benutzen – und mehr.

Zudem kennen Schimpansen das Prinzip von Hammer und Amboss und setzen es ein, um Früchte zu öffnen und zu zerkleinern. Schimpansen in Senegal wurden zudem dabei beobachtet, wie sie Speere zur Jagd einsetzten.

Schimpansen können Zeichensprache lernen

1969 gelang es Allen und Beatrice Gardner von der Universität von Nevada, Reno, dem Schimpansen Washoe die US-amerikanische Zeichensprache beizubringen. Er erlernte insgesamt 250 Zeichen. Washoe erhielt später als Gefährten ein zehn Monate altes Jungtier namens Loulis. Washoe brachte diesem kurz darauf bei, auch mit Zeichensprache zu kommunizieren.

Hierauf folgten etliche ähnliche Experimente, wie der bekannte Fall des Schimpansen Nim Chimpsky. Dieser sollte lernen, sich grammatikalisch korrekt in Zeichensprache auszudrücken, was scheiterte. Nim erlernte immerhin 125 Zeichen. Bis heute ist umstritten, ob Schimpansen die Bedeutung der gelernten Zeichen wirklich verstehen.

Schimpansen teilen Futter und tauschen Fleisch gegen Sex

Forscher und Forscherinnen beobachteten, dass freilebende Schimpansen ihre Nahrung mit ihren Freunden teilen. Denn auch Schimpansen kennen Freunde und Feinde und belohnen Mitglieder ihres Rudels, die ihnen Gefallen getan haben. Das Teilen von Futter in der Gruppe stärkt den Zusammenhalt, weil die Tiere dabei das Kuschelhormon Oxytocin produzieren. Auch bei Jagdbeute sind Schimpansen sehr demokratisch und teilen diese unter den an der Jagd beteiligten Tieren auf.

Außerdem fand man heraus, dass Schimpansen bei ihren bevorzugten Fortpflanzungspartnern Nahrung – mit Vorliebe Fleisch – gegen Geschlechtsverkehr tauschen. Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie verdoppelten Männchen, die ihre Nahrung teilten, ihre Chance auf eine Paarung.

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