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Geschwätziger Geheimdienst – warum Englands Spione in Redelaune sind

Gute Propaganda vs. böse Propaganda

Englischer Geheimdienst in Redelaune: Ein Mann mit Krawatte bei einer Pressekonferenz

„Es ist unglaublich. Eben habe ich noch hochgeheimes Material auf meinem Schreibtisch, kurze Zeit später weiß es die ganze Welt.“ So äußerte sich vor kurzem ein britischer Spion gegenüber der BBC. Diese Aussage beschreibt treffend, was wir jeden Tag seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erleben.

Von Johannes Schaack

Englischer Geheimdienst in Redelaune: Ein Mann mit Krawatte bei einer Pressekonferenz
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England scheint verstanden zu haben, dass Geheiminformationen zu horten, nicht mehr zeitgemäß ist.

Vom Geheimniskrämer plötzlich zur Social-Media-Autorität

Nie zuvor in der Geschichte des traditionsreichen britischen Geheimdienstes wurden der Öffentlichkeit so viele Informationen zur Verfügung gestellt. Es scheint, als ob die Öffentlichkeit die Frauen und Männer des ansonsten im Schatten agierenden Geheimdienstes derzeit in Londons Pubs zu lockeren Spionage-Talks treffen könnte.

Der britische Geheimdienst scheint regelrecht eine Glasfaser-Standleitung in die angegriffene Ukraine zu betreiben, die hinter die Linien der russischen Armee reicht. Egal, ob es um Schwachstellen der russischen Luftwaffe oder personelle Veränderungen in Putins Generalstab geht. Fast kein Tag vergeht, ohne dass wir scheinbar taktisch wichtige Frontinformationen erhalten.

Früher hätte die Organisation diese Informationen konsequent für sich behalten. Was ist der Grund für dieses plötzliche Umdenken?

Der britische Geheimdienst hat eine traditionsreiche Geschichte – und spielt international ganz vorne mit

  • Der britische Auslandsgeheimdienst (SIS) wurde 1909 gegründet. Er existiert somit länger als CIA, KGB und BND.
  • Eine talentierte SIS-Einheit aus jungen Frauen knackte den Code der Enigma-Maschine, mit der die Nazis ihre Kommunikation im 2. Weltkrieg verschlüsselten.
  • Das auf diese Weise gewonnene Wissen ermöglichte den Alliierten die Durchführung des D-Day in der Normandie. Hier gelang es ihnen, die Kampfkraft von Nazi-Deutschland massiv zu schwächen.
  • 1974 gelang es dem SIS, ein hochrangiges KGB-Mitglied als Doppelagenten zu verpflichten. Der SIS bekam somit einen tiefen Einblick in die Geschehnisse hinter dem Eisernen Vorhang.
  • Die britische Zentrale für Regierungskommunikation (GCHQ) wirkte zentral bei globalen Spionagenetzwerken wie Echelon und Lauschangriffen wie Tempora und Prism mit.
  • Einige frühe Mitarbeiter des Secret Intelligence Service dienten Ian Fleming als Inspiration für Figuren aus „James Bond“.

Der weltweit bekannteste britische Geheimdienst ist der Secret Intelligence Service (SIS). Er ist der Auslandsgeheimdienst Großbritanniens. Er agiert im Interesse des Vereinigten Königreichs mit seinem Agentennetzwerk weltweit.

Der SIS ist auch oft unter der Bezeichnung MI6 bekannt. Diese Abkürzung steht für „Military Intelligence, Section 6“. Der Hauptsitz der Organisation ist in London. Dieser Organisation gehört James Bond in den Filmen und Büchern an.

Daneben besitzt England noch zwei weitere Geheimdienste:

  • Security Service, auch genannt MI5: der britische Innengeheimdienst. Dieser hat die Aufgabe, Großbritannien gegen Angriffe von außen zu schützen
  • GCHQ: die Zentrale für Regierungskommunikation, die für digitale Geheimdienstinformationen zuständig ist.

Warum die neue Mitteilsamkeit?

So ungewöhnlich die neue Strategie des SIS für einen Geheimdienst auch sein mag: Sie scheint Erfolg zu haben. Die regelmäßigen Tweets und Enthüllungen sorgen weltweit für Aufsehen und scheinen hervorragend in unser Social-Media-Zeitalter zu passen. Und dass ein Hang zu unorthodoxen Methoden und Exzentrik zu der DNA des britischen Geheimdienstes gehört, beweist die traditionsreiche Organisation bereits seit über 100 Jahren.

Der SIS benutzte schon in seinen Anfangstagen unkonventionelle Methoden – mit Erfolg

Um besser im Verborgenen zu agieren, meldete der erste Leiter des SIS eine Briefkastenfirma an. Er kam aus der Marine und besaß ein Holzbein. Augenzeugen zufolge rammte er in Gesprächen mit neuen Rekruten sein Taschenmesser in das Holz und studierte die Reaktion des Gegenübers. Er unterschrieb mit einem C in grüner Tinte und diente Ian Fleming als direkte Vorlage für James Bonds Vorgesetzen M.

Ein weiteres frühes Mitglied des SIS besaß angeblich einen Ring mit einem besonders schnell wirkenden Gift aus Peru und eine Krawattennadel mit eingebauter Kamera. Damit ist der Fundus kurioser Anekdoten aus der Geschichte des SIS noch längst nicht erschöpft. Und trotz aller Exzentrik stellte sich Erfolg ein: Bereits Anfang der 1930er-Jahre besaß die Organisation ein weltweites Netzwerk aus Spionage-Profis.

Schlägt der britische Geheimdienst gerade Russland mit seinen eigenen Waffen?

Beweist der traditionsreiche SIS somit erneut seinen Hang dazu, im richtigen Moment die richtigen Regeln zu brechen? Oder steckt mehr hinter der neuen Mitteilungsfreude der Organisation? Wer einen Blick in die jüngere Vergangenheit wirft, kann sich schnell ein Bild machen.

Anfang 2014 annektierte Russland die ukrainische Halbinsel Krim und rechtfertigte seine brutale Militäraktion mithilfe einer bisher nie dagewesenen Propagandawelle. Die weltweit verbreiteten Falschmeldungen reichten von einem angeblichen Sturz des damaligen ukrainischen Präsidenten durch Rechtsextreme bis zu der angeblichen Absicht, Russen in der Krim vor Nazis zu schützen.

Es gelang Russland scheinbar mühelos, die internationale Kommunikation in sozialen Netzwerken mit seiner Propagandamaschine zu dominieren und jeden Dissens zu verdrängen.

Lange Zeit war die russische Online-Propagandamaschine kaum zu schlagen

Der Westen schien völlig unvorbereitet und schaffte es nicht mehr, entgegenzusteuern. Autor und Journalist Sascha Lobo schlussfolgerte in einer Spiegel-Kolumne vor vier Jahren, dass dem Westen weiterhin ein passendes Gegenmittel gegen Putins Propaganda fehlt. Genau ein ebensolches scheint der britische Geheimdienst nun gefunden zu haben.

Eine aktuelle Aussage von Jonathan Eyal, stellvertretender Direktor der Denkfabrik für Verteidigung RUSI aus London, wirkt in diesem Zusammenhang besonders aussagekräftig: „Das Besondere an diesem Krieg ist, dass wir die Informationslandschaft von Anfang an dominiert haben“, wird Eyal in einem Interview mit der Washington Post zitiert. „Wir tun es, um jegliche Propaganda der Russen zu verdrängen“, fügt er später noch hinzu.

Wer die Informationen hat, hat auch die Macht

Wie effektiv die Veröffentlichung sensibler Daten im Netz zur Rufschädigung ist, weiß jedes Opfer von Doxing oder Cybermobbing. Und der Englische Geheimdienst hat gezeigt, dass er es inzwischen auch weiß. Russland ist öffentlich bloßgestellt, wird immer wieder in Zugzwang gebracht.

England hat verstanden, dass Geheiminformationen zu horten, im Grunde nicht mehr zeitgemäß ist. Vielmehr lässt sich oft aufseiten des Gegners viel mehr Schaden anrichten, wenn kompromittierende Informationen so viele Menschen wie möglich erreichen.

Wo hören Enthüllungen auf und fängt Propaganda an?

Mit einem zynischen Blickwinkel könnten wir England somit vorwerfen, seine eigene Art von Propaganda zu betreiben. Allerdings positioniert sich der britische Geheimdienst mit seinen Methoden direkt gegen einen brutalen Kriegsverbrecher – und erhält somit einen Freibrief. SIS und Co. scheinen somit den perfekten Beweis geliefert zu haben, dass es auch gute Propaganda und böse Propaganda zu geben scheint.

Warum keine Informationen über die Strategien der Ukraine? Warum hält sich die CIA so bedeckt?

Seien wir ehrlich: Ginge es England wirklich um das Zugänglichmachen von Geheiminformationen für die ganze Welt, müsste sein Geheimdienst auch über die nächsten Schachzüge von Wolodymyr Selenskyj und seinem Verteidigungsminister Olexij Resnikow berichten. Dass die britischen Social-Media-Spione darauf konsequent verzichten, spricht eine deutliche Sprache.

Tragen diese Methoden tatsächlich dazu bei, den Krieg zu beenden, ist es sicherlich leichter, diese Kröte zu schlucken. Im schlimmsten Fall könnte der neue Kurs der britischen Social-Media-Spione jedoch auch neue Propaganda-Munition gegen den Westen liefern.

Der Schuster bleibt freiwillig bei seinen Leisten

Zudem fällt auf, dass sich die sonst so mitteilungsfreudige CIA vergleichsweise bedeckt hält. Es scheint fast so, als hätte Großbritannien die Anweisung erhalten, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und das, während die CIA sich zurückhält, um die prekäre Beziehung zwischen den USA und Russland nicht noch weiter zu belasten.

Eins steht fest: Whistleblower werden durch den neuen Kurs des britischen Geheimdienstes noch lange nicht überflüssig gemacht. Und Ambitionen, die Pressestelle der NATO zu werden, scheinen die britischen Spione ebenso wenig zu besitzen. Denn wenn wir ein wenig zwischen den Zeilen lesen, beweisen SIS, GCHQ und Co. einmal mehr, dass sie schlicht nicht aus ihrer Haut können.

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