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Was ist eine Vergesellschaftung von Wohnraum?

Foto: Envato / High-Fliers

Was ist eine Vergesellschaftung von Wohnraum?

Der Wahlsieg der Linkspartei in Berlin bringt ein altes Streitthema zurück auf die Tagesordnung: Sollen private Konzerne ihre Wohnungen an die Stadt abgeben müssen? Diese Frage betrifft Millionen Mieterinnen und Mieter sowie einen der größten Immobilienkonzerne Europas.

Was bedeutet Vergesellschaftung von Wohnraum?

Bei einer Vergesellschaftung gehen private Unternehmen in staatliches oder gemeinschaftliches Eigentum über. Im Gegensatz zur klassischen Enteignung betrifft dies jedoch nicht einzelne Fälle, sondern ganze Branchen oder Marktsegmente.

Dieser Schritt ist im Grundgesetz in Artikel 15 geregelt. Demnach können Grund und Boden, Naturschätze sowie Produktionsmittel per Gesetz in Gemeineigentum überführt werden. Dieses Gesetz muss auch die Art und Höhe der Entschädigung festlegen.

Allerdings: Im Gegensatz zu einer Enteignung (definiert als ein staatlich angeordneter  Entzug von Eigentum gegen eine Entschädigung gemäß Artikel 14 Grundgesetz) muss sich diese Entschädigung nicht am vollen Marktwert orientieren.

Bereits 2021 sprach sich ein Volksentscheid für eine Vergesellschaftung aus

Ein Volksentscheid in Berlin aus dem Jahr 2021, der sich eindeutig für die Vergesellschaftung von Wohnraum aussprach, blieb lange ohne Folgen. Erst im März 2026 beschloss das Abgeordnetenhaus ein Rahmengesetz zur Vergesellschaftung. Dieses soll allerdings frühestens 2028 in Kraft treten und muss zuvor vom Verfassungsgericht geprüft werden. Durch den erneuten Wahlsieg der Linken rückt das Thema nun deutlich näher an die Umsetzung.

Der vielkritisierte Vonovia-Konzern steht im Zentrum der Debatte

Der Bochumer Konzern besitzt in Berlin rund 138.000 Wohnungen mit einem Immobilienwert von etwa 23,2 Milliarden Euro. Kein anderer privater Vermieter in der Stadt kommt annähernd an diese Größenordnung heran.

Eine interne Umfrage im Auftrag von Vonovia selbst zeigte im Februar 2026, dass 56 Prozent der Berliner Bevölkerung eine Vergesellschaftung befürworten. Vonovia hielt diese Ergebnisse zunächst zurück und bestätigte sie erst auf Nachfrage von Medien. Vonovia-Chef Luka Mucic bezweifelt öffentlich, dass eine Vergesellschaftung die Wohnungskrise löst, und plädiert stattdessen für bessere Rahmenbedingungen für Neubau.

Wie viel würde eine Vergesellschaftung kosten?

Der Berliner Senat schätzt die notwendigen Entschädigungszahlungen auf 29 bis 39 Milliarden Euro. Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ geht hingegen von 8 bis 11 Milliarden Euro aus.

Die endgültige Entschädigungshöhe hängt letztlich von einem noch zu schaffenden Vergesellschaftungsgesetz ab. Solange es dieses Gesetz nicht gibt, bleibt jede Kostenschätzung eine grobe Annäherung.

Zum Vergleich: Die landeseigene Wohnungsgesellschaft HOWOGE zahlte 2024 für ein Portfolio von 4500 Wohnungen von Vonovia rund 700 Millionen Euro, also etwa 155.000 Euro pro Wohnung.

Kritiker sehen erhebliche finanzielle Risiken

Der Bankenverband Deutsche Kreditwirtschaft warnte eindringlich vor den Plänen. Eine Vergesellschaftung mit Entschädigung unter Marktwert schaffe keinen zusätzlichen Wohnraum und belaste stattdessen den öffentlichen Haushalt, etwa in den Bereichen Bildung und Soziales.

Gibt es Alternativen zur Vergesellschaftung für mehr bezahlbaren Wohnraum?

DIW-Wohnungsmarktforscher Konstantin Kholodilin verweist auf zwei naheliegende Wege: Das Land könnte den eigenen Wohnungsbau ausweiten und Wohnungsgenossenschaften stärker fördern. Beide Maßnahmen erhöhen den Anteil landeseigener Wohnungen, ohne die rechtlichen und finanziellen Risiken einer Vergesellschaftung einzugehen.

Zudem macht Kholodilin auf ein wichtiges Detail aufmerksam: Die geplante Anstalt öffentlichen Rechts würde die Ankaufskredite über Bürgschaften der Stadt absichern. Im Falle von Zahlungsproblemen müssten letztlich die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler einspringen.

CDU und CSU gingen auf Konfrontationskurs

Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz ein Bundesgesetz gegen die Enteignung von Wohnungsunternehmen an. Dabei gehe es ihm auch um ein Signal an internationale Investoren, dass Deutschland privates Eigentum schützt.

Generalsekretär Martin Huber bezeichnete die Vergesellschaftungspläne als Gefahr für den gesamten Wohnungsmarkt und forderte eine rasche Umsetzung des im Koalitionsausschuss vereinbarten Verbots. Damit steht am Ende ein Machtkonflikt zwischen Landes- und Bundesebene, dessen Ausgang über die Zukunft von Millionen Mietwohnungen entscheidet.

Definitionen und Begriffserklärung zur Vergesellschaftung von Wohnraum

Vergesellschaftung

Überführung ganzer Wirtschaftszweige oder Unternehmen in Gemeineigentum, geregelt in Artikel 15 des Grundgesetzes. Die Entschädigung muss dabei nicht dem vollen Marktwert entsprechen.

Anstalt öffentlichen Rechts

Eine staatliche Organisationsform, die ihr Vermögen und ihre Aufgaben eigenständig verwaltet. Die Berliner Linke möchte eine solche Anstalt gründen, um vergesellschaftete Wohnungen zu übernehmen.

Deutsche Kreditwirtschaft (DK)

Der gemeinsame Dachverband der deutschen Bankenverbände. Er vertritt die Interessen der Kreditwirtschaft gegenüber Politik und Öffentlichkeit und äußert sich regelmäßig zu wirtschaftspolitischen Vorhaben.

Kurzantworten zur Vergesellschaftung von Wohnraum

Was bedeutet Vergesellschaftung von Wohnraum?

Die Vergesellschaftung von Wohnraum bedeutet, dass private Wohnungskonzerne per Gesetz in staatliches Eigentum überführt werden. Dies ist in Artikel 15 des Grundgesetzes verankert.

Wie viele Wohnungen besitzt Vonovia?

Vonovia besitzt in Berlin rund 138.000 Wohnungen im Wert von etwa 23,2 Milliarden Euro und gilt als zentraler Fall der Debatte.

Wie viel kostet eine Vergesellschaftung?

Die Kostenschätzungen für eine Vergesellschaftung reichen von 8 Milliarden Euro (Initiative) bis 39 Milliarden Euro (Berliner Senat).

Häufig gestellte Fragen zur Vergesellschaftung von Wohnraum

Ist Vergesellschaftung dasselbe wie Enteignung?

Nein, beide Maßnahmen beziehen sich auf unterschiedliche Artikel des Grundgesetzes. Die Enteignung nach Artikel 14 betrifft Einzelfälle und verlangt eine volle Entschädigung. Die Vergesellschaftung nach Artikel 15 betrifft hingegen ganze Branchen und erlaubt eine Entschädigung unter Marktwert.

Was ist besonders am Immobilienunternehmen Vonovia?

Mit rund 138.000 Wohnungen ist Vonovia der größte private Vermieter Berlins. Der zweitgrößte Anbieter, Heimstaden Germany, besitzt dagegen nur etwa 20.000 Wohnungen in der Stadt.

Wann könnte die Vergesellschaftung von Wohnraum tatsächlich beginnen?

Das Berliner Rahmengesetz vom März 2026 sieht ein Inkrafttreten frühestens im Jahr 2028 vor, sofern es zuvor einer Prüfung durch das Verfassungsgericht unterzogen wurde.

Würden die Mieten durch eine Vergesellschaftung sinken?

Das hängt vom Kaufpreis ab. Bei einer Entschädigung deutlich unter Marktwert könnten die Mieten sinken. Laut DIW-Forscher Kholodilin drohen bei einem Erwerb zu Marktpreisen sogar Mieterhöhungen, um die Kredite der Anstalt öffentlichen Rechts zu finanzieren.

Will die Bundesregierung Vergesellschaftungen verhindern?

Bundeskanzler Merz kündigte ein Bundesgesetz gegen die Enteignung von Wohnungsunternehmen an. Auch die CSU drängt auf eine schnelle bundesweite Regelung.

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