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Weltfrauentag

Wie Utako Okamotos Erfindung tausende Frauen rettete

Die verkannte Forscherin Utako Okamoto

Utako Okamoto jung schwarz-weiß

Am Internationalen Frauentag blickt Welt der Wunder in die Biographie einer Medizinerin, die ihre Forschung den Frauen widmete. Utako Okamotos Entdeckung hat zahlreiche Leben gerettet. Von ihrem Erfolg erfuhr Okamoto allerdings nie.

Utako Okamoto jung schwarz-weiß
Keiko5155, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Forscherin und Medizinerin Utako Okamoto während ihrer Zeit in Kobe.

Das eigene Blut für die Forschung

Viele kennen die Geschichte von Marie Curie: Sie entdeckte die Radioaktivität, erhielt als erste Frau in Europa eine Professur und zwei Nobelpreise – einen für Physik und einen für Chemie. Eine Frau, die Geschichte schrieb. Nicht, weil sie eine Frau war, sondern obwohl sie eine Frau war. Doch vor und nach Marie Curie gab es zahlreiche Wissenschaftlerinnen, deren Namen wir nicht kennen. Ihre Erfindungen brachten uns Innovationen, große Erkenntnisse und retteten Leben.

Eine davon ist Utako Okamoto. Sie wurde 1918 in Tokio geboren. Obwohl sie zunächst Zahnmedizin studierte, wechselte Okamoto nach kurzer Zeit zur Humanmedizin an die Tokioer Medizinuniversität für Frauen. Direkt nach dem Studium konzentrierte sich ihre Forschung auf das menschliche Kleinhirn. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Ressourcen in Japan knapp. Daher richteten Utako und ihr Ehemann Shosuke Okamoto ihren Forschungsschwerpunkt auf Blut. In einem Interview erklärte sie, dass sie und ihr Mann notfalls auch ihr eigenes Blut für die Forschung verwenden konnten. Denn für aufwendige Untersuchungen an Tieren fehlten die Mittel.

Ein Heilmittel für Frauen nach der Geburt

Das Forscherpaar suchte nach einem Mittel, um postpartale Blutungen zu stoppen. Denn starke Blutungen nach der Geburt sind die häufigste Ursache für Müttersterblichkeit. In ärmeren Ländern sterben jährlich rund 125.000 Frauen nach der Geburt an Komplikationen durch Blutungen. In den 1960er Jahren entdeckte das Forscherpaar eine Substanz namens Trans-4-(Aminomethyl)cyclohexan-1-carbonsäure, kurz Tranexamsäure. „Wir wussten, dass Blut unter bestimmten Bedingungen gerinnt, und wenn es einmal geronnen ist, wird es wieder flüssig. Wir dachten, das liegt wahrscheinlich an einer Art Enzym,“ so Okamoto in einem Interview mit Ian Roberts. Okamoto versuchte jahrzehntelang das medizinische Personal in der Geburtshilfe-Fakultät in Kobe, Japan, zu einer Studie an Tranexamsäure zu bewegen. Sie glaubte daran, dass Tranexamsäure helfen könnte, exzessive Blutungen zu stoppen, indem es die Blutgerinnung fördert. Sie erhielt jedoch nie die notwendigen finanziellen Mittel, um ihre Erkenntnisse mittels einer Studie beweisen zu können. Als sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentieren wollte, wurde die Forscherin nicht ernst genommen. „Sie sahen mich mit großer Verwunderung an“, erzählt Okamoto im Interview mit Ian Roberts. „Die Leute  dachten, ich würde für sie tanzen.“

Für Frauen und Kinder nicht erlaubt

Bei einer pädiatrischen Konferenz wurden Okamoto und eine Kollegin vor die Türe gesetzt, weil der Vorsitzende die Ansicht vertrat, dass die Anwesenheit von Frauen und Kindern nicht erlaubt sein sollten. Auch während ihrer Tätigkeit an der Keio Universität hatte sie als Frau und Mutter Schwierigkeiten. Es gab damals keine Kindertagesstätte, weshalb Okamoto im Labor ihre Tochter immer auf dem Rücken tragen musste. Gleichzeitig erzählt sie, dass sie wesentlich mehr Stunden arbeiten musste als die Männer, um sich zu beweisen.

"Ich frage mich nur, warum das vorher niemand getan hat"

Fast 50 Jahre nach der Entdeckung von Tranexamsäure als günstiges und effektives Mittel gegen Blutungen, wurde dessen Wirkung bei Traumapatientinnen und -patienten belegt. Der britische Forscher Ian Roberts interessierte sich für den Wirkstoff und testete diesen durch eine groß angelegte randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie. Roberts war so inspiriert von der Geschichte Okamotos, dass er die damals 92-Jährige in Japan besuchte und interviewte. Roberts erzählte ihr darin von einer zweiten Studie mit Tranexamsäure bei postpartalen Blutungen. „Es wird wirken. Ich kenne das Ergebnis, ohne die Studie geleitet zu haben,“ sagte die Wissenschaftlerin. „Ich hoffe die Forschung geht weiter. Ich frage mich nur, warum das vorher niemand getan hat.“ Roberts zweite Studie wurde 2017 veröffentlicht und Okamoto behielt recht. Die Todesrate war bei Frauen, die mit Tranexamsäure behandelt wurden, wesentlich niedriger. Doch den Erfolg ihrer Theorie konnte Okamoto nicht mehr erleben. Sie starb bereits im Jahr 2016.

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