Welt der Wunder

Nicht glauben, sondern wissen

Beim Erforschen des Schlafwandelns hat die Wissenschaft inzwischen einige Antworten. Aber immer noch etliche Fragen.

Foto: Envato / twenty20photos

Warum schlafwandeln Menschen?

Die Gründe sind noch ein Rätsel. Fest steht nur, dass beim Schlafwandeln manche Bereiche des Gehirns erwachen, während der Rest noch schläft.

Unbewusste Abläufe im Gehirn sorgen dafür, dass Schlafwandler während ihrer Ruhephase wiederholt Bewegungen ausführen. Sie stehen auf, spazieren durch die Wohnung oder verlassen sogar das Haus. Am nächsten Morgen können sie sich an nichts erinnern. Wie kann so etwas geschehen?

Wie kommt es zum Schlafwandeln?

Medizinisch gesehen ist Schlafwandeln eine Parasonmie – eine auffällige Verhaltensweise während des Schlafs. Dabei kennt die Medizin

  • REM-Parasomnien, die während des Traumstadiums vorkommen
  • Non-REM-Parasomnien, die während der Schlafphasen ohne Träume vorkommen

Das Schlafwandeln gehört zur Gruppe der Non-REM-Parasomnien. Es tritt auf, weil das Gehirn von Schlafwandlern während ihrer traumlosen Tiefschlafphase motorische Programme aufruft.

Die frühe Wissenschaft nahm an, dass Schlafwandler mondsüchtig sind und sich im Schlaf zur nächsten Lichtquelle bewegen wollen. Am liebsten zum Vollmond. Diese Vorstellung gilt längst als widerlegt.

Das Gehirn befindet sich im Halbschlaf

Dennoch sind die Gründe für das Schlafwandeln auch heute noch ein medizinisches Rätsel, bei dessen Lösung die Wissenschaft noch am Anfang steht. Als erwiesen gilt, dass beim Schlafwandeln bestimmte Bereiche des Gehirns erwachen, während der Rest noch schläft.

Schlafwandeln: Die gängigen Theorien

Noch nicht vollständig ausgebildete Gehirnregionen bei Kindern

Die Wissenschaft schätzt, dass 15 bis 30 Prozent aller Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren hin und wieder nachts umherirren. Drei bis vier Prozent schlafwandeln häufiger.

Zahlreiche Studien, in denen die Hirnaktivität von schlafwandelnden Kindern und Jugendlichen mithilfe von Hirnelektroden gemessen wurde, hatten folgendes Ergebnis:

  • Die Bereiche des Gehirns, die für die Bewegung zuständig sind, waren so aktiv wie im Wachzustand.
  • Die Teile des Gehirns, die das Speichern von Erinnerungen oder die Interaktion mit der Umwelt steuern, verhielten sich so, wie im Schlaf.

Das erklärte auch, weshalb sich Schlafwandler zwar bewegen, aber oft nicht ansprechbar sind – und sich nach dem Aufwachen an nichts erinnern. Hieraus entstand die Theorie, dass die bei Kindern nicht vollständig ausgebildeten Synapsen und Verbindungen im Gehirn das Schlafwandeln begünstigen.

Zu leichter Tiefschlaf

Ein weiterer Erklärungsansatz ist, dass die Tiefschlafphase bei Schlafwandlern störungsanfälliger und weniger stabil ist, sodass sie empfindlicher auf Reize aller Art reagieren – von Geräuschen bis auf Lichtreize. Das erklärt möglicherweise, dass Außenreize bei ihnen bestimmte Bereiche des Gehirns wecken, während die verbleibenden noch ruhen.

Alkohol und bestimmte Medikamente

Im Erwachsenenalter soll Schlafwandel oft mit Stress, seelischen Belastungen oder Schlafmangel einhergehen. Auch übermäßiger Alkoholkonsum und bestimmte Medikamente gelten inzwischen als Auslöser. Allerdings schlafwandeln nur 1,5 bis 2,5 Prozent aller Erwachsenen.

Schlafwandeln gilt als vererbbar. Neigt ein Elternteil zum Schlafwandeln, wird diese Veranlagung mit 45-prozentiger Wahrscheinlichkeit an die Kinder weitergegeben. Sind beide Eltern Schlafwandler, steigt diese Wahrscheinlichkeit auf 60 Prozent.

Ist Schlafwandeln gefährlich?

Generell gilt das Verletzungsrisiko als die größte Gefahr für Schlafwandler. Obwohl manche Schlafwandler auch komplexe Bewegungen ausführen können, ist ihre Wahrnehmung der Umwelt immer noch eingeschränkt. Neigen Sie oder ein Mensch in Ihrem Haushalt zum Schlafwandeln, sollten Sie die Wohnung absichern.

So machen Sie die Wohnung schlafwandelsicher

  • Schließen Sie die Wohnung sicher ab.
  • Schließen Sie Räume mit Stolperfallen ab.
  • Bewahren Sie die Schlüssel an einem sicheren Ort auf.
  • Räumen Sie Möbel mit spitzen Kanten sowie zerbrechliche Gegenstände aus dem Weg.
  • Befestigen Sie Regale an den Wänden, damit der Schlafwandelnde sie nicht umwerfen kann.

Falls sich das Schlafwandeln trotz aller Vorsichtsmaßnahmen negativ auf die Gesundheit auswirkt, sollte der Betroffene sich neurologisch untersuchen lassen.

Schlafwandler wecken: Ja oder Nein?

Die Schlafforschung rät generell davon ab, Schlafwandler aufzuwecken. Sie könnten sich erschrecken sowie verwirrt oder sogar aggressiv reagieren. Nehmen Sie Betroffene stattdessen sanft an die Hand und führen Sie sie vorsichtig zurück ins Bett.

Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen

Bis heute sind die Gründe für das Schlafwandeln noch unzureichend erforscht. Zwar ergibt der Großteil der Versuche im Schlaflabor weiterhin, dass bei Schlafwandlern überwiegend die Gehirnregion aktiv sind, die motorische Abläufe steuern. Laut Max-Planck-Institut sollen jedoch manche Schlafwandler auch in der Lage sein, im Schlaf weitgehend zusammenhängende Konversationen zu führen.

Schlafwandeln kurios

Zu diesen Leistungen sollen Schlafwandler laut Medienberichten fähig gewesen sein:

  • Türen aufschließen
  • Essen kochen
  • den Tisch decken
  • aus Fenstern klettern
  • verschiedene Geräte und Maschinen bedienen
  • in Fahrzeuge steigen und diese anlassen
  • essen – auch Dinge, die eigentlich nicht essbar sind.

Zudem finden sich immer wieder spektakuläre Fälle von im Schlaf verübten Gewalttaten in den Nachrichtenmedien: 2009 erwürgte der Waliser Brian Thomas seine Frau im Schlaf im gemeinsamen Wohnmobil. Er hielt sie für einen Eindringling.

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