Die Ergebnisse einer Studie mit 439.000 Teilnehmern
Ein chinesisches Forschungsteam hat Daten von 439.412 Personen aus der britischen Gesundheitsdatenbank UK Biobank ausgewertet. Die Teilnehmer gaben an, wie oft sie ihr Essen nachsalzen: nie, manchmal, meistens oder immer. Über eine Beobachtungszeit von durchschnittlich 12,7 Jahren registrierten die Forscher 18.678 Fälle von Depressionen und 22.017 Fälle von Angststörungen. Die Ergebnisse erschienen in dem renommierten Fachjournal Journal of Affective Disorders.
Nachsalzen erhöht das Depressionsrisiko in mehreren Stufen
Im Vergleich zu Menschen, die nie oder selten nachsalzen, erhöhte sich das Risiko für Depressionen bei gelegentlichem Nachsalzen um 8 Prozent. Bei häufigem Nachsalzen stieg das Risiko um 16 Prozent und bei ständigem Nachsalzen sogar um 37 Prozent. Bezüglich des Risikos von Angststörungen ergaben sich Werte mit einem Anstieg von bis zu 27 Prozent bei den stärksten Salzkonsumenten.
Wie hängen Salzkonsum und unsere Psyche biologisch zusammen?
Der Verzehr von Salz beeinflusst mehr als unseren Blutdruck. Inzwischen sind mehrere Mechanismen bekannt, über die sich eine salzreiche Ernährung auf das Gehirn auswirken kann. Diese Mechanismen sind bisher überwiegend aus Tierversuchen bekannt und werden aktuell weiter untersucht.
Wie Salz im Körper wirkt
Eine der drei bislang erforschten gesundheitlichen Auswirkungen von Salzverzehr betrifft die Stressachse des Körpers: Ein hoher Salzkonsum kann die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA- bzw. HHN-Achse), das zentrale neuroendokrine Stresssystem des Organismus, aktivieren. Wird diese Achse chronisch stimuliert, schüttet der Körper vermehrt Stresshormone wie Cortisol aus. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel steht im Verdacht, Stimmung, Schlaf und das allgemeine Wohlbefinden negativ zu beeinflussen und somit indirekt zur Entstehung depressiver Symptome beizutragen.
Ebenso kann die Aufnahme von Salz die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin beeinflussen. Diese spielen eine zentrale Rolle für Stimmung, Motivation und Antrieb. Salz scheint über verschiedene Signalwege Einfluss auf die Synthese, Ausschüttung oder Wiederaufnahme dieser Botenstoffe zu nehmen. Dadurch könnte ein Ungleichgewicht in diesen Systemen begünstigt werden.
Als dritter Risikofaktor sind durch hohen Salzkonsum begünstigte, leichte, aber anhaltende Entzündungen bekannt. Solche chronischen Entzündungsprozesse, die etwa in den Gefäßen oder im Immunsystem selbst auftreten können, werden zunehmend mit der Entstehung depressiver Erkrankungen in Verbindung gebracht. Der Grund dafür ist, dass entzündungsfördernde Botenstoffe (Zytokine) auch auf Hirnfunktionen und Neurotransmittersysteme einwirken können.
Beschleunigt ein hoher Salzkonsum sogar das biologische Altern?
Die Forscher berechneten zudem das chronologische und das biologische Alter der Teilnehmer mit den beiden wissenschaftlichen Methoden KDM-BA und PhenoAge. Probanden, die häufiger nachsalzten, wiesen im Durchschnitt ein höheres biologisches Alter auf, als es ihrem tatsächlichen Alter entsprach. Ein höheres biologisches Alter ging wiederum mit einem größeren Risiko für Depressionen und Angststörungen einher.
Wie viel Salz gilt als unbedenklich?
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen, nicht mehr als fünf Gramm Salz pro Tag zu sich zu nehmen. Das entspricht etwa einem gestrichenen Teelöffel. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung setzt die Grenze dagegen bei sechs Gramm. In der Praxis liegt der tatsächliche Konsum jedoch meist deutlich darüber.
Laut der Verbraucherzentrale nehmen Männer im Durchschnitt täglich rund 10 Gramm und Frauen etwa 8,4 Gramm Salz zu sich. Der Großteil dieser Menge stammt dabei nicht aus dem Salzstreuer, sondern aus verarbeiteten Lebensmitteln wie Brot, Wurst und Fertiggerichten. Wer zusätzlich nachsalzt, erhöht diese Menge noch einmal.
Wo liegen die Grenzen der Studie?
Die vorliegenden Ergebnisse stammen aus einer Beobachtungsstudie. Sie zeigen einen statistischen Zusammenhang zwischen zwei Faktoren, liefern aber keinen direkten Beweis für einen kausalen Zusammenhang. Es ist möglich, dass sich die Gewohnheiten von Menschen mit stärkerem Salzkonsum auch in anderen Punkten unterscheiden, etwa bei Ernährung, Bewegung oder dem generellen Stresslevel im Alltag.
Selbstauskünfte sind ungenauer als Messwerte
Die Angaben zum Nachsalzen basierten auf Selbstauskünften der Teilnehmer und nicht auf der gemessenen Natriumaufnahme. Wer selten nachsalzt, isst möglicherweise trotzdem stark salzhaltige Fertigprodukte und erreicht auf diese Weise eine hohe Gesamtmenge. Künftige Studien zum Thema mit messbaren biologischen Werten und einem stärker zufallsbasierten Aufbau sollen zeigen, ob tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang besteht.
Definitionen und Begriffserklärungen
Biologisches Alter
Ein Maß für den Zustand des Körpers auf Zellebene, berechnet aus Blutwerten und anderen Biomarkern. Es kann vom tatsächlichen, kalendarischen Alter abweichen.
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse
Ein zentrales Hormonsystem des Körpers, das die Stressreaktion steuert. Eine Überaktivierung dieser Achse wird mit verschiedenen psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Häufig gestellte Fragen zu Salz und Depressionsrisiko
Erhöht Salz das Depressionsrisiko?
In einer großen Studie basierend auf Daten der UK Biobank zeigte sich, dass Menschen, die häufig nachsalzen, ein um 37 Prozent höheres Depressionsrisiko haben als Menschen, die weniger Salz zu sich nehmen.
Wie viel Salz empfiehlt die WHO?
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen, nicht mehr als 5 Gramm Salz pro Tag zu sich zu nehmen. Dies entspricht etwa einem gestrichenen Teelöffel.
Beweist die Studie, dass Salz Depressionen verursacht?
Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang aus Beobachtungsdaten, keinen direkten Beweis für eine Ursache.
Wie wurde der Salzkonsum in der Studie gemessen?
Die Teilnehmer gaben selbst an, wie oft sie ihre Speise nachsalzen, in den Kategorien nie, manchmal, meistens und immer. Die tatsächliche Natriumaufnahme wurde nicht direkt gemessen.
Ist kompletter Verzicht auf Salz gesünder?
Nein, der Körper benötigt eine Grundmenge Salz für Nerven- und Muskelfunktion. Die geschätzte Mindestmenge liegt bei etwa 1,4 Gramm pro Tag, ein völliger Verzicht ist nicht sinnvoll.