Mythen und Geschichten

Wolfsmenschen: Was steckt hinter dem Mythos vom Werwolf?

Dass Menschen sich in Wölfe verwandeln, ist keine Erfindung Hollywoods. Bereits im Mittelalter kam es zu regelrechten Werwolf-Hysterien, tausende Beschuldigte starben auf dem Scheiterhaufen. Doch wie entstand der Mythos von der blutrünstigen Bestie?

© iStock/vukkostic

Bei Vollmond formen sich die Zähne zum Raubtiergebiss, das Gesicht wölbt sich zur Wolfsschnauze, ein haariger Pelz sprießt aus der glatten Haut: Die Vorstellung, dass Menschen Wolfsgestalt annehmen können, ist alt. Im Gilgamesch-Epos zum Beispiel wird ein Schäfer von der Göttin Ishtar in einen Wolf verwandelt. Und in der griechischen Mythologie tut der Göttervater Zeus dem arkadischen König Lykaon dasselbe an. Auch war es bei den Skythen, einem nördlich des Schwarzes Meeres lebenden Reitervolk, Brauch, sich bei kultischen Festen ein Wolfsfell umzuhängen und so mit einem wolfsgestaltigen Gott zu vereinen.

Tausende wurden als Werwölfe verbrannt

Auch im mittelalterlichen Europa war der Glaube an Werwölfe weit verbreitet. Was die Frühe Neuzeit betrifft, müssen die Ungeheuer auf dem ganzen Kontinent ihr Unwesen getrieben haben – zumindest wenn man den Inquisitoren und Gelehrten der Zeit Glauben schenkt. Tausende Männer brachte die Anschuldigung, ein Werwolf zu sein, auf den Scheiterhaufen.

Wie sich aus alten Akten und Berichten herauslesen lässt, galten vor allem Außenseiter der Dorfgemeinschaft als potentielle Werwölfe. Das zeigt zum Beispiel der Fall des Viehhirten Johann Huke aus dem frühen 17. Jahrhundert. Der Eigenbrötler hatte nicht nur die Funktion eines Tierarztes, ihm wurden auch magische Kräfte zugeschrieben, so dass die Bauern ihr Vieh zum Schutz vor Wölfen von ihm segnen ließen. Als der Wolfsbann einmal versagte, beschuldigte der betroffene Bauer den Hirten, als Werwolf sein Schaf gerissen zu haben – was dieser unter der Folter auch gestand. Wie tausend andere angebliche Werwölfe wurde Johann Huke auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Das Rätsel um die „Bestie von Gévaudan“

Mehr als hundert Jahre später erlangte ein anderer Fall grausige Berühmtheit, von dem auch der Kinofilm „Pakt der Wölfe“ handelt: Der so genannten Bestie von Gévaudan fielen im Süden Frankreichs zwischen 1764 und 1767 mehr als hundert Menschen zum Opfer. Nur wenige, die sie zu Gesicht bekamen, überlebten. Schon bald machten bei den Bauern im Land Gerüchte über einen blutrünstigen Werwolf die Runde.

Merkwürdigerweise wiesen die Opfer nun nicht nur Bisswunden auf – ihnen waren auch die Kehlen durchgeschnitten worden. Trieb hier also ein Serienmörder sein Unwesen, der gemeinsam mit einem Raubtier auf die Jagd ging? Nach dreijährigem Morden soll die Bestie endlich erlegt worden sein. Aufgrund zeitgenössischer Beschreibungen glauben Wissenschaftler heute, dass es sich um einen Mischling aus Wolf und Dogge handelte. Was auch die enorme Kraft und Aggressivität des Tieres erklären würde. Endgültig geklärt wurde das Rätsel um die Bestie von Gévaudan aber nie.
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Wölfe zogen Menschenkinder auf

Doch wie kam es, dass so oft die Verbindung zwischen Mensch und Wolf hergestellt wurde – und nicht die mit irgendeinem anderen Tier? Ein Grund dürfte sicherlich sein, dass das soziale Verhalten der Wölfe demjenigen der Menschen ähnelt. Bei beiden gibt es kleinfamiliäre Strukturen, Alpha-Tiere sowie klare Hierarchien. Im Notfall helfen sich Gruppenmitglieder gegenseitig, betreuen die Kinder gemeinsam, gehen zusammen auf die Jagd. Die Lebensweise und das Verhalten der Tiere machten es sogar möglich, dass Menschenkinder in ihrer Obhut in der Wildnis überleben konnten. Bekannt ist zum Beispiel ein Fall aus Indien, wo in den 1920er Jahren zwei Kinder von Wölfen aufgezogen wurden. Nach ihrer Rückkehr zu den Menschen verhielten sie sich zunächst so, wie sie es von ihren Wolfseltern gelernt hatten. Besonders aggressiv oder gar blutrünstig waren solche „Wilden Kinder“ allerdings nie – und damit auch kein Vorbild für die Schauermär vom gefährlichen Werwolf.

Gibt es stattdessen eine medizinische Erklärung für den Glauben an Werwölfe? Prägten den Mythos etwa die so genannten Wolfsmenschen, die auch im Gesicht und oft am ganzen Körper extrem behaart sind? Die Betroffenen leiden unter einer so genannten kongenitalen Hypertrichose, einem Gendefekt, der nur sehr selten vorkommt. Doch im Mittelalter und der Frühen Neuzeit fielen Tausende der Werwolfverfolgung zum Opfer – nie war unter den Getöteten ein Wolfsmensch. Diese dicht behaarten Kreaturen galten nicht als gefährlich, vielmehr wurden sie als Attraktionen an Königshöfen und auf Jahrmärkten gezeigt. Insofern können Wolfsmenschen höchstens optisch als Vorbild für Werwölfe gedient haben.

Steckt die Tollwut hinter dem Werwolf-Mythos?

Doch es gibt Krankheiten, die bei Menschen tatsächlich „werwolfartiges“ Verhalten hervorrufen. Eine davon ist die Tollwut, eine lebensbedrohliche, durch Viren ausgelöste Infektionserkrankung, die in der Regel durch den Biss eines erkrankten Tieres übertragen wird. Zu den Symptomen zählen Speichelfluss aus dem Mund, aggressive Gemütszustände, starke Schmerzen an der Bissstelle, Angstgefühle und Panik vor Wasser. Tollwut führt stets zum Tod des Patienten.

Möglicherweise hat auch eine bestimmte Art von Schizophrenie den Glauben an die Existenz von Werwölfen bestärkt: Von der „Lykanthrophie“ Betroffene – der Begriff ist aus den griechischen Wörtern „Lykos“, Wolf, und „Anthropos“, Mensch, gebildet – haben die Vorstellung, sich in einen blutrünstigen Wolf zu verwandeln. Ein Mann, der jemand anderen in einem solchen Wahn zerfleischt hatte, erklärte später in der Psychiatrie, dass er den Eindruck gehabt hätte, seine Zähne würden wachsen und seine Haut würde sich in ein Fell verwandeln. Zudem hätte er das Gefühl bekommen, rasend zu werden – und die Lust zu töten sowie Lust auf frisches Fleisch und Blut.

Nur Silberkugeln helfen

Wie auch immer genau er entstand – der Mythos vom Werwolf ist ähnlich wie der des Vampirs nicht mehr aus dem modernen Horror-Genre wegzudenken. Und wie sein blutsaugender Vetter kann auch der Werwolf nur auf eine ganz besondere Weise getötet werden, heißt es: Mit Gewehr- oder Pistolenkugeln aus Silber, einem Metall, das seit jeher als heilig galt und dem deshalb magische Kräfte zugeschrieben wurden, könne man diesen Ungeheuer den Garaus machen.

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