Nationalsozialismus

Hitlers geheime Niederlagen: Die neue Macht der Geheimdienste

Die deutschen Agenten übertrumpfen sich mit peinlichen Pannen – zu spät erkennen die Nazis die Wichtigkeit einer Top-Spionageabteilung.

Adolf Hitler

© imago/Arkivi

Der Zweite Weltkrieg ist die Geburtsstunde der modernen Geheimdienste. Gefechte werden nicht mehr allein durch Waffentechnik und Truppenstärke entschieden. Das Wissen über die Strategie und die bewusste Täuschung des Feindes können eine aussichtslose Situation in einen Sieg verwandeln. Umgekehrt kann gerade in Kriegszeiten eine falsche Information fatale Auswirkungen haben. In zum Teil spektakulären Aktionen werden die Nazi-Agenten von den Alliierten so vorgeführt, dass sie schließlich den Untergang des Dritten Reichs beschleunigen.

Historiker sehen dafür zwei Hauptgründe. Es gab große Kommunikationsprobleme bei den deutschen Geheimdiensten, fand der US-Experte David Kahn heraus. Die unterschiedlichen Abteilungen konkurrierten um die Gunst Hitlers und lieferten bevorzugt Nachrichten, die dieser hören wollte. Hinzu kam, dass der Gegner von den Nazi-Geheimdiensten immer unterschätzt wurde. Hitlers überhebliche Ideologie übertrug sich auch auf seine Geheimdienste. Sie ließ nicht zu, dass andere Nationen besser sein könnten als die selbsternannten „Herrenmenschen" – und so ignorierten die Spione auch wertvolle Informationen. Wie bei der Landung der Alliierten in der Normandie.

Versagen durch Konkurrenz

6. Juni 1944: 1,5 Millionen alliierte Soldaten stehen bereit, Europa von der Terrorherrschaft Hitlers zu befreien. Doch die nordfranzösische Küste ist stark befestigt: MG-Bunker, Abwehrgräben und Stacheldraht. Nur der Überraschungsmoment kann einen Sieg gewährleisten. Wüsste die Wehrmacht, wo die Befreiungstruppen ihre Offensive starten, wäre eine Landung fast unmöglich. Und tatsächlich: Kurz vor der Landung werden dem Auswärtigen Amt Pläne für die Operation „Overlord" zugespielt – doch sie werden nie an das Oberkommando weitergeleitet. Die Agenten wissen: Die Pläne passen nicht zu Hitlers Einschätzung der strategischen Lage.

Schutzstaffel (SS), Geheime Staatspolizei (Gestapo), das Auswärtige Amt, die „Abwehr" und selbst das Postministerium: All diese Organisationen verfügen über Agenten, die Auslandsspionage betreiben. Doch statt ihre Kräfte zu bündeln und Informationen zu teilen, arbeitet jeder nur für sich um dem „Führer" zu gefallen. Die „Abwehr", die Spionageabteilung der Wehrmacht, ist zwar der höchste militärische Geheimdienst, wird aber von den anderen Organisationen wenig oder gar nicht unterstützt. Auch die Alliierten besitzen mehrere Geheimdienste, doch sie erkennen – auch dank der Pleiten der Nazi-Geheimdienste – die Wichtigkeit einer übergeordneten Spionageabteilung. In Großbritannien laufen die Fäden beim MI6 zusammen, und die Amerikaner gründen zu Kriegsbeginn das Office of Strategic Services (OSS), die Vorläuferorganisation der CIA. Den mächtigsten Geheimdienst der Welt gäbe es ohne Hitler und den Zweiten Weltkrieg so nicht.
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Versagen durch Ideologie

Neben den falschen Spionageinformationen beschleunigt eine weitere Geheimaktion Hitlers Niederlage. Bis 1942 sind die deutschen U-Boote nahezu unbesiegbar, zahlreiche Schlacht- und Transportschiffe der Briten werden versenkt. Die britische Marine kann die deutschen U-Boote kaum orten, die Funkübertragungen der Nazis werden von der Chiffriermaschine Enigma verschlüsselt, einem mechanischen Vorläufer der modernen Computer. Im Sommer 1942 ist damit Schluss, die Zahl der zerstörten deutschen U-Boote steigt so sprunghaft an, dass man nicht von einem Zufall ausgehen kann. Auf die einfachste Erklärung kommt Hitler aber nicht: Die Alliierten haben bereits 1940 den Code der Chiffriermaschine Enigma geknackt – der größte Clou der Nachrichtendienste und ein gewaltiger strategischer Vorteil. Doch daran wollen die deutschen Geheimdienste nicht glauben. Der Code sei unknackbar, beharren sie und schicken mit der Enigma weiter Nachrichten – direkt ins Hauptquartier der Briten.

„Beschränktheit, Fanatismus und Berufsblindheit", sagt der Historiker Hans-Heinrich Wilhelm, diese Eigenschaften hätten bei den Nazi-Spionen dazu geführt, dass sie ihren Feind immer unterschätzten - allen voran der Diktator selbst. Hitlers größte militärische Fehler hätten ihren Ursprung in seinem maßlos arroganten Weltbild: „Die sowjetische Armee ist nicht mehr als ein Witz", sagte der Diktator, als Späher von der Überlegenheit der Russen berichteten. Die Geheimdienste des Dritten Reichs gingen schließlich dazu über, ihrem „Führer" nur noch das mitzuteilen, was er hören wollte – ein nachrichtendienstliches Debakel. Die teils spektakulären Geheimdienstoperationen der Alliierten beschleunigten den Untergang des Dritten Reichs. Die Täuschungsmanöver gehören zu Hitlers geheimen Niederlagen.

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