Kreaturenpodcast

#5 Der Baumhummer mit Dota Kehr

Geschichten von seltenen und sehr seltenen Tieren. Das Dampfboot SS Makambo transportiert seit 1910 Handelswaren und Passagiere zwischen Sydney und der Südsee-Insel Vanuatu. Auf der 2500 Kilometer langen Route macht es immer Halt an der Lord-Howe-Insel. Am 15. Juni 1918 geht etwas schief: nach der Ausfahrt aus dem Hafen läuft die Makambo auf einen Felsen. Sie muss evakuiert werden, eine Frau ertrinkt. Das Schiff wird in den Inselhafen geschleppt, die Reparaturarbeiten dauern Tage. Zeit genug für die Schiffsratten, sich an Land umzusehen. Und für sie ist diese Insel ein Schlaraffenland: Es wimmelt vor Baumhummern. Nach nur zwei Jahren sind sie alle gefressen. Bis auf 24 Exemplare, die von Wissenschaftlern nach Jahren auf einem abgelegenen Felsen vor der Insel gefunden werden. Der Startschuss für ihre Wiederauferstehung.

© citizen-conservation

Der Baumhummer 
Tief im Pazifik, rund 800 Kilometer vor der australischen und 600 Kilometer vor der neuseeländischen Küste, liegt ein kleines Südsee-Paradies mit Korallenriff, traumhaften Sandstränden und sanften, dicht bewaldeten Hügeln: die Lord-Howe-Insel. Mit einer Fläche von knapp 15 Quadratkilometern ist sie etwa so groß wie das Saarland – nein, Quatsch, natürlich nicht. Das Saarland ist mit seinen 2.570 Quadratkilometern dann doch rund 170 Mal größer. 170 Mal! Die Lord-Howe-Insel ist also wirklich sehr, sehr klein. 

Doch die ersten europäischen Siedler, die Ende des 18. Jahrhunderts hier ankamen, erzählten seltsame Geschichten von dieser sehr, sehr kleinen, bis dahin unbewohnten Südseeinsel. Ein merkwürdiges Wesen solle sich nachts in den Wäldern auf den sanften Hügeln herumtreiben. Groß wie ein Hummer, lang wie ein dicker Ast, mit einer Rüstung versehen wie ein Ritter, der in die Schlacht zieht, mit kräftigen Dornen an den Flanken und sechs dick gepanzerten Beinen. Sehr langsam soll es in der Nacht an den Bäumen herumkriechen und sich mit einem seltsam schwankenden Gang durch das Blattwerk schieben. 
Ist der Baumhummer also eine Art verunstalteter Südsee-Yeti? Oder haben die neuen Inselbewohner fernab ihrer alten Heimat einfach zu viel Rum getrunken, der ihnen nicht bekommen ist? Denn lange Zeit konnten Forscher kein einziges der legendären Geschöpfe zu Gesicht bekommen. Genauer: seit ungefähr 1920 nicht. Urplötzlich waren die Baumhummer, die angeblich früher in großer Zahl in den Wäldern von Lord Howe Island lebten, wie vom Erdboden verschluckt. Was war geschehen? 

Die Lösung des Rätsels führt mitten hinein in einen echten Wissenschafts-Krimi. Tatort: Das Dampfboot SS Makambo, das seit 1910 regelmäßig die 2.500 Kilometer lange Strecke zwischen der australischen Metropole Sydney und Port Vila auf der Südsee-Insel Vanuatu abfährt und dabei Handelswaren und Passagiere befördert. Zu seiner Route gehört immer auch ein Stopp auf der Lord-Howe-Insel. Doch am 15. Juni 1918 geht etwas schief. Nach der Ausfahrt aus dem Hafen läuft die Makambo vor der Nordspitze der Lord-Howe-Insel auf einen Felsen. Sie muss evakuiert werden, eine Frau ertrinkt. Das Schiff wird in den Inselhafen geschleppt, die Reparaturarbeiten dauern mehrere Tage an. Genug Zeit für die Schiffsratten an Bord, mal an Land zu gehen und sich umzugucken. Und für sie ist dieses Südsee-Paradies ein Ratten-Schlaraffenland. Eine ganze Insel liegt ihnen zu Pfoten, ohne Feinde, dafür mit reichlich Leckereien: nämlich die Baumhummer! Für Ratten offenbar ein unwiderstehlicher Leckerbissen, deren Rüstung den scharfen Nagezähnen der Neuankömmlinge nichts entgegenzusetzen hat. In nur zwei Jahren sind sämtliche Baumhummer weggefressen – und außerdem noch eine Reihe schräger Vögel, die nur auf Lord Howe Island lebten und auf die Invasoren ebenfalls nicht eingestellt waren. 

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