Betrüger verlangten 78.000 Euro von einem 74-Jährigen
Am 13. Oktober erhielt ein 74-jähriger Mann aus dem Landkreis Gießen einen Anruf. Ein Unbekannter behauptete, eine enge Freundin des Mannes habe einen schweren Autounfall verursacht und müsse ins Gefängnis, wenn sie keine hohe Geldsumme aufbringen könne. Während des Gesprächs erhöhte der Anrufer den Druck kontinuierlich.
Der Mann ging zu seiner Sparkasse, um 78.000 Euro abzuheben. Die Übergabe an die Täter war bereits vereinbart. Die Bankangestellten wurden jedoch misstrauisch und rieten dem Mann, die Polizei einzuschalten. Er folgte diesem Rat und kam mit dem Schrecken davon. Die Ermittlungen laufen.
Eine aufmerksame Bankangestellte verhinderte Schlimmeres
Der 74-Jährige verdankt es dem engagierten Bankpersonal, dass der Betrug scheiterte. Erst die Rückfrage der Angestellten durchkreuzte den Plan der Betrüger und gab dem Mann Zeit zum Nachdenken.
Ende August dieses Jahres zeigte sich in Stadtilm in Thüringen dasselbe Muster: Eine Bankmitarbeiterin erkannte die Masche und bewahrte eine 84-Jährige vor dem Verlust. Der Frau war eine Geschichte über eine krebskranke Tochter vorgespielt worden, die ein Medikament für 200.000 Euro benötigte.
Hinter den meisten Anrufen steht eine professionelle Organisation
Involvierte Ermittler beschreiben eine klare Arbeitsteilung der Callcenter-Betrüger. Im März 2026 hoben deutsche und spanische Behörden ein Callcenter aus, das in einer eigens angemieteten Ferienwohnung in Madrid Schockanrufe durchführte. Die Gruppe bestand aus Anrufern, Logistikern, Geldabholern und weiteren Beteiligten. Die Ermittler werteten hierfür mehrere hundert bis tausend Anrufe aus.
Wo sitzen Callcenter-Betrüger?
Im Jahr 2020 gelang in Niedersachsen ein Schlag gegen professionelle Callcenter-Betrüger: Bei mehr als 20 Durchsuchungen in der Türkei wurden 24 Personen, darunter mutmaßliche Anführer der Bande, festgenommen und zwei Callcenter stillgelegt. Die Berliner Zeitung berichtet zudem, dass Anrufer aus einem türkischen Callcenter die Nummer 030-110 wählen ließen und so einen Anruf der Berliner Polizei vortäuschten.
Von Bremen aus rekrutierten zwei Logistiker die Abholer und Transporteure und organisierten den Weitertransport der Beute in die Türkei. Wer das Geld an der Haustür entgegennimmt, gehört somit zur untersten Ebene einer solchen Organisation.
Aufgrund dieser Struktur trifft die Strafverfolgung deshalb oft nur die ersetzbaren Mitglieder der kriminellen Organisation. Die Hintermänner im Ausland bleiben meist unbehelligt und rekrutieren neue Abholer.
Wie finden die Täter ihre Opfer?
Gemäß den Angaben des österreichischen Bundeskriminalamtes nutzen die Täter Datenlecks oder Telefonverzeichnisse, um gezielt nach Namen älterer Menschen zu suchen.
Das vorrangige Ziel der Täter besteht darin, die Angerufenen möglichst lange in der Leitung zu halten. Wenn ihre Opfer die Möglichkeit hätten, sich zurückzuziehen, könnten sie sich sammeln, nachdenken und Unterstützung suchen. Aus diesem Grund erstrecken sich die Gespräche häufig über mehrere Stunden. In dieser Zeit erkunden die Täter gezielt, welches Bargeld und welche Wertsachen im Haus vorhanden sind.
Der Schaden wächst trotz sinkender Fallzahlen
Das Bundeskriminalamt meldet für 2025 einen Gesamtertrag von rund 49,0 Millionen Euro durch den Enkeltrick und weitere Schockanrufe, nach 46,4 Millionen Euro im Vorjahr. Die Zahl der Fälle sank von 6658 auf 4798. Weniger Taten bringen den Tätern also inzwischen mehr Gewinn und jeder erfolgreiche Betrug fällt im Schnitt lukrativer aus. In der Kategorie „Falsche Polizisten“ wurde ein Schaden in Höhe von 49,5 Millionen Euro verzeichnet.
Das hessische Landeskriminalamt beziffert den Schaden pro erfolgreicher Tat auf rund 49.000 Euro. Zudem geht das BKA bei Betrug durch falsche Identität von einem Dunkelfeld von mehr als 50 Prozent aus. Opfer von Betrugsfällen zeigen häufig aus Scham keine Anzeige an. Daher erfasst die Statistik nur einen Teil der Fälle.
Was tun bei einem Schockanruf?
Die Polizei Mittelhessen empfiehlt, sofort aufzulegen, wenn sich unaufgefordert ein angeblicher Bankmitarbeiter meldet. Im Zweifel vergewissern Sie sich persönlich bei Ihrer Bank. Die Polizei weist außerdem darauf hin, dass weder Banken noch Polizei noch Staatsanwaltschaft telefonisch Fragen zu Geldzahlungen stellen oder jemanden auffordern, Bankkarten samt PIN an einen Abholer zu übergeben. Wer am Telefon nach Geld, Wertsachen oder Geheimzahlen fragt, gehört also höchstwahrscheinlich zu einer unseriösen Organisation.
Schildert ein Anrufer eine Notlage in Ihrer Familie, rufen Sie das Familienmitglied unter der Nummer an, die Sie selbst gespeichert haben. Wählen Sie bei Verdacht die 110. Sprechen Sie außerdem mit Ihren Eltern und Großeltern über die Gefahr von Schockanrufen. Vereinbaren Sie für Notfälle ein Codewort, das nur Ihre Familie kennt und das in einem solchen Fall genannt werden muss. Auf diese Weise besitzen Ihre Angehörigen ein einfaches Prüfmittel, selbst unter großem Druck.
Was steckt hinter Anrufen wie „Ich bin die virtuelle Petra Schmidt. Können Sie mich gut verstehen?“
Hinter den in letzter Zeit gehäuft auftretenden KI‑gesteuerten Anrufen steckt eine Sprachsoftware, die automatisch wählt, spricht und auf Antworten reagiert. Laut Berichten steckte hinter einer Nummer, bei der sich ein „Mike Glaser“ meldete, ein Callcenter. Auch Betrugsversuche mit unseriösen Kryptowährungen, bei denen KI-Stimmen zum Einsatz kommen, sind bekannt.
Durch den Einsatz von KI-Stimmen können unseriöse Betreiber Personalkosten sparen, sehr hohe Anrufzahlen erreichen und unwillige Opfer aussortieren. Die harmlos wirkende Eingangsfrage zielt darauf ab, ein „Ja“ auszulösen und Sie ins Gespräch zu ziehen. Zu den gängigen Strategien gehört auch, durch eine Aufnahme Ihrer Stimme eine angebliche Zustimmung zu Vereinbarungen zu suggerieren. Oft beginnt die eigentliche Betrugsmasche erst, nachdem Name, Zustimmung oder Daten vorliegen.
Legen Sie daher auf, sobald Sie eine KI-Stimme erkennen, und bestätigen Sie nichts. Nennen Sie weder Ihren Namen noch andere Daten und sperren Sie die Nummer. Notieren Sie sich das Datum, die Uhrzeit und die Rufnummer und melden Sie den Anruf bei der Bundesnetzagentur oder der Polizei. Die Verbraucherzentrale rät außerdem, auch unter Druck ruhig zu bleiben, keine überstürzten Entscheidungen zu treffen und keine persönlichen Informationen preiszugeben.
Begriffserklärungen und Definitionen zu Schockanrufen
Schockanruf
Ein Schockanruf ist eine Betrugsmasche, bei der Täter eine Notlage vortäuschen, etwa einen Unfall eines Angehörigen. Sie fordern Geld oder Wertsachen als Kaution oder für eine angeblich dringend notwendige Behandlung. Emotionaler Druck und Zeitnot lassen den Empfänger des Anrufs dabei oft unüberlegt handeln.
Callcenter-Betrug
Hinter Telefonbetrug stecken oft professionell organisierte Täter im Ausland. Dabei arbeiten Anrufer in Callcentern, Logistikmitarbeiter und Geldabholer Hand in Hand.
Call-ID-Spoofing
Hier fälschen Anrufer die angezeigte Rufnummer. Sie verwenden beispielsweise eine Behördennummer wie 030 110. Deshalb sagt die Nummer auf dem Display oft nichts über den tatsächlichen Anrufer aus.
Kurzantworten zu Schockanrufen
Was ist ein Schockanruf?
Ein Anrufer schildert eine dramatische Notlage, setzt Sie unter Zeitdruck und verlangt Bargeld oder Wertsachen. Legen Sie in diesem Fall sofort auf.
Wer steckt hinter Schockanrufen?
Hinter Schockanrufen stecken organisierte Banden, die Callcenter im Ausland, Logistikunternehmen in Deutschland und austauschbare Geldabholer einsetzen.
Was tun bei einem Verdacht, dass ein Schockanruf vorliegt?
Geben Sie keine Informationen preis und beenden Sie sofort das Gespräch. Wählen Sie im Zweifel den Notruf 110.
Häufig gestellte Fragen zu Schockanrufen
Woher kommen die Anrufer bei Schockanrufen?
Ermittler berichten von Callcentern in der Türkei und in Osteuropa. Im Jahr 2026 deckten die Behörden auch ein Callcenter in Madrid auf. Die Standorte wechseln häufig, doch die Masche bleibt gleich.
Wie hoch ist der Schaden durch Schockanrufe in Deutschland?
Laut BKA erbeuteten die Täter im Jahr 2025 mithilfe des Enkeltricks und Schockanrufen rund 49 Millionen Euro. Es gab insgesamt 4798 Fälle.
Warum sind vor allem Senioren betroffen?
Täter wählen gezielt ältere klingende Namen aus Datenlecks oder Telefonverzeichnissen.
Was soll ich tun, wenn ich bereits Geld übergeben habe?
Wählen Sie sofort die 110 und informieren Sie Ihre Bank. Je früher die Polizei Bescheid weiß, desto größer sind die Chancen für Ermittlungen.