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Sterbehilfe

Euthanasia Coaster: Per Achterbahn zum Suizid

Der Ingenieur Julijonas Urbonas sorgt mit einem makabren Projekt weltweit für Erstaunen und Entsetzen zugleich. Er hat den Bauplan für eine Achterbahn entwickelt, die ihre Fahrgäste direkt ins Jenseits befördert: den „Euthanasia Coaster“. Welt der Wunder erklärt, was sich hinter dem gewagten Konzept verbirgt.

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Wie sieht er aus, der Tod? Ein knochiger Sensenmann mit schwarzem Umhang, Kapuze und Sanduhr? Nicht für Julijonas Urbonas. Denn der Ingenieur aus Litauen hat ihn 2010 im Rahmen seiner Doktorarbeit am Royal College of Art in London selbst designet – und zwar in Form einer Achterbahn. Was in Vergnügungsparks der reinen Belustigung der Fahrgäste dient, hat im Fall des Euthanasia Coasters (zu Deutsch: Selbsttötungs-Achterbahn) das makabre Ziel, den Fahrgast schmerzfrei zu töten.

Wie aber muss eine Achterbahn konstruiert sein, um einen Menschen ohne Qualen ins Jenseits zu befördern und vor allem: Warum sollte man so eine Tötungsmaschine überhaupt bauen?

Sterbehilfe im Vergnügungspark?

Eins vorweg: Die Todes-Achterbahn ist nur ein hypothetisches Konstrukt, ein theoretischer Bauplan. Bis auf ein Model mit den Maßen eines Esstischs existiert eine solche Anlage in Lebensgröße noch nicht. Laut Urbonas soll der Euthanasia Coaster Sterbewilligen die Möglichkeit bieten, sich auf „angenehme und elegante“ Art und Weise das Leben zu nehmen.

Der Begriff Euthanasie bezeichnet hauptsächlich die Hilfe zum Sterben, um den Betroffenen von Leid und Schmerzen zu erlösen. Bei der aktiven Sterbehilfe bedeutet das zum Beispiel, dass ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Das geschieht dabei auf den ausdrücklichen Wunsch eines leidenden oder unheilbar kranken Menschen hin. Diese Form ist in Deutschland rechtlich verboten. Bei der sogenannten Beihilfe zur Selbsttötung verübt die Person, die sterben möchte, selbst den Suizid. In diesem Fall beschafft eine Hilfsperson beispielsweise ein tödliches Medikament. , Diese Art der Sterbehilfe ist in Deutschland nicht strafbar.

Im Fall des Euthanasia Coasters ist es ausdrücklich der Wunsch des Betroffenen, sich mit der Fahrt das Leben zu nehmen. Dabei benutzt er das von Urbonas „beschaffte“ Mittel, die Achterbahn. Damit würde es sich im Fall einer Fahrt um Beihilfe zur Selbsttötung handeln – was Urbonas zufolge in vielen Ländern legal wäre. Doch wie funktioniert die wohl ungewöhnlichste Suizid-Methode der Welt?

Die Physik des Todes

Wer sich in das selbstmörderische Fahrgeschäft setzt, fährt nach dem Start in einem einzelnen Sitz 500 Meter nahezu kerzengerade in die Höhe. Damit übertrifft der Euthanasia Coaster die derzeit höchste, nicht-tödliche Achterbahn der Welt – die 139 Meter hohe Kingda Ka in New Jersey – um mehr als das Dreifache. Zwei Minuten dauert die Fahrt auf die Parabelspitze. Währenddessen hat der Passagier laut Julijonas Urbonas genügend Zeit, über sein Leben und seine Entscheidung, sich dieses zu nehmen, nachzudenken. Mit der zunehmend extremer werdenden Höhe fungiert die langsame Fahrt auf 500 Meter also als eine Art Test über Leben und Tod mit der einzigen Frage: Will ich mir wirklich das Leben nehmen?

Oben angekommen, hat der Fahrer nun ein letztes Mal die Chance, sein Vorhaben abzubrechen. Tut er das nicht, eröffnet er mit einem Schalter den todbringenden Sturz. 500 Meter geht es dann wieder steil bergab – diesmal allerdings in nur zehn Sekunden. Dabei wird das Gefährt allein durch das Wirken der Schwerkraft auf eine Geschwindigkeit von 360 Stundenkilometern beschleunigt. Während dem Fall wird der Körper einer Kraft von zehn G, also dem Zehnfachen seines eigenen Gewichts, ausgesetzt. G-Kräfte sind hohe Belastungen, die dann auf einen beschleunigten Körper – zum Beispiel den Menschen – wirken, wenn dieser an Geschwindigkeit zunimmt und/oder die Richtung ändern. Ein untrainierter Mensch hält eine Gewichtskraft von maximal 4,5 G aus.

Die Sauerstoffzufuhr wird gekappt

Die enorme Geschwindigkeit drückt das Blut während des Falls in die unteren Körperteile, weshalb das Gehirn nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt wird. Normalerweise führt ein solcher Sauerstoffmangel nur zu einer kurzzeitigen Bewusstlosigkeit. Da die Fahrt im Euthanasia Coaster dem Gehirn allerdings für eine ganze Minute den Sauerstoff entzieht, wird dabei die kritische Schwelle hin zur Lebensgefahr überschritten. Das Gehirn erstickt.

Wem der bloße Fall über einen halben Kilometer mit anschließendem ersten Looping noch nicht gereicht hat, dem gibt die Achterbahn in den darauffolgenden sechs Loopings den Rest. Durch ihre abnehmende Größe stellen diese zum einen sicher, dass die G-Kräfte trotz Reibung und Luftwiderstand gleichbleibend sind. Zum anderen verhindern sie, dass das Blut rechtzeitig in den Kopf zurück fließen kann. Die letzte Achterbahnfahrt im Leben des einzelnen Fahrgastes umfasst eine Strecke von 7.544 Metern.

Der ultimative Cocktail

Während der Fahrt und vor dem Tod des Passagiers, erlebt dieser zusätzlich mehrere Nebenwirkungen: Wer noch bei Bewusstsein ist, verliert seine Farbwahrnehmung, bekommt einen Tunnelblick oder verliert komplett Sehkraft und Gehör. In dieser Phase mischen sich extremste Gefühlslagen, wie Orientierungslosigkeit, Angst, Verwirrung aber vor allem Euphorie zu einem ultimativen Cocktail, den der Körper in dieser Form nicht verarbeiten kann. Das Gefühl von Euphorie ist eine typische Begleiterscheinung, wenn dem Gehirn Sauerstoff entzogen wird.

Zum Abschluss kommt es zum sogenannten G-LOC, zu einem Bewusstseinsverlust aufgrund der enormen G-Kräfte. Ab dem Moment ist der Körper komplett schlaff und die minimierte Gehirnaktivität verarbeitet das gerade Erlebte mit Kurzträumen, konfusen Bildern und Gedankenströmen. Kurz darauf wird im Gehirn jedoch der Lichtschalter umgelegt und so fährt der nun leblose Körper schlaff wie eine Crash-Dummie-Puppe durch die letzten Loopings.

Die erste Testperson wäre schon gefunden

Was für die einen nach einem absoluten Horror-Szenario klingt, sei für Menschen mit Todessehnsucht, ein „menschlicherer“ Tod ohne Schmerzen und mit einer gewissen Ästhetik verbunden, so Julijonas Urbonas. Seitdem der Ingenieur den Euthanasia Coaster 2010 designet hat, erhielt das gewagte Projekt die unterschiedlichsten Reaktionen. Laut Urbonas sahen viele Menschen einen positiven Sinn darin und würden die Fahrt auch selbst antreten, sollte es für sie jemals in Frage kommen, ihr Leben frühzeitig zu beenden. Ein Amerikaner hat sich bereits nachdrücklich als Versuchskaninchen angeboten. Skeptiker halten die Konstruktion jedoch für einen schlechten, morbiden Witz. Auch Gegner der Euthanasie sind entsetzt von der Idee des Litauers.

Mit speziellen Hosen zur extremsten Achterbahnfahrt der Welt?

Dass seine Idee aber auch die Fantasie vieler Menschen beflügelt, zeigen diverse alternative Verwendungsvorschläge. Eine Luftfahrtingenieurin schlug eine ultimative Achterbahnfahrt unter Einsatz von speziellen Anti-G-Hosen vor, die Piloten bei dem Aufkommen von großen G-Kräften davor bewahren, in Ohnmacht zu fallen. Würde man diese Hosen tragen, so die Ingenieurin, müsste man die Fahrt überleben. Damit entstünde das extremste Fahrgeschäft der Welt.

Für andere wiederum wäre der Coaster eine Alternative zu Hinrichtungsmethoden wie Giftspritze und elektrischer Stuhl. Für den Schöpfer lässt das Projekt einen großen Interpretationsspielraum zu: „Es ist nicht nur eine alternative Selbsttötungs-Maschine, sondern könnte auch als Requisite für einen Horrorfilm dienen, ein gesellschaftliches Science-Fiction-Design, ein Denkmal an das Ende der Karussell-Entwicklung, eine Gravitationswaffe – es ist jedem Einzelnen überlassen, welchem Zweck diese Maschine dienen soll“, so Julijonas Urbonas.

Es überrascht nicht, dass das Projekt bisher noch keine Sponsoren anlocken konnte. Das Thema ist viel zu heikel, zu emotional aufgeladen und makaber. Urbonas ist dennoch zuversichtlich. Seiner Meinung nach wird sie irgendwann gebaut, die Achterbahn des Todes: „Aber in einer Zukunft, in der die Entwicklung neuer Technologien einer viel dezentraleren, demokratischeren und kreativeren Politik gehorchen.“ Ob er die Euthanasia Coaster selbst fahren würde? „Wenn die Zeit reif ist, definitiv, ja.“
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