Welt der Wunder

Nicht glauben, sondern wissen

Warum macht Social Media eigentlich süchtig?

Foto: Envato / AnnaStills

Warum macht Social Media eigentlich süchtig?

Ein Gericht in den USA hat entschieden, dass Facebook, Instagram und YouTube Nutzerinnen und Nutzer nicht ausreichend vor den Risiken ihrer Apps warnen. Die Richter sprachen einer 20-jährigen Klägerin Schadensersatz zu. Immer mehr Klagen werfen großen Technikkonzernen nun vor, dass ihre Plattformen bewusst suchterzeugend sind.

Was sorgt für die Anziehungskraft von Social Media?

Dopamin: Vom Überlebensmechanismus zur digitalen Falle

Eigentlich ist Dopamin ein lebenswichtiger Botenstoff, der uns zu grundlegenden, überlebensnotwendigen Handlungen motiviert: Nahrung suchen, soziale Bindungen knüpfen oder Gefahren meiden. Unser Gehirn belohnt uns mit diesem Neurotransmitter, wenn wir etwas tun, das unser Überleben oder Wohlbefinden sichert.

Allerdings löst nicht nur die Begegnung mit Freunden oder eine gute Mahlzeit Dopamin aus. Dasselbe gilt für das Aufflackern eines neuen Likes, das Eintreffen einer privaten Nachricht oder das erfolgreiche Hochladen eines neuen Fotos von der Party vom Wochenende. Das Problem: Diese digitalen Belohnungen aktivieren dasselbe System. Sie sind allerdings weder lebensnotwendig noch wirken sie nachhaltig befriedigend.

Unser Gehirn gewöhnt sich stattdessen daran, ständig neue Reize zu erwarten, und verknüpft das kurze Glücksgefühl mit der Nutzung von Social Media.

Das Belohnungssystem: Warum wir oft stundenlang auf ein neues „Gefällt mir“ warten

Plattformen wie Instagram, TikTok, Facebook und andere nutzen dieses Wissen über die Vorgänge in unserem Gehirn gezielt aus. Deren Algorithmen sind nachweislich so gestaltet, dass Belohnungen – etwa Likes, Kommentare oder neue Inhalte – in den meisten Fällen unvorhersehbar und unregelmäßig verteilt werden. Mal erhalten wir sofort viele positive Rückmeldungen, mal müssen wir länger warten. Diese Ungewissheit hält uns in einem Zustand gespannter Erwartung und treibt uns an, immer wieder zurückzukehren.

In der Fachsprache heißt dieses Prinzip „intermittierende Verstärkung“. Es ist derselbe Mechanismus, der auch Glücksspielautomaten so wirksam macht: Die Hoffnung auf den nächsten Gewinn – sei es ein Like oder ein unterhaltsames Video – wird zur treibenden Kraft. Unser Gehirn lernt schnell, dass es sich lohnt, weiterzuscrollen, auch wenn die Belohnung nicht garantiert ist.

Durch die ständige Stimulation gewöhnt sich unser Belohnungssystem an immer höhere Dopaminspiegel. Alltägliche Aktivitäten – ein Spaziergang, ein Gespräch, sogar das Essen – wirken im Vergleich dazu weniger reizvoll. Studien zeigen, dass übermäßige Social-Media-Nutzung sogar zu einer Art Dopamin-Toleranz führen kann: Wir brauchen immer mehr Reize, um dasselbe Glücksgefühl zu erleben.

Gleichzeitig entsteht ein Kreislauf aus kurzfristiger Befriedigung und langfristiger Unzufriedenheit. Inzwischen gibt es etliche Studien, die belegen, dass Social Media das Dopamin-System stark beeinflusst.

Quelle: YouTube / victorfarzam

Soziale Anerkennung: Warum wir online gesehen werden wollen

Menschen sind soziale Wesen. Wir streben nach Anerkennung und Zugehörigkeit, da unser Selbstbild maßgeblich davon beeinflusst wird, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Social Media bietet uns die Möglichkeit, uns ständig mit anderen zu vergleichen und scheinbar mühelos Einblicke in deren Leben zu erhalten. Jeder geteilte Beitrag, jedes Foto und jeder Kommentar werden auf diese Weise zu einer Bühne, auf der wir uns präsentieren und gleichzeitig die Reaktionen unseres Umfelds beobachten.

Dabei wird jede Form von Interaktion auf Social Media zu einer kleinen Bestätigung unseres eigenen Wertes. Diese schnellen Rückmeldungen können unser Selbstwertgefühl kurzfristig stärken und uns das Gefühl geben, gesehen und geschätzt zu werden. Gleichzeitig entsteht jedoch eine gewisse Abhängigkeit von dieser externen Bestätigung, da wir unseren eigenen Wert zunehmend an der Resonanz anderer messen.

Warum wir immer online sein wollen

Social Media ist heute praktisch immer und überall zugänglich. Durch Push-Benachrichtigungen und die Möglichkeit, jederzeit endlos durch einen personalisierten Nachrichtenfeed zu scrollen, wird Social Media auch schnell zur Gewohnheit. Instagram und Co. sind gezielt darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden, indem sie ständig neue, auf unsere Vorlieben ausgerichtete Inhalte liefern. Dadurch entsteht ein Kreislauf, in dem wir immer wieder zurückkehren, oft ohne bewusst darüber nachzudenken.

Die ständige Verfügbarkeit dieser Reize führt dazu, dass wir uns immer schwerer damit tun, einfach nichts zu tun. Selbst bei kurzen Wartezeiten – etwa an der Ampel, in der Schlange im Supermarkt oder vor dem Schlafengehen – greifen wir wie automatisch zum Smartphone. Dies kann unsere Konzentrationsfähigkeit langfristig beeinträchtigen und dazu führen, dass wir uns schneller ablenken lassen. Gleichzeitig verlernen wir, Langeweile als etwas Positives zu sehen, obwohl sie wichtig dafür ist, kreativ zu sein und uns zu erholen.

So halten uns Social-Media-Plattformen bei der Stange

Algorithmen: Warum wir immer länger scrollen als geplant

Hinter jeder Social-Media-Plattform stecken Algorithmen, die genau erfassen, was uns interessiert. Diese Mechanismen analysieren unser Verhalten: Welche Beiträge liken wir? Bei welchen Videos bleiben wir länger hängen? Basierend darauf wird unser Feed personalisiert – und zwar so, dass wir möglichst lange auf der Plattform bleiben. TikToks Algorithmus ist KI-basiert und schlägt Videos vor, die genau zu unseren Interessen passen. Das führt dazu, dass Nutzer im Durchschnitt 95 Minuten täglich auf der App verbringen.

FOMO: Die Angst, etwas zu verpassen

„Fear of Missing Out“ (FOMO) ist ein starker psychologischer Treiber. Wir haben Angst, wichtige Neuigkeiten, Trends oder soziale Ereignisse zu verpassen, wenn wir nicht ständig online sind. Social Media verstärkt dieses Gefühl, indem es uns zeigt, was andere gerade tun – und uns das Bedürfnis gibt, dabei zu sein. Eine Studie aus Mexiko gibt Hinweise darauf, dass besonders Jugendliche von FOMO betroffen sind.

Wann wird Social-Media-Nutzung zur Sucht?

Nicht jeder, der Social Media nutzt, ist süchtig. Doch es gibt Anzeichen, die auf ein problematisches Verhalten hindeuten:

  • Wir verbringen mehr Zeit auf Social Media, als wir möchten.
  • Wir vernachlässigen andere Aktivitäten.
  • Wir fühlen uns unruhig oder gereizt, wenn wir nicht online sind.
  • Wir versuchen erfolglos, unsere Nutzungszeit langfristig zu reduzieren.

Wenn Social Media zur Gewohnheit wird

Unser Gehirn liebt Routinen – sie helfen ihm, Energie zu sparen. Wenn wir Social Media regelmäßig nutzen, wird daraus eine automatische Handlung – ähnlich wie wir jeden Morgen praktisch ohne nachzudenken den Weg zur Arbeit finden. Der Unterschied: Social Media aktiviert zusätzlich das Belohnungssystem. Das macht es schwer, unsere Gewohnheit zu durchbrechen.

Soziale Medien und die Psyche

Etliche Studien zeigen direkt, dass übermäßige Social-Media-Nutzung mit Angstgefühlen, Depressionen und Einsamkeit zusammenhängt. Sie belegen, dass insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene, die viele Stunden täglich auf Plattformen wie Instagram oder TikTok verbringen, häufiger über depressive Symptome, Sorgen oder soziale Isolation berichten.

Zahlreiche Untersuchungen legen zudem nahe, dass eine gezielte Reduzierung der Social-Media-Nutzung Einsamkeitsgefühle und negative Emotionen lindern kann. Dies deutet darauf hin, dass Social Media einen direkten Einfluss auf das psychische Wohlbefinden hat.

Insgesamt deuten die Ergebnisse solcher Studien darauf hin, dass ein bewusster und reflektierter Umgang mit Social Media entscheidend für die psychische Gesundheit ist – als sinnvoller Richtwert werden oft nicht mehr als 30 Minuten pro Tag angegeben.

Social Media bewusster nutzen

Erfassen Sie Ihre Social-Media-Nutzungszeit

Die meisten Smartphones bieten eine Tracking-Funktion für die Zeit, die Sie in bestimmten Apps verbringen. Nutzen Sie diese Funktion, um ein Gefühl für Ihr eigenes Nutzungsverhalten zu entwickeln.

Benachrichtigungen reduzieren

Schalten Sie Push-Benachrichtigungen für Social-Media-Apps aus. So entscheiden Sie selbst, wann Sie Ihre Nachrichten oder Ihren Feed checken – und nicht der Algorithmus.

Feste Zeiten einplanen

Legen Sie bestimmte Zeiten fest, in denen Sie Social Media nutzen – und halten Sie sich daran. Das hilft dabei, die Nutzung nicht ausufern zu lassen.

Alternativen finden

Überlegen Sie, welche Bedürfnisse Social Media für Sie erfüllt: Unterhaltung und Zerstreuung? Soziale Kontakte? Informationen? Suchen Sie nach Offline-Alternativen, die dieselben Bedürfnisse befriedigen – etwa ein gutes Buch, ein Hobby oder ein Treffen mit Freunden.

Definitionen und Begriffserklärungen

Dopamin

Ein Neurotransmitter, der im Gehirn als Belohnungssignal wirkt. Er wird ausgeschüttet, wenn wir positive Erfahrungen machen – etwa durch soziale Anerkennung auf Social Media.

FOMO (Fear of Missing Out)

Die Angst, wichtige Informationen, Ereignisse oder soziale Interaktionen zu verpassen.

Algorithmus

Ein Algorithmus ist eine Anweisung an einen Computer zur Verarbeitung bestimmter Daten. In Social-Media-Plattformen besteht die Aufgabe von Algorithmen darin, Inhalte basierend auf dem Verhalten der Nutzer zu personalisieren und auszuwählen. Dies soll in erster Linie die Verweildauer maximieren.

Häufig gestellte Fragen

Warum macht Social Media süchtig?

Ähnlich wie Glücksspiel aktiviert Social Media das Belohnungssystem im Gehirn durch Likes und unregelmäßig verteilte Belohnungen.

Wie erkenne ich Social-Media-Sucht?

Anzeichen hierfür sind eine übermäßige Nutzungszeit, die Vernachlässigung anderer Aktivitäten sowie erfolglose Versuche, weniger Zeit online zu verbringen.

Warum macht mich Social Media manchmal deprimiert oder wütend?

Der ständige Vergleich mit anderen Nutzerinnen und Nutzern sowie die Flut an Informationen können Stress und Neidgefühle auslösen.

Ist es die beste Lösung, Social Media komplett zu meiden?

Nicht zwingend. Bewusste und kontrollierte Nutzung von Social Media ist oft sinnvoller als ein radikaler Verzicht.

Wie kann ich meine Kinder vor Social-Media-Sucht schützen?

Setzen Sie klare Nutzungszeiten, sprechen Sie über die Risiken und seien Sie selbst ein Vorbild im Umgang mit Social Media.

Hat Social Media auch positive Seiten?

Durchaus: Social Media kann soziale Kontakte stärken, Informationen verbreiten und kreative Ausdrucksmöglichkeiten bieten – wenn es bewusst genutzt wird.

Welt der Wunder - Die App

Kostenfrei
Ansehen