Ernährung

Lebensmittel aus China: Kann dieser Apfel mich vergiften?

Brötchen, Hähnchenfleisch, Birnen – was nach deutschen Lebensmitteln klingt, stammt oft aus China. Über eine Million Tonnen importieren wir jährlich aus dem asiatischen Land – zu einem unschlagbar günstigen Preis. Doch das Geschäft hat einen Haken …

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Leuchtend grün strahlt die Tee-Plantage, während die Frauen den Hang langsam erklimmen und die Teeblätter einzeln abzupfen. Die Luft ist klar, im Hintergrund ragen die Gipfel des Himalaja in den Himmel. Der Darjeeling aus dieser Region Chinas wird rein biologisch angebaut und gilt als besonders aromatisch. Doch nur die wenigsten können ihn genießen: Er ist für die oberen 0,5 Prozent des Landes gedacht, die hohen Regierungsbeamten Chinas. Sie beziehen alle ihre Lebensmittel von unbelasteten Premium-Bio-Feldern. Und der Rest der Bevölkerung? Der muss mit minderer Qualität Vorlieb nehmen, denn 70 Prozent aller Felder sind verseucht, entweder mit Schwermetallen oder mit anderen giftigen Stoffen. Vor allem die Abgase der Millionen Fabriken regnen ungehindert zum großen Teil auf die Ackerböden Chinas ab. Hinzu kommen aggressive Pestizide, die in gigantischen Mengen versprüht werden.

Und was ist mit den Äpfeln in unserem Supermarkt? Nun, zwei von zehn Äpfeln kommen aus Deutschland. Tatsächlich importieren wir jedes Jahr Nahrungs- und Genussmittel im Wert von 1,5 Milliarden Euro aus China. Dazu zählen fast 130.000 Tonnen Fisch, rund 7.700  Tonnen Fleisch, 3.600 Tonnen Äpfel, 282 Millionen Teiglinge für Brötchen, 10.277 Tonnen frisches Gemüse und 862 Tonnen Milchprodukte. Und jedes Jahr steigt diese Einfuhr um rund zehn Prozent. Allein im Hamburger Hafen treffen pro Tag durchschnittlich über 6.800 Container mit Lebensmitteln aus dem Reich der Mitte ein.

Welche Pestizide enthält Apfelsaft aus China?

Szenenwechsel: Tian Xiaoguin greift nach einer kleinen Flasche auf dem Holzregal, kippt einen Teil  des Inhalts in einen Kanister. Die Flüssigkeit ähnelt klarem Apfelsaft, ist nur heller und sondert einen beißenden Gestank ab. Der Mann betritt seine Bohnen-Plantage in der nordwestlichen Provinz Gansu und besprüht die Pflanzen mit der Flüssigkeit. Was er da genau verwendet? Xiaoguin weiß es nicht, denn er ist Analphabet. Wie oft man es verwendet? So zwei- bis dreimal pro Woche, schätzt er, aber das mache er nach Gefühl. Ob die Substanz gefährlich sei? Xiaoguin glaubt es nicht, sonst würde die Regierung sie verbieten. In einem Monat will er seine Bohnen ernten und verkaufen. Ein Teil wird in chinesischen Städten landen, ein anderer in deutschen Supermärkten.

Gigantische Importmengen führen zu laschen Kontrollen

Xiaoguins Bohnen – und einige Milligramm Omethoat – reisen tiefgefroren in einem Container auf einem Frachtschiff um die halbe Welt, bis sie im Hamburger Hafen ankommen. Ein Lebensmittelkontrolleur wird höchstens die Einfuhrpapiere überprüfen. „Nur bei Fleisch, Fisch und anderen Tierprodukten müssen wir die  Dokumente durchsehen, und bei einem bestimmten Prozentsatz nehmen wir die Ware selbst genauer in Augenschein“, berichtet Bettina Gerulat, die Leiterin des Hamburger Veterinär- und Einfuhramts. Das funktioniert meist so: Ein Kontrolleur begutachtet das Fleisch und den Fisch und kostet auch davon. Riecht oder schmeckt die Probe schlecht, wird sie ins Labor geschickt. Oder der Computer zeigt an, dass eine zufällige Stichprobe fällig ist.

Bei allen anderen Produkten wie Obst und Gemüse existieren keine konkreten Kontrollvorschriften. Folglich wird kein einziges Labor je  feststellen, wie viel von welchen Pestiziden in Xiaoguins Bohnen stecken. Der Grund für die ausbleibenden Kontrollen: Die Kosten für alle importierten Nahrungsmittel wären gigantisch. Wenn Organisationen wie Greenpeace diese Aufgabe übernehmen, rechnen sie mit Kosten von 240 Euro für jede einzelne Probe. Die Verbraucher wissen oft nicht, dass viele Waren aus China importiert werden. Der Verein Foodwatch fordert deshalb den Aufdruck „Made in China“ zum Beispiel für Apfelsäfte, die aus chinesischen Früchten hergestellt werden – 80 Millionen Liter waren das 2013.

Wie gefährlich kann ein Erdbeerkompott sein?

Welche Auswirkung die fehlenden Kontrollen haben können, zeigt sich im Oktober 2012: Lucas, elf Jahre alt, geht in Saalfeld, einer kleinen Stadt in Thüringen, zur Schule. Er sitzt mit seinen Freunden in der Kantine und lässt sich das Erdbeerkompott schmecken. Schon 20 Minuten später bekommt er Brechdurchfall und muss ins Krankenhaus. So wie Lucas ergeht es in den kommenden Tagen 11.000 anderen Deutschen. Nach einigen Labortests stellt sich heraus: Die tiefgekühlten Erdbeeren, aus denen das Kompott zubereitet wurde, waren mit dem Norovirus infiziert und stammten aus der chinesischen Provinz Shandong. Die Keime hatten die minus 18 Grad Celsius im Schiffscontainer überlebt, waren aufgrund der fehlenden Kontrollen in den Handel gekommen und lösten die größte durch Lebensmittel verursachte Krankheitswelle in Deutschland aus.

Der Fall zeigt nicht nur, dass es in China an Qualitätsstandards mangelt, weil es dort kaum Hygienevorschriften gibt. Er offenbart auch die Schwachstellen unseres Import-Systems: Giftige Produkte werden, wenn sie nicht zufällig durch die spärlichen Stichproben entdeckt werden, nur aus dem Handel genommen, wenn es die ersten Krankheitsfälle gibt. Kommt es zu einem Vorfall, informiert das betroffene EU-Land die anderen EU-Staaten über das sogenannte Rapid Alert System for Food and Feed. Mit 435 Warnmeldungen über schädliche Waren steht China im Jahr 2013 auf Platz eins (auf Platz zwei landet Indien mit 261 Einträgen). Die Langzeitfolgen von Nahrungsmitteln, die mit Pestiziden und Schwermetallen verseucht sind, werden nicht überprüft.


Milchpulver-Skandal aus dem Jahr 2008

Ein Krankenhaus in Xi’an, einer Millionen-Metropole im Herzen Chinas: In Jiang Weisuos Oberkörper klaffen zwei tiefe Wunden, zugefügt mit einem Messer. Die Ärzte können den 44-Jährigen nicht mehr retten, er verblutet. Seine Frau soll ihn erstochen haben. Doch die Öffentlichkeit äußert Zweifel an den Aussagen der Polizisten: Weisuo ist kein Unbekannter. Er ist der erste Whistleblower der chinesischen Industrie. 2008 deckte er den Milchpulver-Skandal auf, durch den 300.000 Kleinkinder erkrankten und der mindestens sechs von ihnen das Leben kostete. Weisuo war Manager einer Produktionsfirma und verriet, dass dem Milchpulver Melamin beigemischt wurde, um den Proteingehalt künstlich zu erhöhen.

Die Chemikalie wird eigentlich zur Herstellung von Plastik und Klebstoffen verwendet und ist hochgiftig. In China war dieser Fall aber nur die Spitze des Eisbergs – ein Lebensmittelskandal folgt hier dem anderen: Im Reis werden die Schwermetalle Cadmium und Blei entdeckt, Obst und Gemüse enthalten Pestizid-Rückstände, Schweinefleisch wird eingefärbt und als Rindfleisch angeboten, Erde wird als schwarzer Pfeffer verkauft, Klöße und Brötchen sind mit Aluminium belastet, Honig enthält genveränderte Pollen, benutztes Speiseöl aus Restaurants wird aus dem Abfluss abgezapft und „recycelt“, im Hähnchenfleisch finden sich krebserregende Antibiotika und so weiter. Mittlerweile misstrauen 70 Prozent der chinesischen Bevölkerung den eigenen Produkten, so eine Umfrage der Qinghua-Universität in Peking.


Welche Schwermetalle stecken in meinem Reis?

 „In der chinesischen Landwirtschaft sind Pestizide erlaubt, die in Deutschland wegen ihrer Toxizität verboten sind“, betont Christiane Huxdorff, Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace. „Es gelten andere Grenzwerte, und so dürfen die Bauern pro Kilogramm Obst oder Gemüse mehr verwenden als in der EU.“ Grundsätzlich setzt das Reich der Mitte mehr Pestizide als jedes andere Land ein: 1,3 Millionen Tonnen sind es pro Jahr, so das National Bureau of Statistics in China. Die Zahl der registrierten Pestizide liegt bei 27.000. Zum Vergleich: In Deutschland werden jedes Jahr rund 30.000 Tonnen Pestizide versprüht, und es gibt lediglich 1.000 zugelassene Mittel.

Mediziner gehen davon aus, dass Pestizide vor allem Krebs  und Gehirnerkrankungen wie Parkinson auslösen. Blei und Cadmium verseuchtes Gemüse kann sogar die Lebenserwartung um neun bis zehn Jahre verkürzen. Der Student Wu Heng ist deshalb Food-Aktivist geworden und betreibt wegen all der Skandale den Blog „Wirf es aus dem Fenster“. Seit zwei Jahren listet er verschiedene Vorfälle und Studien auf. Bislang sind es über 3.000 verifizierte Fälle, die er auch auf einer Karte verortet. Der 28-Jährige spricht von einer Krise der Lebensmittelsicherheit, die so schnell kein Ende finden werde. „Wenn du in den Supermarkt gehst“, sagt Wu Heng, „gibt es zwei Arten von Lebensmitteln: gesunde ökologische und die, die man sich leisten kann.“


Wie viel Land in China ist so kontaminiert, dass es zur Sperrzone wird?

Letzteres stammt höchstwahrscheinlich von den verseuchten Äckern. 33.000 Quadratkilometer  chinesisches Land sind sogar so stark kontaminiert, dass es verboten ist, diese Fläche für die Landwirtschaft zu nutzen – das entspricht einem Viertel der deutschen Ackerfläche. „Die Lage wird sich noch verschlechtern“, verkündet Cheng Wang, Bio-Bauer aus dem Dorf Anlong. „Die Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung nimmt ständig zu. Und all diese Probleme werden zu Nahrungsmittel-Problemen.“ Wang weiß aber auch, dass nicht nur die Behörden und der Handel Schuld tragen: „Einige Bauern besprühen ihr Gemüse exzessiv mit Pestiziden, und die Menschen kaufen dieses, weil es schön aussieht. Ironischerweise ist das hässliche Gemüse meist das unbelastete, weil es ökologisch produziert wurde.“ Kritiker beobachten eine weitere Tendenz: Die Menschen wollen möglichst wenig für ihr Essen zahlen. Im Jahr 1925 wurden in Deutschland 47 Prozent der Haushaltsausgaben für Nahrungsmittel verwendet, so eine Studie des Statistischen Bundesamts. 2013 waren es nur noch elf Prozent. Doch billiges Essen kann gesundheitsschädlich sein.

Niedrige Preise sind aber Chinas Spezialgebiet, wie ein einfacher Vergleich zeigt: Deutsche Erdbeeren aus biologischem Anbau können um die 13 Euro pro Kilo kosten, spanische Erdbeeren um die vier Euro und tiefgefrorene Erdbeeren aus dem Reich der Mitte etwa 1,10 Euro (für Großeinkäufer wie einen Marmeladenhersteller sogar nur 0,60 Euro). Die Chinesen selbst zahlen, wenn sie es sich leisten können, lieber mehr, weil sie ihren eigenen Waren nicht trauen. Denn während sie billige Lebensmittel exportieren, importieren sie hochwertiges Essen aus dem Ausland. In China ist beispielsweise das deutsche Milchpulver besonders begehrt. So gehen die Chinesen sicher, dass sie ihre Kinder nicht mit Industrie-Chemikalien ernähren.

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