Welt der Wunder

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Hat die deutsche Regierung eine Gehirnwäsche-Einheit?

Foto: Imago / Blickwinkel

Hat die deutsche Regierung eine Gehirnwäsche-Einheit?

Experimente gehören ins Labor? Das war einmal. Mittlerweile ist unser Alltag ein Testfeld, und Millionen Menschen sind Versuchsobjekte geworden – ohne davon das Geringste zu ahnen.

Es ist ein seltsamer Name, unter dem sich eine Gruppe von Spitzenbeamten und Wissenschaftlern seit Monaten im deutschen Bundeskanzleramt trifft: Projektgruppe „Wirksam Regieren“. Denn was die Damen und Herren dort besprechen, sind gerade keine neuen Gesetze und Vorgaben. Sie wollen die deutsche Bevölkerung noch viel effektiver steuern, als es eine offizielle Anordnung je könnte. Damit gibt die Bundesregierung grünes Licht für ein ganz neues Experimentierfeld – das Labor Deutschland mit 82 Millionen ahnungslosen Testpersonen.

Labor: Deutschland

„Menschen sind nicht sehr gut darin, vernünftige Entscheidungen zu treffen“, weiß der Psychologe Daniel Kahnemann. Regeln und Gesetze fördern eher den Widerspruch – und sind eigentlich viel zu aufwendig. Die Projektgruppe „Wirksam Regieren“, auch als Gehirnwäsche-Einheit der Bundesregierung bekannt, will das umgehen. Sie sucht nach Lösungen, bei denen die Bürger gleich und ohne nachzudenken „das Richtige“ tun. Wie bei einem Labor-Experiment gibt es dabei unterschiedliche Versuchsaufbauten, bei denen die Studienleiter immer wieder Altes verändern und Neues ausprobieren: Was funktioniert, was nicht?

Nudging, zu Deutsch: „Schubsen“, heißt dieses Konzept, das auf die amerikanischen Professoren Richard Thaler und Cass Sunstein zurückgeht, die auch für die britische und die US-amerikanische Regierung arbeiten. In der Praxis sind ihre Tricks äußerst subtil: Das Finanzamt baut zum Beispiel sozialen Druck auf, indem es auf die bessere Steuermoral der Nachbarn hinweist. Oder sie spielen mit dem Unterbewusstsein: Das Hinzufügen eines Satzes im Sinne von „Ich werde jetzt nicht lügen“ auf der Steuererklärung führte in Großbritannien zu Mehreinnahmen von 250 Millionen Euro in einem Jahr.

„Wenn wir uns nicht mehr auf Labor-Experimente verlassen können, müssen wir in der echten Welt prüfen.“ – Alex Pentland, MIT-Forscher

Das klingt harmlos. In Wahrheit überschreiten die staatlichen Nudger damit eine Grenze: „Das Verhalten der Menschen wird gesteuert, ohne dass sie es merken“, kritisiert Jan Schnellenbach, Geschäftsleiter am Walter-Eucken-Institut in Freiburg. Würden die Menschen wissen, was gerade mit ihnen passiert, hätte es die Regierung deutlich schwerer. Doch der Erfolg gibt den Nudge-Einheiten recht – und stößt die Tür weit auf, um die Bürger noch stärker zu „schubsen“. Aber wo setzt man an? Jeder von uns trägt dazu bei – ständig und ununterbrochen. Denn längst hat sich unser Alltag auch in anderen Bereichen in einen riesigen Laborversuch verwandelt: „Bislang mussten Wissenschaftler Experimente mit Kleingruppen durchführen. Heute können die Forscher riesige Datenmengen direkt aus dem Alltag abziehen“, erklärt Gillian Tett, Expertin für Anthropologie.

Menschen werden dabei zu Variablen, deren Reaktionen wie bei Laborratten beobachtet werden. „Sozialphysik“ nennt Alex Pentland vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) diesen neuen Zweig der Wissenschaft: „Um zu sehen, wie Dinge in der Realität funktionieren, müssen wir lebendige Labors einrichten.“ Er redet von Freiwilligen – noch, doch die Realität hat ihn längst eingeholt. Unser Leben wird beobachtet, analysiert, manipuliert – ohne dass wir es merken. Unsere Welt ist hinter unserem Rücken zu einem lebenden Labor geworden.

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