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Ich liebe mich! Das „Selfie“-Phänomen

Ich liebe mich! Das „Selfie“-Phänomen

Oscar-Gewinner machen es ebenso wie B-Promis. Astronauten drücken ab und auch die Bundeskanzlerin macht mit. Neuerdings beteiligt sich sogar der Papst. Und der US-Präsident? Der schreckt selbst auf der Beerdigung von Nelson Mandela nicht davor zurück! Die Rede ist – von Selfies. Mittlerweile beschäftigt das Phänomen Wissenschaftler auf der ganzen Welt.
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    Hai

  • Prominente Selfie-Fans

    imago/EPD

    Die smarten Selbstporträts sind alles andere als neu, doch erst die prominenten Vertreter der Selfie-Kultur weckten auch das Interesse der Massenmedien: Vom kontroversen Selfie von Barack Obama auf der Beerdigung von Nelson Mandela über die gutgelaunten Papst-Selfies bis zu Angela Merkels Besuch in der Umkleidekabine der Nationalelf. Mittlerweile berichten die Medien oftmals über die dunkle Seite: angefangen von Todesfällen beim Shooting über makabre Fotos auf Beerdigungen bis zur illegalen Veröffentlichung erotischer Bilder. Der Beliebtheit der Selfies tat die Negativ-Presse allerdings keinen Abbruch.

  • Seit wann gibt es Selfies?

    imago/Westend61

    Im November 2013 wurde „Selfie“ vom renommierten Oxford English Dictionary zum „Wort des Jahres 2013“ erklärt. Zur Begründung argumentierte die Jury augenzwinkernd: „Wenn es gut genug für die Obamas oder den Papst ist, ist es auch gut genug für das Wort des Jahres.“ Die Wörterbuch-Redaktion fand zudem den Ursprung des Wortes heraus: Ein User des australischen Internet-Forums von ABC Online benutzte den Begriff 2002 zum ersten Mal – um sich für die schlechte Bildqualität seines Fotos zu rechtfertigen: „Sorry, was die Schärfe angeht, es war ein Selfie.“

  • Was unterscheidet Selfies von Selbstporträts?

    imago/Future Image

    Selbstporträts gab es natürlich schon lange vor dem Siegeszug der Smartphones. Doch ein Selfie ist etwas völlig anderes, wie der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Jens Ruchatz erklärt: „Ein Selfie ist eigentlich kein Selbstporträt im klassischen Sinne.“ Während ein Porträt üblicherweise versucht, das Wesen einer Person zu treffen, geht es neuerdings eher um die Kommunikation zeitlicher Veränderung in Bildform: Hier bin ich gerade, das mache ich gerade, so sehe ich gerade aus. „Das Bild erlebt eine Dynamisierung. Das ist weniger ein narzisstischer Vorgang als eine neue Art, über sich selbst zu erzählen“, so Ruchatz.

  • Sagen Bilder mehr als Worte?

    Privatarchiv

    Prof. Dr. Ruchatz ist Initiator der für April 2015 geplanten Konferenz „#selfie – Imag(in)ing the Self in Digital Media“. Die Veranstaltung an der Universität Marburg stellt eine der ersten internationalen Konferenzen zu dem Thema dar. Er sieht noch weitere Unterschiede zu herkömmlichen Bildern: „Das Bild verändert durch die moderne Technik seine Eigenschaften.“ Während klassische Fotos eher als Erinnerung dienen, verweisen Selfies dagegen stärker auf die nahe Gegenwart. „Es geht beim Selfie weniger um den vordergründigen Selbstbezug, sondern um den kommunikativen Austauschcharakter.“

  • Wo liegt SelfieCity?

    SelfieCity/Digitalthoughtfacility.com

    Auch das Projekt SelfieCity widmet sich dem Selfie-Trend mit einer wissenschaftlicher Sorgfalt bis in die Haarspitzen. Um der geheimen DNA der Selfies auf die Spur zu kommen, hat der New Yorker Computerwissenschaftler Dr. Lev Manovich zusammen mit Kollegen aus Disziplinen wie Neurowissenschaft, Medienwissenschaft und Kunstgeschichte 140.000 Instagram-Bilder analysiert. Die Forscher konzentrierten sich dabei auf fünf Weltmetropolen: New York, Bangkok, São Paulo, Moskau und Berlin. Mit ihnen erhofften sie sich, regionale Unterschiede zu finden. Die Ergebnisse kann man auf der Website Selfiecity.net einsehen. Die Studie zeigte: Selfie-Fotografen sind vor allem junge Menschen – Frauen und Männer mit einem Durchschnittsalter von 23,7 Jahren.

  • Hoher Lächel-Wert = Hohes Glück?

    SelfieCity/Digitalthoughtfacility.com

    Wer viel auf Selfies lacht, muss ein glücklicher Mensch sein – oder? Dann wären laut SelfCity-Analyse die Bewohner von Bangkok und São Paolo die glücklichsten Menschen der Welt, denn nirgendwo sonst wird so viel gelächelt. New York und Berlin dagegen positionierten sich im Mittelfeld. Am wenigsten nach Spaß sahen dagegen die Moskauer aus. Die größte Überraschung, welche das SelfieCity-Projekt ans Licht brachte, war allerdings eine andere Erkenntnis: Es werden weniger Selbstportraits geschossen als gedacht – zumindest wenn man den Selfie-Anteil an den Instagram-Beiträgen betrachtet.

  • Sind Selfies frauenfeindlich?

    imago/Westend61

    Dass Medien und Werbung Frauen vor allem auf ihre weibliche Ausstrahlung reduzieren, ist ein altbekanntes Vorurteil. Die Soziologin Gail Dines von der Universität Salford in England geht sogar noch weiter. Selfies würden dazu beitragen, dass Frauen sich selbst auf ihren Körper reduzieren, so die These der Professorin. Mimik-Stereotypen wie das „Duckface“ (frei übersetzt: „Entengesicht“, also der typische Selfie-Kussmund) oder das leichtbekleidete Posieren vor dem Badezimmerspiegel hätten laut Dines den Zweck, mit Hilfe erotischer Signale auf sich aufmerksam zu machen.

  • Sind Selfies gut oder schlecht fürs Selbstbewusstsein?

    imago/Westend61

    Während die Soziologin Gail Dines die Schattenseiten der Selfies betont, sieht betont die Psychologin Sarah J. Gervais von der Universität Nebraska eine versteckte Chance in den Bildern: In einem Artikel für „Psychology Today“ beschreibt sie Selfies als „stillen Widerstand gegen das Dauerfeuer von perfekten Bildern“, denen wir täglich durch die Werbung und Medien ausgesetzt sind. Können Selfies also bei der Rebellion gegen die weit verbreiteten Photoshop-Schönheitsideale helfen? Davon ist Sarah J. Gervais überzeugt. Anstatt von der makellosen, aber künstlichen, Ästhetik in Hochglanzmagazinen unter Druck gesetzt zu werden, erlauben uns Selfies, „Bilder von echten Menschen zu sehen – in ihrer wundervollen Vielseitigkeit.“

  • Wie echt sind Selfies?

    imago/Westend61

    Laut den Experten von Techinfographics.com werden weltweit über eine Million Selfies erstellt – und das pro Tag. Die von der Psychologin Sarah J. Gervais erwähnten „Bilder von echten Menschen“ sind das allerdings nicht in jedem Fall. Denn die ungeschminkte Wahrheit über sich selbst zeigen vor allem Prominente auf Selfies. Die Normalbevölkerung dagegen will sich von der Schokoladenseite präsentieren. 14 Prozent verlassen sich dabei nicht auf vorteilhafte Posen, sondern versuchen, ihre Selbstporträts mit digitalen Foto-Tricks aufzuhübschen. Aber nicht nur Frauen greifen auf diese Tricks zurück: Tatsächlich gaben 34 Prozent der männlichen Selfie-Fotografen zu, kleine Makel zu retuschieren. Die weibliche Quote lag bei lediglich 13 Prozent.

  • Machen Selfies neidisch?

    imago/Westend61

    Sowohl Medienkritiker als auch viele Psychologen sehen im Trend zur Selbstdarstellung eine Art modernen Narzissmus. Das Selfie – ein Spiegel, in dem wir unser bestmögliches Selbstbild betrachten wollen. Während der Ego-Fotograf sich selbst schmeichelt, reagieren die Betrachter dagegen oftmals alles andere als erfreut. Zu diesem Ergebnis kommt eine an der Oregon State University durchgeführte Studie. Auch andere Studien legen nahe: Wer sich angesichts eines sportlichen Erfolgs in Siegerpose knipst, den im Büro verbliebenen Kollegen Beweisfotos vom Traumurlaub schickt oder sich als stolzer Besitzer eines neuen Luxusartikels oder als glückliches Liebespaar inszeniert, provoziert damit oft negative Reaktionen wie Neid oder Ablehnung.

  • Fördern Selfies Schönheitsoperationen?

    imago/Westend61

    Die Antwort der amerikanischen Schönheitschirurgen-Vereinigung AAFPRS (American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery) ist ein lautes „Ja!“. Eine aktuelle Studie der Beauty-Docs führt den auffallenden Anstieg der Anfragen nach Schönheits-Operationen von Menschen unter 30 Jahren auf den Selfie-Trend zurück. Jeder Dritte der befragten Ärzte der AAFPRS war überzeugt, dass mit zunehmender Selbstaufmerksamkeit immer mehr junge Menschen mit ihrem Aussehen unzufrieden seien. Edward Farrior, Präsident der Akademie, erklärte, Selfies und die dazugehörigen sozialen Netzwerke „zwingen die Patienten dazu, mit dem Mikroskop auf ihr Selbstbild zu schauen und werden dadurch selbstkritischer als je zuvor.“

  • Ist das berühmteste Selfie der Welt eine Fälschung?

    imago/UPIPhoto

    Spätestens seit Moderatorin Ellen DeGeneres und Hollywood-Stars wie Jennifer Lawrence, Meryl Streep, Julia Roberts, Brad Pitt, Kevin Spacey und Bradley Cooper die Köpfe für einen Gruppen-Schnappschuss bei der Oscar-Verleihung im März 2014 zusammensteckten, hat das Selfie-Konzept auch die letzten Unwissenden erreicht. Das Mega-Selfie avancierte zur meistverbreiteten Twitter-Nachricht aller Zeiten. Der Tweet wurde bereits innerhalb einer Stunde über 1,3 Millionen Mal weitergeleitet. Umso größer war später der Skandal, als sich herausstellte, dass die vermeintliche Spontanaktion ein genauestens durchdachter Marketing-Coup war: Der Selfie wurde nämlich nicht zufällig mit einem Galaxy-Smartphone erstellt. Samsung hatte für das werbewirksame Product Placement laut Medienberichten 18 Millionen US-Dollar bezahlt. Eine wahrhaft oscarreife Inszenierung…

  • Locken Selfies Läuse an?

    imago/Westend61

    Nicht nur Teenager erfreuen sich an den Selpstportraits, sondern auch Kopfläuse. Davon zumindest ist die amerikanische Gesundheitsexpertin Marcy McQuillan überzeugt. Denn während Läuse üblicherweise vor allem Kleinkinder plagen, könnten sie von einem Kopf auf den anderen krabbeln, wenn Teenager sich für das selbstgeknipste Gruppenbild eng zusammenstellen, so McQuillan. Was dafür spricht, dass McQuillans Idee an den Haaren herbei gezogen sein könnte? Das Unternehmen, für das sie arbeitet, verkauft Produkte gegen Läuse. Allerdings: Ganz allein ist Mary McQuillan nicht mit ihrer Theorie. Erst vor wenigen Tagen schlug der russische Verbraucherschutz Alarm und rät aufgrund der Lausgefahr von Selfies ab.