Familienalltag

Wie schütze ich mein Kind vor Pornografie im Internet?

Viele Kinder haben bereits im Grundschulalter ein Smartphone zur Verfügung. Das bedeutet: Sie laufen schon als elf- oder zwölfjährige Gefahr, mit harter Pornografie konfrontiert zu werden. Auch wenn viele Eltern dieses Thema gerne ignorieren: Hier hilft nur ein vertrauensvoller Dialog.

© iStock-Serghei-Turcanu

Für Digitaltrainer Daniel Wolff sind Pornografie und sexuelle Gewalt bei seinen Elternabenden zum Thema „Kids und Smartphone“ Kernthemen, die er in den Fokus stellt. Für die betroffene Eltern sind sie immer noch ein Tabu-Thema, das viele weit von sich wegschieben. Aber der erfahrene Digital-Pädagoge weiß genau, wie die Kluft zwischen Eltern und Kindern beschaffen ist, wenn es um das Thema Porno-Konsum mit dem Smartphone geht. „Leider retten sich noch immer viel zu viele Eltern in die beruhigende Scheinvorstellung, dass ihr Kind so etwas bestimmt nicht macht“, konstatiert Daniel Wolff. Dabei grenzt diese Ansicht beinahe schon an Realitätsverzerrung. Denn die Fakten sehen anders aus: 
 
  • Weltweit besteht etwa ein Drittel aller gestreamter Internet-Daten aus sexuellen Inhalten.
  • Über den Globus verteilt stellen mehr als 370 Millionen Webseiten pornografische Inhalte zur Verfügung.
  • Die durchschnittliche Medien-Zeit von Jugendlichen in Deutschland liegt bei über sechs Stunden täglich.
  • Teenager (14/15 Jahre) geben an, im Durchschnitt bereits mit 12,7 Jahren zum ersten Mal Pornos gesehen zu haben – oft ungewollt.
  • Viele Kinder und Jugendluche starten durch die Pornofalle Smartphone völlig verunsichert in die eigene Sexualität.
  • Wissenschaftler vermuten, dass es sogar porno-indizierte Erektionsstörungen (PIED) gibt.

Die Angst vor dem Smartphone-Entzug ist übermächtig 

Die Reaktionen vieler Eltern auf diese sensible Thematik fallen ähnlich aus: Sie reagieren mit der denkbar schlechtesten Maßnahme. Denn finden die Eltern Pornos auf dem Kinder-Handy oder – noch schlimmer – wird der Teenager beim Konsum von Sexinhalten erwischt, wird das Handy erst einmal einkassiert. Aber genau dies ist die Krux bei der Smartphone-Pornografie. Daniel Wolff erklärt: „Wenn die Kids zum ersten Mal Pornos auf dem Smartphone konsumieren, erleiden sie eine Art Schock. Schnell mischt sich Scham mit dem Bewusstsein, etwas Verbotenes zu tun. Und, davon sind die Kids überzeugt, das geliebte Smartphone wäre sofort weg, wenn sie die Eltern auf ihr Pornoerlebnis hin ansprechen.
 
Die Konsequenz: Sie verschweigen das Erlebnis und versuchen stattdessen akribisch, alle Spuren zu verwischen. Andererseits lockt der Reiz des Verbotenen und schnell wird der kurze Ausflug auf die Sex-Webseite zum Alltagsritual. Und so verschiebt sich der Pornokonsum ins Verborgene, während die Eltern nach wie vor in ihrer Wunschvorstellung verharren, dass „mein Kind so etwas bestimmt nicht macht“.
 
Die Folgen sind verheerend. Inzwischen hat sich bei den Teenies der Zeitpunkt des ersten sexuellen Erlebnisses wieder deutlich nach hinten verschoben. Daniel Wolff: „Viele Kids erleiden durch die durch Smartphones immer und überall verfügbare Internet-Pornografie einen dramatischen Fehlstart in die eigene Sexualität. Besonders bedingt durch Versagensängste und ein völlig falsches Rollenverständnis, das die Pornoindustrie ihnen einimpft.“  

Der einzige Weg: Einen vertrauensvollen Dialog beginnen 

Eltern, die sich ernsthaft dieser Problematik stellen, haben nur dann eine realistische Chance auf Mitwirkung, wenn sie am besten schon vor der Übergabe eines eigenen Smartphones einen Dialog beginnen, der von Vertrauen geprägt ist. Verbote, Strafankündigungen und WLAN-Abschaltung führen dagegen direkt in die Sackgasse. Richtig ist es hingegen, mit den Kids offen über Pornografie zu sprechen und so einen allgemeinen Zugang zum Thema Sexualität zu eröffnen.
 
Dazu gehört natürlich auch, dass die Eltern sich zunächst einmal selbst ein Bild davon machen müssen, wie es um pornografische Inhalte im Netz bestellt ist. Schon diese Recherche wird vermutlich bei vielen Eltern dazu führen, dass sie das bisher verdrängte Problem anders beurteilen. Denn es ist tatsächlich erschreckend, wie einfach und schnell sogar als pervers eingestufte Pornos gratis und ohne Alterslegitimation zu bekommen sind.

Die wichtige Botschaft: Sex ist nicht gleich Porno

Doch wie können Eltern das Thema angehen? Das Problem: Das klassische „Aufklärungsgespräch“ zum Thema Sex hat sich seit den 70er bis 90er Jahren kaum geändert – nur das „Vorwissen“ der Kids, auf das die Eltern heute treffen, ist völlig anders dimensioniert. Die Eltern sollten einen geeigneten Zeitpunkt finden, und dann das Thema Sexualität allgemein auf den Tisch bringen, ohne es zu verteufeln, als generelle Gefahr zu positionieren oder es zu kriminalisieren.
 
Das ist einst wie heute keine leichte Aufgabe – denn Teenies schätzen es bekanntlich nicht, mit „Schamthemen“ ausgerechnet von den eigenen Eltern konfrontiert zu werden. Was aus Sicht der Eltern hilfreich sein kann, ist ein Einstieg mit eigenen Erfahrungen in Sachen Internet-Pornos. Das kann die Barriere abbauen, da die Kids sich nicht gleich ertappt und oder überführt fühlen.
 
Wie auch immer sich die Gesprächseröffnung gestaltet, der Kernpunkt im Dialog ist die Botschaft, dass die im Netz dargestellte Sexualität nichts mit echter Sexualität gemein hat. Dass zu erfüllter Sexualität Kommunikation, Zärtlichkeit und Zuneigung gehören, die nichts mit den in Pornos zur Schau gestellten Sexparametern wie Penislänge, Performance, Unterwürfigkeit und überzogenen Schönheitsidealen zu tun haben. 
 
Fazit: Nur durch einen behutsam initiierten, vertrauensvollen Dialog besteht für Eltern überhaupt eine Chance darauf, Kids und Teenies durch den Pornodschungel im Internet zu begleiten – und sie durch einen nachhaltigen Austausch vor den fatalen Folgen zu schützen, die ein dauerhafter Konsum von Internet-Pornografie mit sich bringt, sobald er vollends im Geheimen stattfindet. 

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