Was uns Mediziner verschweigen - Teil 8

Wie erfindet man eine Krankheit?

Nutzen Krankheitserfinder aus, dass Menschen nach Gesundheit streben? Welche sind diese erfundenen Krankheiten? Und was bedeutet das für den Patienten?

Gluten-Check

© Imago/MIS

Es ist eine Volkskrankheit – und sie kam auch für Mediziner völlig unerwartet aus dem Nichts. Geschätzte vier bis sieben Millionen Deutsche leiden mittlerweile an den Folgen einer Gluten-Unverträglichkeit. Ärzte diagnostizieren sie fortlaufend – doch verschweigen sie ihren Patienten dabei oft das Wichtigste: Es gibt keinen Beweis für die Existenz einer solchen Intoleranz.

Das böse Gluten – nur ausgedacht?

Diagnosen sind bislang nur indirekt möglich. Frei nach dem Motto: Können andere Unverträglichkeiten ausgeschlossen werden, muss es Gluten sein. Und weil sich Ärzte aus diesem Grund gar nicht so sicher sind, ob dieses Leiden wirklich existiert, gilt die Gluten-Intoleranz im Gegensatz zur echten Zöliakie – einer chronischen Entzündung der Dünndarmschleimhaut mit Symptomen wie Knochenschmerzen oder Blutarmut – offiziell als sogenannte Disease Mongering oder Krankheitserfindung.

Forscher gehen sogar davon aus, dass nur jeder 20. Gluten-Gepeinigte wirklich an einer echten Unverträglichkeit leidet. Gewinner dieser Entwicklung: die Lebensmittelindustrie – die dafür eine ganze Ernährungssparte in die Welt gesetzt hat. Doch das ist noch nicht alles. Auch jenseits von verhältnismäßig harmlosen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten wird die Liste erfundener, vermeintlicher Krankheiten immer länger.

Depression: Ein Marketing-Gag?

Ein Beispiel: das sogenannte Sissi-Syndrom, eine angebliche Form der Depression. Zum scheinbaren Krankheitsbild zählen Rastlosigkeit, Sprunghaftigkeit, Hyperaktivität, Stimmungsschwankungen und Selbstwertprobleme. Der Medizin- und Wissenschaftsautor Jörg Blech fand heraus, dass die Krankheit nicht etwa in Arztpraxen entdeckt, sondern in der Marketingabteilung eines Pharmaunternehmens erfunden wurde – und zwar um das passende Leiden zu einer bereits entwickelten Pille zu konstruieren, so Blech.
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Doch wieso eigentlich dieser ganze Aufwand? „Aus Sicht der Pharmaindustrie werden normalerweise die falschen Menschen krank – nämlich die armen und alten, mit nur noch kurzer Lebenserwartung“, erklärt Prof. Karl Lauterbach. Deswegen habe es für viele Pharmariesen in den vergangenen Jahren im Vordergrund gestanden, Krankheiten wieder zu den Zahlungsfähigen zu tragen – und das gelänge nun mal am einfachsten mit Erkrankungen, die man für die entsprechende Zielgruppe direkt designt. „Ärzte sind in diesem System die Erfüllungsgehilfen der Industrie“, erklärt Blech. Denn kostenpflichtige Beratungen oder bei den Versicherungen nicht erstattungsfähige IGeL-Leistungen sind für praktizierende Ärzte vor allem eines: ein lukrativer Markt. „Wer die Leute nach Hause schickt, kann daran nichts verdienen“, sagt Blech.

Die falsche Depression

Manche Krankheiten müssen gar nicht erfunden werden. Es genügt, Grenzwerte herabzusetzen oder die Krankheitsbilder neu zu definieren. Die Kriterien einer Depression beispielsweise waren vor 20 Jahren erheblich strenger. Gemäß dem Klassifikationssystem der Psychiatrie, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV, darf nun bereits zwei Wochen nach einem Trauerfall eine Diagnose erstellt werden. Bislang lag diese Sperrfrist bei zwei Monaten und zuvor bei einem Jahr, da bei Trauernden sehr ähnliche Symptome auftreten wie bei depressiven Menschen. Die Folge: Menschen, die eigentlich nur Zeit bräuchten, um sich aus eigener Kraft zu erholen, werden womöglich vorschnell zu Patienten erklärt und behandelt.

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