Informationstechnologien

Weg mit den Stiften! Computer schreibt mit Hilfe von Hirnströmen

Eine neu entwickelte Software soll zukünftig Gedanken verschriftlichen können. Was steckt hinter dem Science-Fiction-Konzept?

verkabeltes Gehirn

© iStock/vasabii

Erst vergangenes Jahr wurde die Software, die dem bekannten Physiker Stephen Hawking eine Stimme verleiht, revolutioniert. Der an ALS (einer Degeneration des motorischen Nervensystems) erkrankte Wissenschaftler steuerte bis dato seinen Computer mit Hilfe eines einzigen Wangenmuskels, dessen Bewegungen ein Infrarotsensor an seiner Brille registrierte. Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz baute er so mühsam zusammen – pro Minute schaffte er ein oder zwei Wörter. Und das auch nur, weil er diese Technik über Jahre hinweg perfektioniert hat. Eine unvorstellbare Geduldsprobe.

Ende 2014 wurde dann ein neues Programm entwickelt, das jahrelang Hawkings Sprache analysierte und auswertete. Mit einem Mal konnte sich der Physiker zehnmal schneller ausdrücken. Der Grund: Die Software erkennt komplizierte Zusammenhänge und kann durch unzählige Datenauswertungen Hawkings Sprache vorhersagen. Eine absolute Revolution – nicht nur für ihn, sondern potentiell auch für viele andere ALS-Patienten.

Vom Hirn zum Text

Doch diese Software könnte schon bald von einer weiteren bahnbrechenden Erfindung abgelöst werden, über deren Möglichkeit Wissenschaftler schon lange diskutiert haben: die direkte Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Brain-to-Text (Deutsch: vom Gehirn zum Text) heißt die von deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern neu entwickelte Software, die schon bald ermöglichen soll, sich allein durch die Kraft der Gedanken zu schreiben.

Was normalerweise Stimmbänder, Mund und Hände mit spielerischer Leichtigkeit verrichten, erledigen hierbei Hirnströme – elektrische Signale des Gehirns, die zum Beispiel beim Verarbeiten von Sinneseindrücken, bei Angst, Hektik und auch beim Sprechen und Denken ausgesendet werden. Diese Ströme soll der Computer lesen, entschlüsseln und dann zu Lauten, Wörtern und ganzen Sätzen rekonstruieren.

Epileptiker als wertvolle Probanden

Das Programm wurde in einer Studie mit sieben Teilnehmern getestet. Die Anzahl der Personen war deshalb so gering, weil diese im Gehirn implantierte Elektroden besitzen mussten. Das liegt daran, dass die von außen angebrachten Hauben zur Messung der elektrischen Ströme nicht sensibel genug sind, um diese durch die Schädeldecke hindurch korrekt zu erkennen. Man benötigte also verstärkende Elektroden – und diese besaßen sieben Teilnehmer, die alle an Epilepsie litten. Das Netz aus Elektroden soll bei ihnen ursprünglich anzeigen, von wo die Krampfanfälle ausgehen und wo sie gegebenenfalls operiert werden müssen.
Während der Studie mussten die Teilnehmer verschiedene Passagen laut vorlesen, während der Computer gleichzeitig die Neurodaten verarbeitete. Die Software sollte dabei die individuellen Laute mit dem dazugehörigen Hirnstrom verbinden, was den ausgeklügelten, selbstlernenden Algorithmen des Programms mit der Zeit immer zuverlässiger gelang. In der Studie arbeitet Brain-to-Text zwar ausschließlich auf hörbarer, gesprochener Sprache – doch sind die Ergebnisse ein wichtiger erster Schritt hin zur Erkennung gedachter Sprache.

Vielversprechende Ergebnisse

Angesichts der Tatsache, dass die Studie nur auf sieben Teilnehmern basiert, dennoch aber zuverlässige Daten lieferte, seien die Ergebnisse sehr vielversprechend, so Peter Brunner vom Albany Medical College. Normalerweise basieren Programme zur Spracherkennung auf mehreren tausend Stunden Audiodaten, um zuverlässige Ergebnisse liefern zu können.

Sind Stifte in Zukunft also überflüssig? Werden Autoren ihre Werke in wenigen Tagen statt in vielen Wochen schreiben? Schreibt die Software kategorisch alle Gedanken nieder oder ist es möglich, Start- und Endpunkt festzulegen? Können sich Menschen wie Stephen Hawking bald nahezu ohne Zeitverzögerung unterhalten? Und falls ja, wird es die Software auch zu erschwinglichen Preisen geben? Die Fragen zeigen einerseits zwar, dass das Projekt noch in den Kinderschuhen steckt. Andererseits deuten sie aber auch auf das große, in ihm schlummernde Potenzial hin.

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