Tierschutz

Warum werden Milchkühe von ihren Kälbern getrennt?

Damit Kühe Milch geben können, müssen sie etwa einmal im Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Dies trennen die Landwirte in der Regel unmittelbar nach der Geburt von der Mutter. Aber warum ist das so? Und gibt es eine alternative Vorgehensweise?

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Die Trennung von Mutter und Kalb ist die Regel in der heutigen Milchkuhhaltung. Der Grund: Nur so kann die gesamte Milch, die von Natur aus für das Kalb bestimmt wäre, für den menschlichen Konsum verwendet werden. Allerdings gibt es Landwirte, die sich bewusst dagegen entscheiden, damit die Kälber die ersten Lebensmonate bei ihren Müttern verbringen können. 

Ein Beispiel ist Mechthild Knösel. Vor fünfzehn Jahren entschied sich die Landwirtin dazu, auf dem Hofgut Rengoldshausen am Bodensee die muttergebundene Kälberaufzucht einzuführen. Zu dieser Zeit war das ein ungewöhnlicher Schritt, doch inzwischen haben viele Betriebe nachgezogen. Vorschriften, wie dieses System im Detail umzusetzen ist, gibt es bis heute jedoch nicht. In ihrem Betrieb hat Knösel das folgende Verfahren etabliert: Die ersten Wochen, in denen die Kälber noch sehr labil sind, bleiben sie durchgängig bei ihren Müttern. Sobald sie an Kraft gewonnen haben, wird die Kuh für immer längere Phasen zur Herde gelassen. Schließlich folgen drei Monate, in denen das Kalb nur noch zwei Mal am Tag für jeweils eine Stunde zur Mutter darf. Wenn dann die vollständige Trennung von der Mutter bevorsteht, räumt die Landwirtin den Tieren eine längere Übergangsphase ein.

Gesunde und fitte Kälber

Der positive Effekt: Die Kälber erhalten so viel Milch wie sie möchten und werden von ihren Müttern liebevoll umsorgt. Das führt zu Gesundheit und Wachstum. „Unsere Kälber sind sehr fit: Beim Absetzen von der Mutter wiegen sie im Schnitt 200 Kilogramm und sind damit deutlich schwerer als ein normales Milchkalb zu diesem Zeitpunkt“, so Knösel. 

Doch es gibt auch Kritik an der muttergebundenen Aufzucht: Die psychische Belastung für die Tiere sei höher, wenn Mutter und Kalb im Gegensatz zur konventionellen Haltung erst nach Monaten getrennt werden. Diese Probleme aber sieht Knösel auf ihrem Hof nicht, da sie die Veränderungen für die Tiere sehr behutsam umsetzt. Auch Aufwand und Kosten sind weitere Punkte. Beides lässt Knösel nicht gelten. Die Fütterung der Kälber übernimmt bei ihr – wie die Natur es vorgesehen hat – die Mutterkuh, so dass für die Landwirtin unterm Strich sogar ein Zeitgewinn steht. Das Kostenargument speist sich meist aus der Tatsache, dass Kühe, die ihre Kälber versorgen, weniger Milch geben. Landwirtin Knösel gibt aber zu bedenken, dass sie an anderer Stelle Kosten spart: „Unsere Kälber sind sehr robust. Ich brauche dadurch so gut wie keinen Tierarzt mehr im Kälberstall. Das kann fast kein Betrieb von sich behaupten, denn ich weiß aus Erfahrung von früher und von Kollegen, dass Kälbergesundheit stets ein Thema ist.“

Dass noch nicht mehr Höfe auf eine muttergebundene Kälberaufzucht umgestellt haben, liegt nach Ansicht von Knösel auch an den Traditionen im Denken vieler Landwirte. „Manche wehren sich schon bei der Vorstellung, so etwas wie die muttergebundene Aufzucht überhaupt zu probieren. Dann suchen sie nach Gründen, weshalb es nicht funktionieren kann.“ Dennoch hat sich in den letzten 15 Jahren, in denen Knösel auf diese Form der Kälberaufzucht setzt, bereits einiges getan: „Ich merke einen deutlichen Gegensatz zu früher, als wir mit unserer Art, die Kälber großzuziehen, noch wirklich in der Nische waren. Den meisten Landwirten ist das Thema inzwischen schon einmal begegnet und bei manchen trifft es einen Nerv“, berichtet sie. 

Das Tier im Fokus

Für die Zukunft der Milchkuhhaltung wünscht sich die Landwirtin, dass die Bedürfnisse der Tiere bei der Haltung mehr im Fokus stehen. Daraus folge eine Arbeit mit dem Tier und nicht gegen das Tier. Für die Entwicklung der muttergebundenen Kälberaufzucht hofft Knösel, dass sich praxistaugliche Beratungsstrukturen entwickeln, die interessierten Landwirten den Umstieg erleichtern.

Nach Ansicht von Tierschutzorganisationen wie der Welttierschutzgesellschaft sind zudem Förderprogramme notwendig, damit sich diese tiergerechte Methode der Kälberaufzucht stärker etablieren kann. Sobald ein echter Markt für Milch aus alternativen Aufzuchten besteht, können sich Verbraucher im Einzelhandel bewusst dafür entscheiden. In Zeiten des Höfesterbens wäre dies auch eine Chance für kleinere Bauernhöfe, die im konventionellen Bereich mit den großen Milchhöfen nicht mehr mithalten können. Um auch die Zustände auf den vielen Höfen zu verbessern, die sich noch nicht für eine muttergebundene Aufzucht entschieden haben, fordern die Tierschützer eine Haltungsverordnung für Milchkühe. Denn bisher gibt es noch keinen solchen rechtlichen Rahmen, der gesetzliche Mindeststandards für die Milchkuhhaltung definieren würde.

Hofliste gibt Orientierung

Eine verlässliche Zahl, wie viele Höfe heute deutschlandweit bereits die muttergebundene Kälberaufzucht umsetzen, gibt es nicht. Die Welttierschutzgesellschaft bietet Interessierten jedoch mit ihrer Hofliste eine Möglichkeit, Betriebe in der eigenen Region zu finden, die eine alternative Kälberaufzucht umsetzen und ihre Milch direkt auf dem Hof oder auf Wochenmärkten veräußern. 

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