Bergwelten

Trepalle, das höchste Dorf Europas

Dem Himmel so nah! In der Nähe des Zollfrei-Paradieses Livigno versteckt sich das historisch wie kulturell spannende Trepalle (auf deutsch: „Drei Eier“) auf 2.126 Meter über den Dingen. In dem Bergdorf betreibt die höchstgelegene Pfarrei Europas eine Tankstelle. Und der Dorfpfarrer war einst Rechtsanwalt. Und nebenbei Chef einer Schmugglerbande.

© APTLivigno

Livigno war einst wegen seiner gottverlassenen Lage hoch in den lombardischen Alpen – zwischen den Eisriesen von Ortler und Bernina – bettelarm. Heute kommen auf 6700 Einwohner doppelt so viele Gästebetten. Und das Bergdorf auf über 1800 Meter Seehöhe ist Zollfrei-Paradies mit über 250 Shops alleine in der Fußgängerzone. Zwei hochmoderne Liftanlagen locken im Sommer Mountainbiker und Wanderer, im Winter Skifahrer und Snowboarder nach „Little Tibet“. Wer von Bormio über den Eira-Pass nach Livigno fährt, kommt in Trepalle vorbei. Das liegt nochmals 300 Meter höher als Livigno. An der Tankstelle im Bergdorf kostet der Liter Diesel um die 80 Cent. Trepalle erzählt seine eigene, skurrile Geschichte. Eine Geschichte von Armut, Gottesfurcht sowie Import & Export.

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Der Pfarrer von Trepalle, oder: Ein Gottesmann mit sehr irdischen Lebenseinstellungen
Alessandro Parenti war ein Mann mit vielen Talenten. Von 1939 bis 1980 war „Don Sandro“ Dorfpfarrer von Trepalle. Hier oben, in der höchstgelegenen Pfarrei Europas, war das Leben eines der härtesten. Auf über 2000 Metern Seehöhe musste man kreativ sein, um zu überleben. Also gingen die jungen Männer nachts zum Schmuggeln hinüber nach Bormio und ins Engadin. Wurden sie erwischt, verteidigte sie der streitbare Pfarrer, der eine juristische Ausbildung hatte. Sein Argument: Die Grenzen seien menschengemacht, nicht von Gott gegeben – somit könne er als Pfarrer das Schmuggeln nicht verurteilen. Außerdem müssten die Dorfbewohner schmuggeln, weil sie so arm seien.
Wo selbst der liebe Gott nicht helfen konnte, half Don Sandro selbst: Kurz nach seiner Ankunft ließ der Gottesmann direkt an der Passstraße eine Zapfsäule installieren. Mit dem Spritverkauf finanzierte er Wasser und Licht für Trepalle. Die Kinder unterrichtete er selbst. Und nach Schulschluss und der Abendmesse machte er sich auf den einsamen Weg. Nicht in die Kneipe, sondern zum Schmuggeln …

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Don Camillo war ein echter Livignasco. Zumindest sein literarisches Vorbild
Man muss nicht allzu weit um die Ecke denken, um Parallelen zwischen Alessandro Parenti und Don Camillo aus den Italo-Komödien der 50er und 60er Jahre zu erkennen. Der Autor von „Don Camillo und Beppone“, ein gewisser Giovannino Guareschi, verbrachte einige Sommer in Trepalle. Ob er zum Schmuggeln mitgenommen wurde, ist leider nicht überliefert. Übrigens: Die Tankstelle von Don Sandro gibt es heute noch, an der Straße zwischen Passo d’Eira und Passo di Foscagno. Und sie ist immer noch Eigentum der Pfarrei. Die Original-Zapfsäule kann man im Heimatmuseum MUS! unten in Livigno bestaunen.

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